Über die Liebe

Irgendwann, ich weiß nicht mehr genau, wann, aber es muss nach dem Tod meiner Schwester gewesen sein, fiel mir plötzlich auf, dass die anderen Menschen meine Schwester nicht mit der gleichen Stärke liebten wie ich das tat. Und manche liebten sie auch überhaupt gar nicht.
Ich fand aber, das sollten sie. Sie sollten meine Schwester lieben. Alle Menschen sollten meine Schwester lieben, alle Menschen, die auf dieser Welt lebten, sollten meine Schwester lieben, gefälligst. Weil meine Schwester war doch toll, und eben eine Prinzessin, und Prinzessinnen sind berühmt auf der ganzen Welt und jeder liebt sie, und deshalb sollten sie meine Schwester auch lieben.
Der Grund,  weswegen die anderen Menschen meine Schwester nicht lieben wollten, war einfach. Sie fanden, dass meine Schwester ein sehr wertloser Mensch gewesen war, und darum waren sie auch nicht so traurig darüber, dass sie tot war. Warum die Menschen meine Schwester für wertlos hielten, war schon schwieriger zu verstehen. Aber ich erkannte, dass sie keinen Sinn für Prinzessinnen hatten, und vielleicht hatten sie gar nicht bemerkt, dass meine Schwester eine Prinzessin war.
Die Menschen achteten viel zu viel darauf, was meine Schwester nicht konnte, und nicht darauf, was sie konnte. Sie war nicht gut im Sport, sie konnte nicht singen, sie konnte keine spannenden Geschichten erzählen, sie hatte keine Pläne und merkwürdigerweise war sie auch nicht besonders berühmt, obwohl sie ja eine Prinzessin war. Sie war einfach da und fühlte, und das war den meisten Menschen zu wenig, und dann war sie plötzlich nicht mehr da, und das war den meisten Menschen egal, denn sie war ja sowieso ziemlich wertlos gewesen. Und deswegen, weil sie so ein wertloser Mensch war, wollten sie meine Schwester nicht lieben.

Und weil das so war, und die Menschen meine Schwester nicht lieben wollten, beschloss ich, meine Schwester noch viel mehr zu lieben, um all diese dummen Menschen überall auf der Welt auszugleichen, die meine Schwester nicht lieben wollten. Und ich hoffte, dass meine Schwester in ihrem Sarg unter der Erde dadurch nicht merkte, dass so viele Menschen sie nicht liebten, denn das hätte sie sicher sehr traurig gemacht. Manchmal war es eine sehr schwierige Aufgabe, meine Schwester so viel zu lieben, weil ich immer Angst hatte, dass meine Liebe nicht reichen würde. Und außerdem hatte ich dadurch weniger Liebe für andere Menschen oder Sachen übrig.
Es wäre also besser gewesen, wenn alle Menschen meine Schwester ein bisschen geliebt hätten, dann hätte ich nicht ganz allein ganz viel lieben müssen. Dann hätte ich ohne Probleme ein bisschen weniger lieben können und alles wäre okay gewesen. So aber musste ich meine Schwester sehr, sehr viel lieben, und das war stressig. Vielleicht war ich die einzige, die sie wirklich liebt, dachte ich oft, und damit konnte ich ja unmöglich aufhören, denn dann wäre niemand mehr da, der sie liebt, und das war eine sehr traurige Vorstellung.

Jeder hat für irgendwas Verantwortung. Ich hatte Verantwortung dafür, dass ich meine Hausaufgaben machte, zum Beispiel, und eben auch dafür, dass meine Schwester geliebt wurde, weil sich sonst niemand darum kümmerte, ob sie genug Liebe bekam. Und wenn man tot ist, dann braucht man viel Liebe.

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11 Gedanken zu “Über die Liebe

  1. Liebe Claudia,
    Ich bin kein Kind mehr und meine Schwester ist auch nicht gestorben, trotzdem kann ich jeden einzelnen Gedanken schon heute nachvollziehen – wie ein trauriger Zukunftsblick.
    Meine Schwester ist eben erst 40 geworden, dabei waren schon die ersten Lebenswochen ein Wunder! Ich freue mich also über jede Begegnung mit ihr!
    Und Prinzessin und deine Begründungen dazu haben (nach 40 Jahren endlich) eine Bezeichnung geschaffen, mit der eigentlich klar sein müsste, warum ich meine Schwester so über alles liebe! Ob das mein Umfeld jemals verstehen wird, warum ein Mensch einfach sein kann und trotzdem oder gerade deswegen so geliebt werden kann? Diese Bedingungslosigkeit meiner Schwester gegenüber und meiner Schwester mir gegenüber ist so beruhigend und das Wertvollste, das ich kenne.
    Ich werde deinen Blog gern weiterverfolgen und mich in deinen schönen Worten wohlig fühlen.
    Herzliche Grüsse
    Sandra

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    1. Hallo liebe Sandra,
      ich freue mich, dass du das auch kennst, diese bedingungslose Liebe. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute hätten gerne eine Begründung für diese Liebe – aber ich finde nicht, dass man das begründen muss. Du liebst deine Schwester, ich liebe meine Schwester, und das ist so wunderbar
      und einfach und eigentlich gar nicht schwer zu verstehen.
      Ich finde es schön, dass du meinen Blog weiter verfolgen willst und wünsche dir viele schöne Momente mit deiner Schwester.
      Liebe Grüße

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