Über das Vergessen

Die Menschen um mich herum vergaßen schnell, dass es mal eine Prinzessin bei uns gegeben hatte. Ich wusste nicht nicht genau, wie das sein konnte, weil meine Schwester doch eine Prinzessin gewesen war, eine Igel-Prinzessin, und Prinzessinnen vergisst man doch nicht, nur weil sie tot sind, aber es war so. Alle Leute, die meine Schwester gekannt hatten, die Nachbarn, unsere Freunde, einfach alle Leute vergaßen meine Schwester. Sie redeten nicht mehr über sie, sie redeten über andere Dinge und taten einfach so, als wäre meine Schwester nie da gewesen, und das konnten sie gut.
Sogar unsere Eltern und meine anderen Geschwister vergaßen sie. Man konnte das sehr leicht erkennen, ohne dass man besonders klug sein musste. Denn auch meine Eltern und meine anderen Geschwister redeten nicht viel über sie, und warteten auch nicht darauf, dass sie zurück kam. Sie verschenkten das Bett meiner Schwester an ein anderes Kind, und das, fand ich, war eine Unverschämtheit. Sie weinten nicht mehr darüber, dass meine Schwester tot war, auch das war eine Unverschämtheit. Auch wenn ich selbst nicht weinen konnte, nicht als meine Schwester starb und auch danach nicht, wusste ich, dass Weinen ein Zeichen von Traurigkeit war, besonders bei erwachsenen Menschen. Schließlich weinten die Erwachsenen fast nie, und wenn sie weinten, bedeutete das, dass sie wirklich sehr traurig waren und dass etwas Schlimmes passiert war. Und deshalb weinten meine Eltern, als meine Schwester starb, und dann weinten sie nicht mehr, und das bedeutete, dass sie nicht mehr traurig waren. Das fand ich blöd, denn meine Schwester war immer noch tot, und das war traurig und schlimm, und ich fand, meine Eltern sollten nicht aufhören mit dem Weinen.

Aber meine Eltern weinten nicht mehr. Sie machten Witze und lachten und redeten über andere Dinge. Es gab ein einziges Foto an der Wand von ihr, und das war mir zu wenig für eine Prinzessin wie sie. Ich bekam neue Geschwister, die waren nicht behindert und die starben auch nicht. Das war sehr gut, aber ich wollte trotzdem meine Prinzessinnen-Schwester zurück.

Alle taten so, als sei alles wie immer, und als hätte es nie eine Igel-Prinzessin bei uns gegeben. Ich versuchte auch so zu tun, denn ich wollte ja nicht, dass jemand dachte, ich sei blöd oder dumm oder so. Es war nicht leicht, so zu tun, als hätte es meine Schwester nie gegeben, denn sie war immer noch überall in mir, in meinem Herz und in meinen Gedanken und vielleicht auch in meinen Beinen und in meinen Armen und in meinem Bauch, und so etwas lässt sich nur schwer verstecken, ohne dass es furchtbar weh tut.

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