Ich habe Angst, weil die sterben immer

Als meine Schwester starb, konnte ich mir nicht erklären, warum sie gestorben war. Ich wusste, dass man bei einem Autounfall sterben konnte oder weil man alt war, oder weil man etwas Gefährliches gemacht hatte. Meine Schwester war nicht alt und sie hatte nur auf dem Sofa gelegen, und sie machte auch keine gefährlichen Dinge. Ich machte manchmal gefährlich Dinge, manchmal kletterten wir auf hohe Bäume und meine große Schwester sagte dann: „Wenn wir da runter fallen, sind wir tot“, und ich sah ehrfürchtig hinunter und meine Knie zitterten etwas und es war alles sehr aufregend und schön, aber meine Schwester machte sowas nicht. Sie kletterte nicht auf Bäume und sie ging auch nicht allein über die Straße, sondern es war immer jemand da, der auf sie aufpasste und sie im Wagen schob, oder sie lag auf dem Sofa, und da konnte ich mir wirklich nicht vorstellen, woran sie sterben sollte.

Die Erwachsenen erklärten mir, dass sie wegen der Behinderung gestorben war, und weil sie krank gewesen war. Die Behinderung, das war, dass sie nicht laufen und sprechen und nicht alleine essen konnte und so. Und wir waren manchmal krank, dann mussten wir inhalieren, damit wir wieder gesund wurden, und auf dem Sofa liegen und dann gingen wir nicht in den Kindergarten. Und dann wurden wir wieder gesund und dann gingen wir wieder in den Kindergarten. Das verstand ich, aber warum sie deshalb nun plötzlich gestorben war, das verstand ich nicht. Meine Schwester war schon immer so gewesen, behindert, wie die Erwachsenen sagten, so war meine Schwester einfach, und das war doch eigentlich der Beweis dafür, dass sie nicht wegen der Behinderung gestorben war. Warum sollte sie nun daran sterben, dass sie so war, wie sie eben war? Nur weil man nicht laufen und sprechen und allein essen kann und so, nur deswegen muss man doch nicht sterben.

Aber ich war auch erleichtert, dass die Erwachsenen sagten, dass meine Schwester wegen der Behinderung gestorben war, weil das bedeutete, dass ich keine Angst haben musste, dass meine Mama oder mein Papa oder meine anderen Geschwister auch sterben könnten. Denn sie waren ja nicht behindert, und deshalb würden sie nicht sterben, und deshalb musste ich davor auch keine Angst haben.

Behinderte Menschen sterben. Lange Zeit nach dem Tod meiner Schwester hatte ich Angst vor behinderten Menschen. Ich dachte, jeder, der eine Behinderung hatte, würde bald sterben, so wie meine Schwester gestorben war, und das wollte ich nicht, und deshalb hatte ich Angst, und deshalb wollte ich nichts mit behinderten Menschen zu tun haben. Ich hatte Angst vor Menschen mit Behinderung, weil ich Angst vor dem Tod hatte. Wenn ich daran dachte, an die behinderten Menschen, die bald sterben würden, immer nur sterben, wurde ich sehr traurig.

Manchmal trafen wir unterwegs Kinder oder Erwachsene, die auch behindert waren, jedenfalls sagte das meine Mama. Zuerst hatte ich Angst, weil ich wollte nicht, dass jemand stirbt, und dann war ich doch neugierig, und schaute, und schaute noch ein bisschen mehr, und dann sagte ich: „Nein, der ist nicht behindert, der kann doch lachen.“ Oder: „Nein, das kann nicht sein, der hat geredet.“ Und dann war ich froh, weil, wenn man lachen kann oder sprechen, dann ist man nicht behindert, und dann muss man auch nicht sterben, und das ist gut.
Ich traf sehr selten auf behinderte Menschen, aber dafür oft auf Menschen, die sehr gut lachen und singen und tanzen konnten und die manchmal verwunderliche und seltsame Dinge taten, und die Erwachsenen sagten: „Der ist behindert.“ Langsam verstand ich, dass Behinderung auch Lachen und Singen und Tanzen und lustige Dinge und Leben bedeutet, und ich hatte keine Angst mehr vor Menschen mit Behinderung.

 

 

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2 Gedanken zu “Ich habe Angst, weil die sterben immer

  1. Seit Monaten hatte ich es mir vorgenommen.

    Gestern las ich diesen Text im Radio vor, laut, auf UKW , weil ich ihn … für einen guten, wichtigen Text halte wie Deinen gesamten Blog.

    Und immer, wenn ich hier lese, steh ich beim Bestatter und kleide meinen Sohn ein, der 14 Tage vor seinem Schulanfang begraben wurde …

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    1. Hallo,
      ich habe gerade gesehen, dass ich noch gar nicht geantwortet hatte. Deshalb tue ich das jetzt. Danke für deinen Kommentar. Bei diesem Text hatte ich im Nachhinein immer etwas Zweifel, ob man ihn überhaupt verstehen kann – offenbar geht das.

      Wenn ich sowas lese wie von deinem Sohn, da kann ich richtig sauer auf den Tod werden.

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