So, als würde man gegen sich selbst kämpfen, so schwierig ist das

Manchmal wollte ich lieber zwei Personen gleichzeitig sein. Ich wollte ich selbst sein, klar, und ich wollte auch meine Schwester sein, damit sie nicht so tot sein musste, und weil das so traurig war und so gemein. Und damit niemand meine Schwester vergessen konnte. Ich dachte viel darüber nach, und ich fand, mein Körper war groß genug für uns beide, und sie konnte ruhig ein Bein und einen Fuß und einen Arm und eine Hand und meinen halben Kopf abhaben von mir.
Es war trotzdem schwierig, zwei Personen gleichzeitig zu sein. Wenn ich redete, dann dachte ich daran, dass sie nicht reden konnte, und wenn ich rannte, dann dachte ich daran, dass sie nicht rennen konnte, und wenn ich spielte und Fahrrad fuhr, dann dachte ich auch daran, dass sie das nicht konnte, und so weiter. Und wenn mich jemand rief, dann rief er mich bei meinem Namen und nicht bei dem Namen meiner Schwester, und das war falsch, und machte mich traurig, aber andererseits war das auch trotzdem richtig, und das machte mich manchmal ganz schwindelig im Kopf.

Wenn man zwei Personen sein will, obwohl man eigentlich nur eine Person ist, das ist nämlich eine richtig komplizierte Sache. Das ist sehr schwer, so als würde man gegen sich Memory spielen oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder so, und als würde jeder dabei gewinnen wollen. Oder als würde man gegen sich selbst kämpfen. So ist das, so schwierig.
Auch wenn ich so gerne wollte, dass meine Schwester gewinnen würde und ich so werden wollte wie sie, weil ich so traurig fand, dass sie tot sein musste, gewann meistens ich. Weil es so schwierig für mich war, so zu sein wie sie, weil ich so gerne rannte und spielte. Weil ich so gerne gewann und so gerne ich war, heimlich. Ich schämte mich, dass ich so eine schlechte Schwester war.

Memory und Wackelturm

Als ich in der dritten Klasse war, ging ich jeden Dienstag Nachmittag zu einer Therapeutin, weil ich lernen sollte, wie man spielt und wie man redet und wie man Freunde findet. Und ich lernte, mit dem Bus allein zur Therapie zu fahren, weil das die Erwachsenen so wollten. Das Schwierige daran war nur, dass ich mit dem Busfahrer reden musste, um eine Fahrkarte zu bekommen, und ich redete nicht gerne, und die vielen anderen Leute, und ich hatte Angst vor anderen Leuten. Aber ich lernte sehr gut, allein mit dem Bus zu fahren.

Die Therapeutin hatte immer ein Tintenfass auf dem Tisch stehen, und einen Füller, mit dem sie manchmal Dinge aufschrieb. Sie wollte mit mir Fußball spielen, und mit Figuren im Puppenhaus und dass ich malte, aber das wollte ich nicht. Ich spielte nur zwei verschiedene Spiele bei der Therapeutin. Memory, dabei gewann ich immer, und ein Spiel, das Wackelturm hieß oder so, und dabei verlor ich immer. Das fand ich gerecht, dass jeder von uns mal verlor und mal gewann, da musste niemand von uns traurig sein. Ich spielte nichts anderes mit ihr, denn ich war mir sehr sicher, dass sie nur mit mir spielen wollte, um Dinge aus meinem Inneren zu erfahren, die sie dann mit ihrem Füller aufschreiben und meinen Eltern erzählen konnte. Ich wollte nicht, dass sie Dinge über mich wusste. Ich ging ganz gerne zur Therapeutin, weil ich spielte sehr gerne Memory.

Nachdem ich etwa ein Jahr lang jeden Dienstag Nachmittag Memory und Wackelturm mit der Therapeutin gespielt hatte, brachte ich einmal Fotos von meiner Schwester mit zur Therapie. Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, vielleicht hatte sie mich gefragt. Ich war sehr stolz und freute mich sehr, dass jemand Fotos von meiner Schwester anschauen wollte, denn sonst wollte niemand Fotos von meiner Schwester anschauen.

