Hallo, wir haben etwas verloren, wir müssen nochmal zurückgehen

Das vielleicht Merkwürdigste an dem Tod meiner Schwester war, dass die Welt danach einfach weiterlief, als sei nichts passiert. Das Radio lief weiter, die Busse fuhren, die Menschen gingen spazieren und einkaufen und zur Arbeit und auf den Spielplatz, im Kindergarten saßen die Erzieherinnen am Tisch, tranken Kaffee und unterhielten sich, wie sie es immer taten, die Kinder spielten und stritten sich und waren laut. Meine Schwester starb, und es änderte sich nichts. Überhaupt nichts. Das war merkwürdig, mehr als merkwürdig, fand ich, und fast nicht auszuhalten.
Ich hätte es verstanden, wenn mit dem Tod meiner Schwester die ganze Welt zerborsten wäre. Oder wenn alle Menschen bewegungs- und lautlos geworden wären. Wenn die Welt stehengeblieben wäre. Oder wenn es angefangen hätte stark zu regnen, und dieser Regen nie wieder aufgehört hätte. Das hätte ich verstanden, ja, nicht nur verstanden, sondern auch irgendwie erwartet, schließlich war meine Schwester gestorben. Oder ein lauter Knall, auf der ganzen Welt zu hören, das wäre doch das Mindeste gewesen.
Aber nichts dergleichen geschah. Das Leben lief weiter. Vielleicht, dachte ich,  vielleicht dauert es, bis alle wissen, dass meine Schwester tot ist. Ein paar Tage, doch dann, dann würde die Welt stehenbleiben.

Die Tage vergingen, und es lief immer noch alles so weiter wie vorher, das Radio und die Busse und die Menschen und die Kinder, und das verstand ich nicht. Meine Schwester war schließlich gestorben, und meine Schwester war ja nicht irgendwer, sondern eine Prinzessin. Es kann doch nicht sein, dass eine Prinzessin stirbt, und die Leute leben so weiter und tun so, als sei nichts passiert. „Hallo, wir haben etwas verloren! Wir müssen nochmal zurückgehen, solange, bis wir es wiedergefunden haben, und dann festhalten“, wollte ich den Menschen, die so taten, als sei nichts passiert, sagen. Ich wollte sie anschreien, damit sie endlich aufhören würden, sich zu bewegen, damit sie endlich ganz leise sein würden.

Aber ich schrie nicht. Ich war ganz leise, ganz leise, und versuchte, mich unsichtbar zu machen, und hoffte dabei, dass alles um mich herum auch unsichtbar werden würde. Das Radio, die Busse, die Menschen, die Kinder. Schließlich war meine Schwester gestorben.

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6 Gedanken zu “Hallo, wir haben etwas verloren, wir müssen nochmal zurückgehen

  1. Das hatte ich auch erwartet, damals – ich war aber schon groß, schon selber Mama – als mein kleiner Prinz gestorben ist. Ein paar haben angehalten, eine kleine Welt blieb stehen, meine kleine Welt. Und irgendwann drehte sie sich dann doch wieder. Weil das Welten und Menschen eben in sich drin haben, dieses Drehen, dieses Bedürfnis. Aber ich, als ich das von deiner Schwester las, ich bin stehengeblieben, ich habe geweint. Obwohl ich sie nicht kannte. Ich bim stillgeworden.
    Dieses Sterben, glaube ich, tut nur uns hier weh, die wir uns weiterdrehen, weil es in uns drin ist, dieses Drehen.

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  2. Oh, jetzt dachte ich, das sei eine Erweiterung des Kaiserinnenreichs. Darum die Erwänung des Todes von Mareice Kaisers Tochter.
    Nun habe ich alles gelesen, auch das Impressum, und bin tief berührt.
    Danke für dieses Blog!

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    1. Hallo Sofasophia,
      danke für deine Worte.
      Ja, dieses Drehen ist wahrscheinlich wirklich in uns drin, und das ist wahrscheinlich auch gut so. Aber manchmal, in den Momenten, in denen man am liebsten alles anhalten würde und sich nicht vorstellen kann, sich irgendwann wieder mitzudrehen, so schmerzhaft.

