Woher die Behinderung kam

Erst später, nach dem Tod meiner Schwester, wurde mir bewusst, was „behindert“ wirklich bedeutet, und dass sie an ihrer Behinderung gestorben war. Und ich schämte mich, ich schämte mich sehr. Denn ich war Schuld an ihrer Behinderung und daran, dass sie tot war, das begriff ich jetzt auch. Ich war Schuld. Um zu verstehen, woher die Behinderung kam und warum meine Schwester so wenig konnte und ich so viel, musste man nicht sonderlich klug sein. Es war einfach logisch.

Wenn die Erwachsenen darüber sprachen, dann sprachen sie von Sauerstoffmangel im Mutterleib. Dass meine Schwester sich die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. Darum war ihr Gehirn kaputt, sagten die Erwachsenen. Aber das konnte nicht sein, daran glaubte ich nicht. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass Erwachsene wirklich daran glaubten, und war mir sicher, dass sie das nur sagten, um mich zu beruhigen.
Dabei wusste ich ganz genau, warum meine Schwester behindert gewesen war. Man muss dazu wissen, dass wir zusammen im Bauch unserer Mama gewesen waren, und man muss auch dazu wissen, dass ich sehr verfressen war. Ich aß gerne und viel. Ich aß gern Käsebrot und Nudeln mit Tomatensoße und Pizza und Reis und saure Gurken und Schokokekse und Pommes und Müsli und Lauchsuppe und Gummibärchen und Brötchen und Erdnüsse und Oliven. Und Knäckebrot und Kartoffelauflauf. Ich aß also sehr viel. Ich habe meiner Schwester, schon vor unserer Geburt, das Esssen weggegessen, weil ich so verfressen war. Eigentlich muss man immer miteinander teilen, erst recht, wenn man zusammen im Bauch ist, aber ich wollte alles für mich haben. Und so kam es, dass meine Schwester sehr klein und schwach auf die Welt kam, denn wenn man nichts zu essen hat, kann man nicht wachsen und stark werden. Der Körper braucht Essen, damit er gesund sein kann, und wenn er kein Essen hat, dann wird er behindert. So war das, und das ist nun wirklich nicht schwer zu verstehen. Und darum hatte ich keine Behinderung, sondern nur meine Schwester.

„Du bist nicht Schuld daran“, sagte meine Mama zu mir, als ich ihr erzählte, warum meine Schwester behindert war, und dann fing sie wieder an von Sauerstoff und Gehirn zu sprechen. Aber ich hörte nicht richtig zu, ich wusste ja, warum es so war, wie es war, und Erwachsene erzählen gerne Geschichten, wenn sie die Wahrheit nicht sagen wollen. Vielleicht, dachte ich, vielleicht kommt irgendwann die Polizei und verhaftet mich und sperrt mich ins Gefängnis, wenn sie herausfinden, was passiert ist. Auch wenn ich Angst davor hatte, war mir klar, dass es das war, was ich verdiente.

Ich fing an, sehr genau darauf zu achten, dass ich niemandem das Essen wegaß. „Es tut mir so Leid“, sagte ich zu meiner Schwester, immer wieder, und sie zuckte prinzessinnenhaft mit den Schultern: „Ist doch alles in Ordnung.“ Aber für mich war es nicht in Ordnung, ich schämte mich so und wünschte, ich könnte auch so eine Behinderung bekommen als Bestrafung.

 

 

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