Unter der Erde

Nur, weil meine Schwester tot war, bedeutete das keineswegs, dass sie nicht mehr lebte. Natürlich lebte sie, das war keine Frage. Nicht mehr hier bei mir, sondern sehr weit weg, tief unter der Erde, dort, wo sie sie eingegraben hatten.

Ich wusste nicht genau, was meine Schwester die ganze Zeit unter der Erde tat, und ich dachte auch nicht so viel darüber nach. Jedoch war mir ganz sicher, dass sie spielte und herumlief und allein aß und aufs Klo ging und all diese Sachen machte, die sie vorher nicht gemacht hatte. Vorher hatte sie nur herumgelegen und sie bekam Essen gefüttert oder über einen Schlauch durch die Nase, unsere Eltern wickelten sie, wie die kleinen Babys gewickelt wurden und meine große Schwester und ich, wir bauten ihr Nester in den Sitzsack, dass sie es auch gemütlich hatte beim Herumliegen. Aber jetzt, jetzt machte sie das ganz alleine, da war ich mir ganz sicher. Schließlich waren unsere Eltern noch hier, und nicht unter der Erde, also war da niemand, der für sie diese Sachen machte, und so war es logisch, dass sie das selbst machte.

Manchmal spielte sie mit den anderen toten Kindern unter der Erde, das wusste ich auch, weil das auch logisch war. Manchmal war sie sehr traurig, weil sie ihre Schwester, also mich, so sehr vermisste, auch das war logisch. Manchmal war ihr sehr langweilig, weil es dort, wo sie war nur Erde, ganz viel Erde gab und nicht so viele andere Sachen, und weil man da nicht so gut Gummitwist hüpfen konnte, unter der Erde, ohne sich den Kopf zu stoßen.

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