Wann fängt man eigentlich an zu trauern, wenn man das nie gemacht hat?

Wann fängt man eigentlich an zu trauern, wenn man das nie gemacht hat? Wann fängt man eigentlich an zu weinen, wenn man nie weinen konnte?

Darüber, dass meine Schwester tot war, konnte ich sehr lange Zeit nicht sprechen und darüber weinen konnte ich auch nicht. Ich konnte weinen, wenn ich mit dem Fahrrad hinfiel oder mich mit meinen Geschwistern stritt oder mich ungerecht behandelt fühlte, dann konnte ich weinen, aber der Tod meiner Schwester war so schockierend, seltsam, schmerzhaft und traurig, dass ich nicht darüber weinen konnte. Manchmal versuchte ich es, aber es kamen keine Tränen heraus, und ich dachte, es muss noch irgendwas erfunden werden, irgendwas, was trauriger ist als weinen, um das auszudrücken, was ich fühlte. Wenn ich versuchte, darüber zu sprechen, wurde mir schlecht, als müsste ich mich übergeben. Ich wusste überhaupt nicht, wie das geht mit dem Weinen, dem  Trauern und dem Traurigsein.
Also weinte und sprach ich nicht darüber. Für die anderen Leute war das okay und es fragte niemand nach meiner Schwester, es fragte mich niemand, wie ich es fand, dass sie gestorben war, ob ich traurig darüber war oder wie ich mich fühlte. Es sagte niemand, komm wir suchen etwas, was noch trauriger ist als weinen. Es war niemand da, der mir zeigte, wie das ging mit dem Weinen und dem Trauern und dem Traurigsein, und da war auch niemand, bei dem ich mir das hätte heimlich abschauen können.

Wenn ich ehrlich war, hatte ich große Angst davor, so traurig zu sein. Was, wenn ich nicht mehr damit aufhören könnte, wenn ich einmal damit angefangen hatte, mit dem Weinen, dem Traurigsein?  So dachte ich, und meine Angst war groß, und ich erkannte, zum Weinen und Traurigsein, da braucht man Mut, sehr viel Mut.

Und dann, Jahre später nach dem Tod meiner Schwester, da wollte ich darüber sprechen, da wollte ich weinen und Traurigsein, da hatte ich genügend Mut angesammelt und fühlte mich stark genug.
„Das ist doch schon so lange her. Du kannst doch jetzt nicht mehr darüber weinen“, sagten die Leute.
Aber ich, ich habe doch noch nie darüber geweint. Wann soll ich das denn bitte tun, wenn es jetzt schon zu spät ist? Was spielt das für eine Rolle, wie lange das her ist, wenn ich jetzt erst den Mut habe?
Für Trauer, so stellte ich fest, gibt es ein Mindesthaltbarkeitsdatum, und das hatte ich verpasst.

Bitte gebt mir meine Zeit, auch wenn es schon so lange her ist. Ich will das Weinen lernen und das Trauern und das Traurigsein.

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17 Gedanken zu “Wann fängt man eigentlich an zu trauern, wenn man das nie gemacht hat?

  1. Nimm Dir alle Zeit, die Du brauchst zum Trauern. Niemand hat das Recht, Dir vorzuschreiben, wann und wie lange Du worüber traurig sein darfst! Ich wünsche Dir, daß Du noch viele Tränen weinen kannst.

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  2. Du sagst es. Ich glaube, zu verstehen, wie es dir ergeht, bzw. was du versuchst zu beschreiben. Ich glaube, dass die menschliche Seele allzu oft ganz diverse Schutzmechanismen entwickelt, weil sie bestimmte Gefühle nicht glaubt ertragen zu können…so auch mit der Trauer…gib dir alle Zeit der Welt.

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  3. Verlust kennt keine zeit,
    Ein schock kann jahre dauern,
    Wenn wir trinken können wir weinen,
    Wenn wir leben können wir lachen,
    Narben können fühlen,
    Wir können den tod nicht verstehen, denn wir wissen nicht, wie er sich anfühlt,
    Wir spühren nur, was er zurück lässt.
    Lovis

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    1. Hallo Lovis,
      ich danke dir für deine Worte.
      „Wir können den Tod nicht verstehen, denn wir wissen nicht, wie er sich anfühlt, wir spüren nur, was er zurück lässt.“
      Danke, das ist ein sehr kluger Satz, und das Spüren, das ist unglaublich schmerzhaft.

