Prinzessinnen-Nester

Meine große Schwester und ich, wir konnten so gut Nester bauen wie sonst niemand auf der Welt. Jeden Tag bauten wir für unsere Prinzessinnen-Schwester Nester in den Sitzsack, damit sie gemütlich darin liegen konnte. Im Sitzsack waren kleine weiße Styropor-Kügelchen drin, das wussten wir, weil wir reingeguckt hatten, und manchmal, wenn man sich in den Sitzsack legte, entstanden kleine Beulen, die in den Rücken drückten, und das war unbequem. Darum war es gut, wenn man mit den Händen ein Nest in den Sitzsack baute, bevor man sich hineinlegte. Wir wollten nicht, dass die Prinzessin unbequem liegen musste, und weil sich sich selbst kein Nest bauen konnte, machten wir das. Und wir konnten das sehr, sehr gut.
Um ein Nest zu bauen, strichen wir zunächst die Fläche des Sitzsacks mit den Händen glatt, machten dann eine Kuhle in der richtigen Größe für den Körper hinein und überlegten, wo sie ihren Kopf ablegen konnte. Anschließend kam die Testphase, wir legten uns zur Probe kurz in den Sitzsack, standen dann wieder auf, korrigierten mögliche Schwachstellen und waren fertig.
An manchen Tagen waren meine große Schwester und ich uns einig und wir bauten das Nest zusammen und an anderen Tagen stritten wir uns deswegen.

Wir stritten uns darum, wer das beste Nest für unsere Prinzessinnen-Schwester bauen konnte, wir wollten beide und ich war der Ansicht, dass niemand, auch sie nicht, das so gut konnte wie ich, während sie vermutlich dachte, es selbst am besten zu können. Wir schrien uns gegenseitig an.
Unsere Mama kam ins Zimmer, sie hatte die Prinzessin auf dem Arm. „Ich will sie heute noch hinlegen“, sagte sie, genervt davon, dass wir uns schon wieder zankten. Wir stoben auseinander. Unsere Mama legte die Prinzessin in ihren Sitzsack. Sie sah zufrieden aus, wie sie in ihrem Sitzsack lag. Da sie nicht laufen und rennen und spielen konnte, lag sie sehr viel in ihrem Sitzsack. Manchmal hatte sie die Augen offen und manchmal zu. Vielleicht träumte sie von tollen Sachen, vom Trampolinhüpfen oder von Astronauten auf dem Mond oder davon, als Piratin über die Weltmeere zu schippern oder vielleicht dachte sie nach, vielleicht darüber, wie Kühlschränke funktionieren.

Insgeheim wunderte ich mich darüber, dass da nicht noch viele andere waren, die ihr Nester in den Sitzsack bauen wollten. Schließlich haben die meisten anderen Prinzessinnen viel mehr Diener, mindestens zehn.

Als unsere Schwester starb, waren wir lange Zeit arbeitslos, meine große Schwester und ich. Wir konnten Nester bauen, dass einem die Spucke wegblieb, wir hatten eine Menge Erfahrung und wussten, was Prinzessinnen brauchten, und nun standen wir hier und hatten nichts mehr zu tun.

 

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