Festhalten, festhalten und nicht mehr loslassen

Ich war nicht damit einverstanden gewesen, dass meine Schwester starb, und das Schlimmste daran war, dass sie so weit weg war und dass es so weh tat. Daran, dass sie tot war, daran hätte ich mich vielleicht gerade noch gewöhnen können, denn zwischen tot und lebendig gab es bei meiner Schwester, anders als bei anderen Menschen, keinen großen Unterschied. Sie konnte schon vorher, bevor sie starb, nicht viel. Nur fühlen, das konnte sie prächtig, und daran änderte auch ihr Tod nichts. Ich möchte nicht sagen, dass es mir gleichgültig war, als sie starb, im Gegenteil, es war ein großer Schock für mich, und ich spürte innerlich, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Aber wenn niemand gekommen wäre, um sie abzuholen, in einen Sarg zu legen und in der Erde zu vergraben, dann wäre es fast so gewesen, als wäre nichts passiert, und ich hätte mir einbilden können, es sei alles wie immer. Ob nun tot oder lebendig, das ist mir sowas von egal, dachte ich, ich will sie einfach haben, sie soll hier sein und nicht so weit weg. Ihr könnt mir doch nicht einfach so meine Schwester wegnehmen!
Sie kamen in unser Wohnzimmer und holten sie aus ihrem Sitzsack, als wäre es das normalste der Welt. Ich war zu geschockt, um irgendwas zu tun oder zu sagen, aber später, später dachte ich, ich hätte sie festhalten und nicht mehr loslassen sollen. Festhalten und nicht mehr loslassen. „Nein, ich gebe sie nicht her. Entweder ihr beerdigt uns beide oder keinen von uns.“ Festhalten und nicht mehr loslassen, bis sie sagen: „Okay gut, es bleibt alles so, wie es war.“ Und sie schwören, dass sie nicht mehr auf so dumme Gedanken kommen. Meine Schwester verbuddeln, was soll denn sowas?
Aber ich versagte, sie nahmen meine Schwester mit und beerdigten sie. Im Nachhinein ärgerte ich mich darüber, dass ich nichts unternommen hatte, und meine Schwester lag bestimmt in ihrem Sarg unter der Erde, tippte sich spöttisch an den Kopf und hielt mich für feige. Es gab also durchaus Situationen, in denen ich meine Schwester hätte retten können, aber ich, ja ich war zu feige. Für meine Schwester wäre es sicher besser gewesen, sie hätte eine mutigere Schwester gehabt, aber Schwestern kann man sich ja nicht aussuchen, auch Prinzessinnen können das nicht.
Und dann waren da die Schmerzen. Es fühlte sich an, als hätten sie mich in der Mitte durchgeschnitten, mit viel Gewalt auseinandergerissen, als wäre unglaublich viel Blut geflossen. Als wäre ich nur noch ein halber Mensch, nicht mehr vollständig und mit einer Wunde, die nun immer da bleiben, nicht mehr heilen würde, groß und schmerzhaft. Ich wollte schreien, ganz laut schreien, aber ich schrie nicht. Ich war wie erstarrt, wie gefroren. Die Schmerzen waren das Schlimmste an der ganzen Sache.

Ein paar Tage später ging ich wieder in den Kindergarten. Ich sollte mein normales Leben weiterleben, mit einer riesigen klaffenden Wunde, die für andere unsichtbar war. Als sei nichts passiert. Dabei wusste ich gar nicht, wie man das macht, weiterleben. Überhaupt, wie lebt man ohne eine Prinzessinnen-Schwester? Ich war darin nicht besonders geübt, und machte einen Fehler nach dem anderen. Die Leute schüttelten den Kopf über mich, weil ich nicht redete und nicht lachte und nicht spielte, weil ich nicht so war wie die anderen Kinder, weil ich anders war, und verstanden nicht, dass ich gerade noch dabei war, mich an meine Hälftenhaftigkeit zu gewöhnen.

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