Da war noch so viel Liebe übrig

Als ich ein Kind war, stellte ich mir vor, dass die Liebe durch Rohre durch meinen Körper floss. Die Rohre gingen von dort, wo das Herz ist, in den Kopf und in die Arme und in die Beine, und dort floss die Liebe hindurch. Rot war die Liebe und blitzschnell und ich hatte viel davon. Ich liebte meine Prinzessinnen-Schwester und meine anderen Geschwister und meine Eltern und ein paar andere Leute und so Dinge wie  Barfußlaufen und Grashalme, die so groß waren wie ich. Die Liebe, so stellte ich mir jedenfalls vor, lief durch das Rohrsystem und ich hatte nie Probleme damit – bis meine Schwester starb.

Als meine Schwester starb, fühlte es sich so an, als wären die Rohre verstopft, und als könnte die Liebe nicht mehr weiterfließen. Die Liebe konnte nicht mehr weiterfließen, denn sie wusste ja gar nicht wohin, meine Schwester war ja tot. Dass man auch tote Menschen lieben kann, das wusste ich nicht, das hatte mir keiner gesagt. Ich hatte Schmerzen, im ganzen Körper und vor allem dort, wo das Herz ist, und ich stellte mir vor, dass daher kam, dass die Rohre verstopft waren und sich die Liebe dort staute.

Weil alles so wehtat, und es sich anfühlte, als würde mein Herz platzen, hatte ich Angst, dass ich nun auch sterben würde. Wenn das Herz platzt, weil da zuviel Liebe drin ist, dann stirbt man. Ich musste schnell eine neue Prinzessin finden, die ich lieben konnte, damit mein Herz nicht platzte. Da war noch so viel Liebe übrig.

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2 Gedanken zu “Da war noch so viel Liebe übrig

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