Ich reichte der Therapeutin die Mappe mit den Fotos, und meine Hände zitterten, und sie rückte ihre Brille zurecht. Sie machte es nicht richtig mit den Fotos. Sie sah sich die Fotos an, und sagte sowas wie, dass ich früher dickere Wangen gehabt hätte, oder wer wem am Ähnlichsten sah. Sie sagte die falschen Dinge. Sie sollte sowas sagen wie: „So eine schöne Prinzessin, das darf doch nicht sein, dass sie tot ist.“ Und sie sollte richtig sauer und traurig darüber sein, dass meine Schwester tot war, und dann sollte sie sie wieder lebendig machen. So sollte sie das machen. Ich guckte meine Schwester auf den Fotos an, und sie guckte zurück, und ich schluckte und zitterte, und die Therapeutin redete immer noch falsche Dinge, und ich weinte, obwohl ich eigentlich gar nicht weinen wollte. Ich weinte und weinte und weinte. Es war das erste Mal, dass ich weinte, weil meine Schwester tot war.

Irgendwann hörte ich auf zu Weinen, und die Therapeutin rief bei mir zu Hause an, und fragte, ob mich jemand abholen könnte, damit ich nicht mit dem Bus fahren müsste. Mein Vater wollte mich nicht abholen, ich hörte, wie er sagte, dass ich mit dem Bus fahren sollte, weil das könnte ich ja jetzt, und die Therapeutin versuchte, ihn zu überreden, mich abzuholen. Ich schämte mich, weil ich meinen Eltern Probleme machte.

Ich weiß nicht mehr, ob mich schließlich doch jemand abholte oder ob ich mit dem Bus heim fuhr. Danach ging ich nicht wieder zur Therapeutin. Ich wollte nicht mehr dorthin, weil ich wusste, dass sie Dinge aus meinem Inneren gesehen hatte, die eigentlich geheim waren. Weinen war blöd, ich war blöd, weil ich geweint hatte. Ich beschloss, nie wieder zu weinen.

 

 

 

 

Wie eine Außerirdische oder ein Stein oder so

Bevor meine Schwester starb, war ich ein Kind, wie die anderen Kinder auch. Natürlich, jedes Kind sieht etwas anders aus und kann etwas anderes gut, manche Kinder können sehr schnell rennen oder reden sehr viel oder können toll malen oder erfinden lustige Dinge, aber trotzdem, ich fühlte mich, als wäre ich ein Kind, wie die anderen Kinder, die ich kannte. So wie meine Prinzessinnen-Schwester und meine anderen Geschwister und wie die Kinder aus dem Kindergarten.

Der Tod machte, dass ich mich anders fühlte, und dass, ohne dass ich das wollte. Ich war plötzlich anders als die Kinder aus dem Kindergarten, weil meine Schwester war tot und unter der Erde vergraben, und niemand sonst hatte eine Schwester, die tot war. Eine Schwester zu haben, die eine Prinzessin ist, und im Sitzsack liegt und zuhört, wenn man ihr Geschichten erzählt, das ist ziemlich gut, aber eine Schwester zu haben, die einfach nur tot ist und nicht mehr da, das ist blöd und tut weh. Der Tod, und weil ich so traurig darüber war, machte, dass ich manchmal trauriger war als andere Kinder, und manchmal stiller und leiser, und manchmal war ich wütend. Ich war auch wütend darüber, dass der Tod mich anders machte, sehr wütend.
Der Tod machte auch, dass ich anders fühlte als meine Prinzessinnen-Schwester. Weil sie tot war und ich lebte. Als sie noch lebte, waren wir gleich gewesen, weil unsere Lieblingsfarbe dieselbe gewesen war, und weil wir dieselben Dinge fühlten. Klar, sie war eine Prinzessin gewesen und ich nicht, und ich war größer als sie und ich hatte lange Haare und sie kurze, aber das war uns egal. Nur, dass sie tot war und ich lebte, das war mir überhaupt nicht egal, und dass ich plötzlich anders war als sie, das war mir auch nicht egal. Anders zu sein als meine Prinzessinnen-Schwester, das fühlte sich ganz schlimm an, und das wollte ich nicht. Manchmal wollte ich auch tot sein, damit ich wieder so sein könnte wie sie.
Der Tod machte auch, dass ich mich anders fühlte als meine anderen Geschwister, weil sie waren nicht so traurig wie ich und nicht so hälftenhaft und manchmal verstanden sie gar nicht, warum ich so anders war.

Ich war sehr traurig darüber, dass ich nicht mehr so war, wie andere Kinder. Manchmal fühlte ich mich gar nicht mehr richtig wie ein Kind, sondern vielleicht so, wie eine Außerirdische oder wie ein Stein oder so. Aber manchmal dachte ich auch, dass es gar nicht so schlimm war, eine Außerirdische zu sein oder ein Stein oder so. Das Schlimme daran war nur, dass es niemand gab, der mich verstand, denn wer versteht schon Außerirdische oder Steine oder so.