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      1. Ich danke dir für deine berichte über deine gefühle, aus deiner perspektive, eine freundin von mir, die ihren ältesten in den nächsten jahren an einer erbkrankheit verlieren wird, hat sich unheimlich über deinen text gefreut, in dem du erklärst, warum deine schwester die perfekte prinzessin ist. Wusstest du, dass die chinesen über verstorbene nicht in der vergangenheit sprechen, ich finde das toll, darum wundere dich nicht über meine formulierungen.
        Lovis

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  4. Wie recht du hast! Ich bin schockiert über deine Erkenntnisse und begreife erst jetzt, wieso viele Kinder in schlimmen Zeiten buchstäblich verstummen.
    Danke!

    Ich behaupte ja, dass Trauer keine Halbwertszeit hat, zumindest keine allgemeine.
    Ich weine und trauere auch nach dreizehn Jahren noch um meinen Sohn, wenn auch anders.

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    1. Ich habe eigentlich das gefühl, dass sich der schmerz potenziert, jeder tag den sie nicht spührt, den sie nicht wächst, immer, wenn die zeit kommt, da ich eines meiner versprechen erfüllen würde, wie schwimmen lernen, mit unserem bus verreisen, dann wird der schmerz noch größer. Gleichzeitig lerne ich mit dessem wachstum und ihm überhaupt umzugehen. Kinder sind gebohren um zu leben und erwachsen werden, soweit es möglich ist, eigene entscheidungen treffen und irgendwann ihre eltern begraben, egal ob ungewöhnlich oder stinknormal!!!!
      Lovis

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  5. Danke Sofasophia!
    Ich kann natürlich nur von mir schreiben, ich weiß nicht, wie allgemeingültig das ist. Ja, mich hat es zum Verstummen gebracht, ich war generell ein Kind, das wenig geredet und viel geschwiegen hat. Kinder sind abhängig von Erwachsenen und auch in ihrer Trauer sind sie abhängig.

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  6. Trauer hat wenig Platz in unserer Gesellschaft. Auch dass der Schmerz des Verlustes nie ganz vergeht wird gern verdrängt. Sehr schön hier, sehr traurig, sehr persönlich und mitfühlend…

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  7. Deinen Blog habe ich gerade erst gefunden. Der Post ist zwar schon älter, aber ich schreibe jetzt trotzdem einen Kommentar. Ich habe erst jetzt nach über 30 Jahren meine Trauer über den Tod meiner Grossmutter entdeckt. Sie wohnte direkt neben uns und hatte einen Schlaganfall als ich 8 war. Plötzlich war sie weg und nicht mehr die die sie vorher war. Sie war 10 Monate querschnittsgelähmt bevor sie starb. Es gab den Zeitpunkt zu trauern nicht. Als sie verschwand war sie noch nicht tot und als sie starb, war sie gar nicht mehr die Grossmutter, die ich vermisste. Ich hatte das vollkommen vergessen, bis meine Tante letztes Jahr den einen Satz sagte: „Du warst ganz oft bei ihr drüben.“ Da kamen die Erinnerungen langsam zurück, die Erinnerung an die Nähe und wie wichtig sie eigentlich für mich gewesen war und ich vielleicht für sie. Es hatte damals auch niemand mit mir über ihren Verlust gesprochen. So hatte ich ihn vollkommen verdrängt. Ich hatte das Gefühl, ich dürfte gar nicht traurig sein. Denn niemand sprach darüber. Vor zwei Jahren war meine Tochter im gleichen Alter in der gleichen Situation als meine Schwiegermutter eine Hirnblutung hatte und nun auch halbseitig gelähmt ist. Ich konnte ihre Trauer aus halten und mit ihr weinen. Ich hoffe, ich konnte das ein bisschen besser machen, als ich das erlebt habe. Gleichzeitig hat es mir geholfen zu sehen, was mir damals gefehlt hat und wie schlimm das für ein Kind in dem Alter ist.

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    1. Hallo Nicola,
      vielen Dank für deinen Kommentar, und dass du deine Erfahrungen hier teilst. 30 Jahre sind eine lange Zeit…ich glaube, Kinder müssen dabei sein können, begleitet, auch Krankheit bei nahestehenden Personen „erleben“, und auch Abschied nehmen können und sie müssen Trauern dürfen… so wie du das schreibst. Ich finde es sehr schön, dass du deine Tochter in ihrer Trauer begleiten konntest.

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