Man sah mir meine Hälftenhaftigkeit nicht an

Man sah mir meine Hälftenhaftigkeit nicht an. Das war komisch, denn das Gefühl, hälftenhaft und unvollständig zu sein, war so stark, dass ich dachte, meine Hälftenhaftigkeit müsse doch deutlich zu sehen sein. Ich fühlte mich, als wäre mein Körper in der Mitte durchgeschnitten, als wäre nur noch eine Hälfte meines Körpers verhanden. Eigentlich hätte mir ein Arm und ein Bein fehlen, und ich hätte nur einen halben Bauch und einen halben Kopf haben müssen.
Natürlich klar, ich wusste, dass diese mathematische Gleichung nicht ganz aufging. Vor dem Tod meiner Schwester waren wir zwei Personen gewesen, meine Schwester und ich, und zwei minus eins macht bekanntlich eins, aber bei uns war das anders, da blieb nur eine Hälfte übrig und kein Ganzes.

Die Menschen um mich herum sahen meine meine Hälftenhaftigkeit nicht. Sie sahen, dass ich zwei Arme und zwei Beine hatte und einen Bauch und einen Kopf, aber wie hälftenhaft ich war, das sahen sie nicht, denn Gefühle kann man nicht sehen. Und weil sie meine Hälftenhaftigkeit nicht sehen konnten, glaubten die Menschen, ich sei normal und vollständig wie jeder andere Mensch auch. Aus diesem Grund wollten sie auch, dass ich die gleichen Dinge machte, wie die anderen Kinder. Sie wollten, dass ich lachte und sprach und dass ich Gedichte aufsagte und allein in meinem Zimmer schlief und mit anderen Kindern spielte, dass ich aufs Klo ging und nicht in die Hose machte und dass ich Fahrrad fuhr und Purzelbäume machte.
Aber all das waren Sachen, die die anderen Kinder sehr gut konnten, mir aber sehr schwer fielen. Ich dachte oft, dass es daran lag, weil ich so hälftenhaft war, und ich war sehr traurig darüber, dass ich so anders war, und nicht so wie die anderen Kinder. Ich wünschte mir, ich würde normal werden und vollständig und dann würde ich all diese Sachen können.

Den Kindern im Kindergarten und in der Schule fiel schnell auf, dass ich nicht so war wie sie. Natürlich, ich war hälftenhaft und sie waren vollständig, das war der Unterschied zwischen uns. Sie guckten mich an, wenn ich etwas gefragt wurde und keine Antwort gab, oder wenn ich ihre Witze nicht verstand, und wunderten sich darüber und erkannten, dass ich anders war, und dann wunderten sie sich über nichts mehr. Sie wollten nicht mit mir spielen und nicht neben mir sitzen und redeten darüber, dass ich anders war, und am liebsten war es ihnen, wenn sie mich ignorieren konnten. Ich war so seltsam, dass sie gar nichts mit mir anzufangen wussten, und das verstand ich, auch wenn ich traurig darüber war, weil ich lieber normal sein wollte. Wäre ich normal und vollständig gewesen, so hätte ich sprechen und lachen können, dann hätte ich mit ihnen spielen können, und wir hätten in den Pausen Fangen gespielt, und im Unterricht geflüstert und uns kleine Briefchen geschrieben. Man sah es mir meine Hälftenhaftigkeit also nicht an, aber die anderen Kinder spürten, dass ich anders war.

Und vielleicht spürten es die Erwachsenen auch, und stellten deshalb immer höhere Forderungen an mich. Wie soll ich dass denn schaffen, wenn ich so hälftenhaft bin?, fragte ich mich, und ich fand, sie sollten erstmal selbst merken, wie das ist, wenn man sich so hälftenhaft fühlt. Dass ich redete und Freunde fand, wollten sie, dass ich mit dem Bus allein in die Stadt fuhr. Sie schickten mich zur Therapie, damit ich lernte, wie man spielt und wie man Freunde findet. Die Erwachsenen waren ziemlich verzweifelt darüber, dass ich so anders war.

Ich glaube, weder die anderen Kinder noch die Erwachsenen verstanden, warum ich so war, wie ich war, denn sie sahen meine Hälftenhaftigkeit nicht. Dabei war das eigentlich ganz logisch. Ein Teil von mir war gestorben. Wie soll man das also alles schaffen, dass mit dem Sprechen und Lachen und Klogehen und Busfahren und Freunde finden wenn man nicht vollständig ist, sondern nur eine Hälfte. Aber darüber machte sich auch keiner außer mir Gedanken.

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3 Gedanken zu “Man sah mir meine Hälftenhaftigkeit nicht an

    1. Hallo,
      ich weiß gerade leider nicht genau, worauf deine Frage abzielt? Was soll anders geworden sein? Das Gefühl, hälftenhaft zu sein? Oder generell das Anderssein? Oder ganz was anderes? Vielleicht kannst du nochmal genauer schreiben, was du meinst, dann kann ich besser darauf antworten.

      Das Gefühl, hälftenhaft zu sein, ist immer noch da, aber vielleicht nicht mehr so stark, weil ich mich vielleicht etwas daran gewöhnt habe, einen „gestorbenen Teil“ mit mir herumzutragen. Vielleicht muss man irgendwann ein Band nehmen und um den Umriss seines Körpers legen, auch über den gestorbenen, fehlenden Teil, und das dann als sein Ich definieren. Vielleicht muss man, vielleicht auch nicht. Vielleicht wäre ich leichter ohne diesen Teil, aber vielleicht auch nicht ich.
      Ich habe dann noch viele Sachen gelernt, und gleichzeitig festgestellt, dass kein Mensch „normal“ ist und man den anderen Menschen ihre Probleme auch nicht ansieht, sodass ich mich heute ganz „normal unnormal“ fühle. Als Kind war es für mich unfassbar, dass man es mir nicht ansah, weil es so etwas großes war, dass mich mit einer großen Wucht getroffen hatte und mich so verletzt hatte, genauso wie ich eben davon überzeugt war, dass die Welt stehenbleiben müsse.

      Ich weiß nicht, ob ich damit deine Frage beantwortet habe oder nicht, wenn nicht, sag nochmal Bescheid.

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, genau, das habe ich gemeint. Danke für deine Antwort. Das Anderssein, erkenne ich immer mehr, ist für viele ein großes Thema. Normal unnormal trifft es gut.

        Verzeih die unpräzise Frage.

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