Ich hatte mir das alles anders vorgestellt

Als ich in die Schule kam, war ich allein.

Also natürlich nicht ganz allein, weil da waren ja andere Kinder, und manche von ihnen kannte ich schon aus dem Kindergarten, und Lehrerinnen, aber trotzdem, trotzdem fühlte ich mich allein. Ich fühlte mich allein, weil meine Schwester nicht bei mir war, sondern tot. Dabei hatte ich mir schon vorgestellt, wie es sein würde, wenn wir zusammen in die Schule gehen würden. Ich wusste von meiner großen Schwester schon viel über die Schule, und ich war mir sicher gewesen, dass es meiner Schwester dort sehr gut gefallen hätte, und jetzt war sie tot, und wenn man tot ist, kann man nicht mehr in die Schule gehen.

Ich hatte mir schon vorgestellt, wie meine Schwester und ich mit dem Bus in die Schule fahren würden. Da wir manchmal mit dem Bus fuhren, wusste ich, dass jeder Bus einen Platz in der Mitte hatte, wo ein Rollstuhl oder ein Kinderwagen stehen konnte. Das hatte ich mir schon genau angeguckt, ich wusste, wie der Rollstuhl hingestellt werden musste, klar, darüber musste ich ja Bescheid wissen, schließlich konnte das meine Schwester nicht allein. Ich stellte mir vor, wie meine Schwester im Rollstuhl auf dem Rollstuhlplatz im Bus fuhr, und dass ich auf dem Platz daneben sitzen würde. Auf dem Platz, zu dem man eine Stufe hinaufsteigen muss, und man hat eine Stange vor sich, und wenn man unter der Stange hindurch klettert, dann ist man direkt beim Rollstuhlplatz. Ich fand, von diesem Platz aus hatte man die beste Sicht und darum war das mein Lieblingsplatz im Bus. Ich stellte mir also vor, wie meine Schwester und ich im Bus saßen und zur Schule fuhren, und ich auf meinem Lieblingsplatz und sie auf dem Rollstuhlplatz, und erzählte ihr irgendwas, vielleicht eine lustige Geschichte.

Ich hatte mir schon vorgestellt, wie meine Schwester in der Schule neben mir sitzen würde, in ihrem Rollstuhl, und wie alle Kinder sie streicheln würden und wie neidisch die anderen Kinder sein würden, weil ich so eine Schwester hatte und sie nicht. Ich stellte mir vor, dass meine Schwester in der Schule einen Sitzsack haben würde, damit sie darin gemütlich liegen konnte, und ich stellte mir vor, wie die anderen Kinder mich fragten, ob sie ihr Nester bauen dürften. Und ich würde sagen: „Ja, wenn du ein gemütliches Nest für sie baust, dann darfst du es.“ Und ich würde ihnen zeigen, wie man die gemütlichsten Nester der Welt baut.

Ich hatte mir schon vorgestellt, dass alle Kinder gerne mit uns spielen würden und alle Kinder mich mögen würden, und nett und freundlich zu mir sein würden. Schließlich war meine Schwester eine Prinzessin, und jeder mag Prinzessinnen sehr gern, und weil meine Prinzessinnen-Schwester mich am allerliebsten hatte, mussten die anderen Kinder mich auch mögen, so einfach war das.

So hatte ich mir das vorgestellt. Aber als ich dann in die Schule kam, war alles anders, als ich es mir vorgestellt hatte, anders, als ich es überlegt hatte, anders, als ich es geplant hatte.

Auf dem Rollstuhlplatz im Bus stand kein Rollstuhl und neben mir im Unterricht saßen andere Kinder und ich brachte niemanden bei, wie man die besten Nester der Welt baut. Ich redete und spielte nicht viel mit den anderen Kindern, weil ich wollte nicht, dass meine Schwester traurig war, weil sie tot sein musste und nicht in die Schule gehen konnte, und nicht reden und spielen konnte. Nicht alle Kinder waren nett und freundlich zu mir, vielleicht wussten sie nicht einmal, dass meine Schwester eine Prinzessin gewesen war, oder sie hatte es schon vergessen. Überhaupt, ich hatte Angst, dass niemand mich beschützen würde. Meine Schwester hatte mich immer so gut beschützt, aber jetzt war ich allein, und darum hatte ich Angst. Manchmal hatte ich so viel Angst, dass ich gar nicht antworten konnte, wenn mich jemand etwas fragte oder soviel, dass ich in die Hose machte, weil ich mich nicht traute, zu fragen, ob ich auf die Toilette gehen könnte.

