Wo meine Schwester jetzt ist

Manche Leute erzählten mir, dass meine Schwester nun im Himmel sei. Ich mochte den Himmel und die Wolken sehr gern, aber ich wollte nicht, dass meine Schwester im Himmel war. Der Himmel ist so weit weg, noch viel weiter weg als der Sarg in der Erde, auch wenn das kaum vorstellbar ist. Ich war also dagegen, dass meine Schwester im Himmel war, und glaubte auch nicht so richtig daran. Schließlich gibts im Himmel keinen Boden auf dem man stehen kann, sodass jeder, der dort landet, sofort wieder runter auf die Erde fällt, und sowieso, wie sollte meine Schwester denn da hoch kommen, und außerdem hatte ich noch nie jemanden da oben gesehen, so viel ich auch in den Himmel guckte, und das machte die ganze Sache doch sehr unwahrscheinlich.

Trotzdem fragte ich mich manchmal, ob meine Schwester immer noch da war, in dem Sarg in der Erde, ganz tief unten. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jeder weiß ja, dass viele Sachen einfach nicht da bleiben, wo man sie hingelegt hat. Manche Sachen legt man an einen bestimmten Ort, und wenn man das nächste Mal danach schaut, sind sie verschwunden und man findet sie auch nicht wieder, oder man findet sie irgendwann zufällig an einem ganz anderen Ort, ohne dass man danach gesucht hat, und fragt sich, wie sie dort hin gekommen sind. Das war mit vielen Sachen so, mit Glitzerpapier und Playmobilpferden, mit Stickern und mit Socken, mit Süßigkeiten und mit Armbändern. Also warum sollte es also mit toten Schwestern anders sein. Deshalb war ich unsicher, und deshalb hätte ich auch gern einen Spaten genommen und sie ausgraben, nachgeguckt, ob sie noch da war. Ich wollte sie ja schließlich nicht verlieren. Wenn man einen Schatz vergraben hat, dann muss man jeden Tag nachgucken, ob er noch da ist. Das weiß jeder, der schon mal einen Schatz vergraben hat. Aber das war verboten, das Ausgraben, und ich traute mich selten, verbotene Sachen zu machen, also ließ ich es bleiben. Obwohl ich ein bisschen neugierig war und sehr sehnsuchtsvoll, gleichzeitig voller Hoffnung, dass sie noch da wäre, und voller Angst davor, dass sie, warum auch immer, nicht mehr da wäre.

Manche Leute erzählten mir auch, dass meine Schwester nun bei Gott wäre, und dass es ihr dort besser gehen würde und sie nicht mehr leiden müsste, aber da wurde ich sauer. Nirgendwo anders geht es ihr besser als hier bei mir, sagte ich wütend, wir haben ihr die besten Nester von der ganzen Welt gebaut. Ich konnte sehr wütend auf diesen Gott werden, wenn ich mir vorstellte, dass er nun alles für sie machte und mit ihr zusammen leben durfte, und ich war hier, allein, ohne sie.

Wenn ich in mich hineinfühlte, dann fühlte es sich so an, als wäre meine Schwester in einem sehr, sehr fernen Land, weit, weit weg. So weit weg, dass man keine Briefe dahin schicken kann und nicht telefonieren. So weit weg, dass es keinen gibt, der dort Urlaub macht, und noch nicht einmal jemand, der weiß, dass es dieses Land gibt. Also gibt es auch niemand, der den Weg dahin weiß. Deshalb konnte ich auch nicht wissen, wie es meiner Schwester dort ging und wie sie lebte. Dieses Land war einfach so fern, dass es wehtat. Das war das Gefühl, und im Grunde war es auch egal, wo sie war, das Gefühl war immer das gleiche: Zu weit weg von mir. Und das tat weh.

 

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5 Gedanken zu “Wo meine Schwester jetzt ist

  1. Ja! auch von mir danke für diese Spuren, die du uns erzählst. Was für Schätze! Und ich finde es so einleuchtend, was das kleine Mädchen damals über den Himmel und das bei-Gott-sein dachte!
    Schön dass du uns gefunden hast und eine spur zu dir gelegt hast!
    Herzlich Annegret

    Gefällt 1 Person

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