      Nein, das ist keine Erweiterung des Kaiserinnenreichs. Ich lese dort aber auch sehr, sehr gerne und finde es wunderbar, dass wir „heutzutage“ über Kaiserinnen, Prinzen und Prinzessinnen schreiben können. Der Tod meiner Schwester ist schon viele Jahre her, und niemand hat damals Blogs geschrieben…
      Ich freue mich sehr über dein Interesse.

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  3. Danke für Dein(en) Blog. Es ist sehr interessant, zu lesen, wie Du als kleines Mädchen den Tod Deiner Schwester erlebt hast und wie diese Erinnerung sich in Dir entwickelt hat.
    Einige Dinge sind kindspezifisch, besonders Deine Schuldgefühle und Deine Suche. Anderes ist altersunabhängig.
    Das Bedürfnis, dass irgendwie die Erde still stehen soll, dass dass in irgendeiner Weise diese Erschütterung auch die Welt erschüttert, das ist altersunabhängig.
    Als mein Opa starb (zu dem ich eine besonders intensive Beziehung hatte), war ich 17. Meine Welt blieb stehen und ich kam nicht damit klar, das alles andere immer weiter ging. Besonders erschüttert hat mich damals, dass alle Formalitäten so schnell erledigt wurden. Ich hatte das Gefühl, dass alle anderen ihn so schnell wie möglich loswerden wollten, eine damals sehr naive Sicht, wie ich heute weiß.
    Inzwischen habe ich einige Familienmitglieder verloren. Es war immer schwer, aber nicht immer blieb die Welt stehen. Vor fast sechs Jahren musste ich meinen Vater gehen lassen. Damals blieb auch die Welt stehen. Er war erst 70 Jahre, ich war 45. Er war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, mein Gefühl war und ist nachhaltig erschüttert. Auch bei seinem Tod habe ich nicht fassen können, dass sich die Welt völlig unbeeindruckt weiter dreht.
    Auch das Bedürfnis, alle Menschen anzuschreien, kenne ich.
    Das war ein anderer Moment, in dem meine Welt komplett aus der Bahn geworfen wurde, als ich erfuhr, dass mein Sohn nicht nur einen Gendefekt sondern auch noch einen Hirntumor hat.
    Damals hätte ich am liebsten die Menschen, die sich über Pillepalle aufregen angebrüllt, worüber sie sich eigentlich aufregen. Ich habe es nicht getan. Gut erzogen 😉
    Ich weiß nicht, wie alt Du jetzt bist. Leider müssen wir alle immer wieder mit Erschütterungen leben und fassungslos erleben, dass die Welt sich unbeeindruckt dreht.
    Warum das so ist?
    Keine Ahnung – vielleicht ist das ein Thema für die Philosophie.
    Aber wir leben damit.

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    1. Hallo,
      ich danke dir für deinen Kommentar, deine Worte, deine Erfahrungen.
      Ich stimme dir zu, das die-Welt-anhalten-Wollen beziehungsweise die Fassungslosigkeit, wenn man feststellt, dass sich die Welt trotz allem weiterdreht, sind altersunabhängig. Ich habe dies auch später, im Erwachsenenalter bei anderen schlimmen Geschehnissen und Todesfällen so gespürt… aber vielleicht nicht mehr ganz so krass wie beim Tod meiner Schwester, was bestimmt unter anderem auch damit zusammenhängt, dass der Tod meiner Schwester die erste Erfahrung mit dem Tod war, und es für mich sehr plötzlich kam.
      Die Schuldgefühle und auch der Gedanke, dass Todsein nicht unbedingt von Dauer sein muss, erscheinen aus Erwachsenensicht irrational, aber ich kann mich gut daran erinnern, dass es absolut logisch für mich war (Magisches Denken), ja, das ist Kindersicht.
      Liebe Grüße

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