Ich hatte mir das alles anders vorgestellt.

Rot war ihre Lieblingsfarbe

Auch, wenn meine Schwester nicht sprechen konnte, wusste ich sehr gut, was sie mochte und was nicht.
Ich wusste, dass sie es mochte, gestreichelt zu werden, und dass Rot ihre Lieblingsfarbe war, denn das war auch meine Lieblingsfarbe. Sie mochte mich, und unsere Eltern und unsere anderen Geschwister mochte sie auch, klar, und wir mochten sie auch, und das fand sie gut. Sie mochte es, wenn sie es gemütlich hatte, und freute sich darüber, wenn wir ihr Nester in den Sitzsack bauten. Über Besuch freute sie sich, vor allem, wenn jemand kam, der freundlich mit ihr redete und sie gern hatte. Und natürlich, sie freute sich auch, wenn wir Geburtstag hatten oder wenn Weihnachten war oder wenn irgendwas anderes passierte, was gut war. Oder wenn ich ein Bild für sie malte oder wenn sie mir beim Spielen zugucken konnte.
Ich wusste das, dass sie das mochte, auch wenn sie nie lächelte oder lachte oder sprach, ich wusste es einfach, weil ich ihre Schwester war.
Und was sie nicht mochte, das wusste ich auch. Sie mochte es nicht, wenn jemand sie auslachte oder wenn jemand sie ärgerte. Sie mochte es auch nicht, wenn ihre Haare gekämmt werden mussten oder wenn ihr beim Haarewaschen Wasser in die Augen lief, denn das mochte ich auch nicht. Sie mochte es nicht gerne, wenn sie krank war, und Fieber oder Schnupfen oder Halsschmerzen hatte, weil das niemand mag. Sie war nicht gern allein.
Es war leicht für mich zu wissen, was meine Schwester mochte und was nicht. Und was sie dachte, das wusste ich auch, sie war ja schließlich meine Schwester.

Als meine Schwester tot war, war ich so traurig darüber, dass ich vergaß, was sie gemocht hatte und was nicht. Ich wusste einfach nur noch, wie lieb ich sie hatte und dass ich sie zurückhaben wollte, aber ich wusste gar nicht mehr so genau, wie sie gewesen war.
Wenn die anderen Menschen nach ihrem Tod über sie sprachen, dann sprachen sie nur darüber, dass sie behindert gewesen war, und dass sie nichts konnte, noch nicht mal denken, und dass ihr Gehirn kaputt gewesen war, und niemand sprach davon, dass Rot ihre Lieblingsfarbe gewesen war. Ich fragte mich oft, warum ich meine Schwester so viel liebte, und warum ich so traurig war, dass sie tot war, und dass, obwohl ich sie nicht mal richtig kannte. Und manchmal dachte ich, dass ich besonders blöd war, dass ich sie liebte, denn andere Menschen taten das nicht. Und manchmal war es mir peinlich, dass ich sie liebte, obwohl ich sie gar nicht so gut kannte, und sie nichts gekonnt hatte und ihr Gehirn kaputt gewesen war. Ich liebte sie dann heimlich, damit niemand etwas komisches über mich sagen oder denken konnte.

Erst später fiel mir wieder ein, dass Rot ihre Lieblingsfarbe gewesen war, und dass sie gerne gestreichelt wurde, und gerne Besuch bekam, und Weihnachten toll fand. Und dass sie Haarewaschen nicht mochte.

 

 

 

 

 

Ich fühle mich laut

Ich war auf einem Geschwister-Trauer-Seminar.

Ich habe Wörter zum Sprechen gesucht und geschwiegen.
Ich habe neue Gedanken gedacht.
Ich bin mutig gewesen mit Angst.
Ich bin auf einen Berg gestiegen.
Ich war zusammen und allein.
Ich habe gemalt.
Ich habe im Schatten eines Kirschbaums gelegen.
Ich habe geweint und gelacht.
Ich habe gespürt, wie tief die Verletzung ist.
Ich habe aus dem Fenster geschaut.

Ich fühle mich laut, so, als müsste ich rennen.

