Zweimal zwei Vogelhäuschen

Einige Monate nach dem Tod meiner Schwester schenke mir mein Opa vier Vogelhäuschen. „Zwei für dich und zwei für deine Zwillingsschwester“, sagte er. Ich nahm das Geschenk entgegen und bedankte mich artig, wie man das eben tut, wenn man etwas geschenkt bekommt. Und dann war ich ratlos. Ich meine, mein Opa wusste, dass meine Schwester gestorben war und er hatte gesehen, wie sie beerdigt worden war und alles, und trotzdem gab er mir ein Geschenk für sie. Das konnte doch nur bedeuten, dass sie wiederkommen würde, vielleicht, um wieder bei uns zu leben oder vielleicht auch nur, um sich das Geschenk abzuholen und dann wieder zu gehen. Wie auch immer, sie würde zurückkommen und mein Opa wusste das offenbar.
Also wartete ich. Ich wartete lange. Mit der Zeit wurde ich immer unruhiger, denn sie kam und kam nicht. Klar, dachte ich, wie konnte ich so dumm sein, natürlich kam sie nicht, sie war ja eine Prinzessin und sie war deshalb gewohnt, dass man ihr die Sachen brachte. Ich überlegte fieberhaft, wie ich meiner Schwester das Geschenk geben könnte. Die beste Möglichkeit wäre wahrscheinlich gewesen, sie wieder auszubuddeln, aber meine Mama hatte mir erklärt, dass das verboten war, sehr verboten.
Mir fiel keine andere Möglichkeit ein, soviel ich auch überlegte, und ich fragte auch niemand anderes danach. Ich hatte das Gefühl, meine Eltern, meine anderen Geschwister und sogar mein Opa fanden nichts dabei, dass ich alle Vogelhäuschen für mich behielt. „Aber zwei waren doch für meine Zwillingsschwester“, sagte ich, um sie daran zu erinnern, falls sie es vergessen haben sollten.
„Ja, wir können sie ja irgendwo aufhängen“, sagten sie. Ich sagte nichts mehr. Es war mir zu blöd, ihnen zu erklären, dass meine Zwillingsschwester allein darüber bestimmen sollte, wo ihre Vogelhäuschen aufgehängt werden sollten.
Ich fühlte mich schuldig, ein Geschenk zu besitzen, dass für meine Schwester gedacht gewesen war, und konnte mich auch über die Vogelhäuschen, die mir gehörten, nicht freuen. Immer wieder versuchte ich meiner Schwester zu erklären, dass das alles keine Absicht gewesen war. „Du kriegst sie, wenn du kommst, dann gebe ich sie dir“, sagte ich zu ihr.

Erst später begriff ich, dass Todsein auch bedeutet, dass man mit Vogelhäuschen nichts mehr anfangen kann und dass Geschenke dann keine Wichtigkeit mehr haben.

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2 Gedanken zu “Zweimal zwei Vogelhäuschen

  1. Erwachsene wissen oft nicht, was ihre Äußerungen bei einem Kind bewirken. Kinder denken anders, trauern anders und nehmen das gesprochene Wort eines Erwachsenen als wahr und „Gesetz“ an.

    Deine „Geschichte“ erinnert mich wieder daran, wahrhaftiger mit Kindern zu sprechen und auch zu fragen, was sie denken oder fühlen.

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  2. Danke für deine Gedanken dazu, ich denke, das trifft es ganz gut.

    Wenn ich darüber nachdenke, merke ich, dass ich in meiner Kindheit nicht viel darüber geredet oder nachgefragt habe. Ich denke, das hat mehrere Gründe. Zum einen war ich lange Zeit unglaublich „geschockt“, zum anderen war vieles für mich auch absolut logisch, warum sollte ich also nachfragen, und außerdem muss ja auch ein Ansprechpartner da sein.
    Dagegen ist für Erwachsene das absolut unlogisch, was mir als logisch erschien, zum Beipiel allein der Gedanke, jemand, der gestorben ist, könnte wiederkommen.
    Wie du schreibst, Kinder nach ihren Gedanken und Gefühlen zu fragen, das ist eine sehr gute Idee. Im Dialog bleiben, ehrlich sein.

    Danke dir!

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