Wir Kinder und der Tod

Wir Kinder, wir wissen vielleicht nicht vorher, dass jemand sterben wird. Weil, wir kennen den Tod noch nicht. Und nur, weil jemand krank ist oder manchmal ganz blau im Gesicht wird, weil er keine Luft mehr bekommt, wissen wir doch nicht, dass jemand sterben wird. Woher sollen wir das wissen? Wir leben und glauben, dass wir unsterblich sind. Vielleicht sterben alte Menschen, vielleicht. Aber meine Schwester war ein Kind, und Kinder sterben nicht, und dass sie manchmal blau wurde, gehörte zu ihr, wie andere Kinder viele Sommersprossen haben oder gerne tanzen. Und meine Schwester wurde eben manchmal blau, na und, deshalb muss sie doch nicht sterben.

Also sagt es uns, dass jemand sterben wird, wenn es so ist und ihr es wisst, denn wir wissen es nicht. Geht nicht davon aus, dass wir es wisssen, weil vielleicht wissen wir es nicht, weil Blauwerden für uns nicht mit dem Tod verknüpft ist. Redet mit uns darüber, damit wir irgendwie darauf vorbereitet sind, und dass wir Abschied nehmen können. Wenn diese Person dann stirbt, dann sind wir trotzdem geschockt und durcheinander, und später vielleicht traurig und wütend, aber es trifft uns vielleicht nicht ganz so unvorbereitet. Dann können wir vielleicht besser verstehen, was passiert, was wir fühlen, und fühlen uns nicht mehr ganz so ohnmächtig und hilflos.

Und wenn jemand gestorben ist, dann lasst uns nicht irgendwo am Rand stehen, als wären wir nicht da. Wir wollen uns nicht ausgeschlossen fühlen und als unzureichend empfinden, nur weil wir keine Worte haben und keine Tränen. Nur weil wir nicht weinen und nicht reden, weil wir vielleicht gar keine Worte haben dafür, weil wir das nicht kennen und die Gefühle zu viele sind und zu schmerzhaft. Vielleicht hat unsere  Trauer nicht so viel zu tun mit Weinen und Reden, vielleicht spielen wir und tun so wie immer, weil wir nicht wollen, dass sich etwas ändert. Nur, wir brauchen trotzdem jemand, der uns hält und bei uns ist und uns nicht allein lässt. Wenn jemand stirbt, dann ist das vielleicht zu schmerzhaft für uns allein.

Vielleicht muss man uns Beerdigungen erklären. Denkt nicht, dass wir etwas, nur weil es immer so gemacht wird, verstehen. Weil Dinge, die man liebt, vergräbt man doch normalerweise nicht in der Erde. Vielleicht muss man uns auch Trauerfeiern und Gottesdienste erklären, und warum sich alle schwarz anziehen und warum ich dieses doofe Kleid anziehen soll.

Wir Kinder, wir sind gut darin, uns neue Ordnungen zu überlegen, um die Sicherheit unserer Welt wiederherzustellen. Wir können uns den Tod anderer mit unserem eigenen Handeln erklären, weil wir daran glauben, dass alles, was passiert, mit uns zu tun hat. Erklärt uns, warum jemand gestorben ist, immer und immer wieder, damit wir es verstehen lernen.

Lasst uns Fragen stellen, immer wieder gleiche und andere Fragen, Fragen die euch albern vorkommen. Auch Jahre später noch, denn unser Denken verändert sich, je älter wir werden und unsere Fragen verändern sich damit auch. Redet mit uns darüber, damit wir nicht immer die sein müssen, die davon anfangen. Wenn ihr nicht davon redet, denken wir, ihr hättet kein Interesse oder hättet schon vergessen, was passiert ist, und wir fühlen uns dumm und schweigen und bleiben allein.

Lasst uns Bilder malen und Briefe schreiben und schreien und wütend sein und traurig. Wir brauchen andere, die uns zeigen, wie man das macht mit diesen Gefühlen, dass man traurig sein kann und weinen und lachen. Wir brauchen jemand, der mit uns redet, damit wir herausfinden können, was wir fühlen und wie man damit umgehen kann, und damit wir nicht allein bleiben. Wir brauchen Ausdrucksformen, für das, was in uns ist.

Bleibt bei uns, wenn wir erkennen, dass auch wir hätten sterben können und werden, und wenn uns ganz schwindelig wird bei diesem Gedanken.

Wir Kinder, wir haben noch nicht gelernt, wie man Erinnerungen konserviert. Wir brauchen jemand, der Fotos für uns macht, der für uns sammelt, der uns erzählt, wie es war, ein Stück von unserem Leben.