Rot war ihre Lieblingsfarbe

Auch, wenn meine Schwester nicht sprechen konnte, wusste ich sehr gut, was sie mochte und was nicht.
Ich wusste, dass sie es mochte, gestreichelt zu werden, und dass Rot ihre Lieblingsfarbe war, denn das war auch meine Lieblingsfarbe. Sie mochte mich, und unsere Eltern und unsere anderen Geschwister mochte sie auch, klar, und wir mochten sie auch, und das fand sie gut. Sie mochte es, wenn sie es gemütlich hatte, und freute sich darüber, wenn wir ihr Nester in den Sitzsack bauten. Über Besuch freute sie sich, vor allem, wenn jemand kam, der freundlich mit ihr redete und sie gern hatte. Und natürlich, sie freute sich auch, wenn wir Geburtstag hatten oder wenn Weihnachten war oder wenn irgendwas anderes passierte, was gut war. Oder wenn ich ein Bild für sie malte oder wenn sie mir beim Spielen zugucken konnte.
Ich wusste das, dass sie das mochte, auch wenn sie nie lächelte oder lachte oder sprach, ich wusste es einfach, weil ich ihre Schwester war.
Und was sie nicht mochte, das wusste ich auch. Sie mochte es nicht, wenn jemand sie auslachte oder wenn jemand sie ärgerte. Sie mochte es auch nicht, wenn ihre Haare gekämmt werden mussten oder wenn ihr beim Haarewaschen Wasser in die Augen lief, denn das mochte ich auch nicht. Sie mochte es nicht gerne, wenn sie krank war, und Fieber oder Schnupfen oder Halsschmerzen hatte, weil das niemand mag. Sie war nicht gern allein.
Es war leicht für mich zu wissen, was meine Schwester mochte und was nicht. Und was sie dachte, das wusste ich auch, sie war ja schließlich meine Schwester.

Als meine Schwester tot war, war ich so traurig darüber, dass ich vergaß, was sie gemocht hatte und was nicht. Ich wusste einfach nur noch, wie lieb ich sie hatte und dass ich sie zurückhaben wollte, aber ich wusste gar nicht mehr so genau, wie sie gewesen war.
Wenn die anderen Menschen nach ihrem Tod über sie sprachen, dann sprachen sie nur darüber, dass sie behindert gewesen war, und dass sie nichts konnte, noch nicht mal denken, und dass ihr Gehirn kaputt gewesen war, und niemand sprach davon, dass Rot ihre Lieblingsfarbe gewesen war. Ich fragte mich oft, warum ich meine Schwester so viel liebte, und warum ich so traurig war, dass sie tot war, und dass, obwohl ich sie nicht mal richtig kannte. Und manchmal dachte ich, dass ich besonders blöd war, dass ich sie liebte, denn andere Menschen taten das nicht. Und manchmal war es mir peinlich, dass ich sie liebte, obwohl ich sie gar nicht so gut kannte, und sie nichts gekonnt hatte und ihr Gehirn kaputt gewesen war. Ich liebte sie dann heimlich, damit niemand etwas komisches über mich sagen oder denken konnte.

Erst später fiel mir wieder ein, dass Rot ihre Lieblingsfarbe gewesen war, und dass sie gerne gestreichelt wurde, und gerne Besuch bekam, und Weihnachten toll fand. Und dass sie Haarewaschen nicht mochte.

 

 

 

 

 

Advertisements

11 Gedanken zu “Rot war ihre Lieblingsfarbe

    1. Hallo Mareice,
      ich danke dir sehr.

      Einen Tag nach der Veröffentlichung dieses Textes ist mir aufgefallen, dass ich geschrieben habe „wenn sie mir beim Spielen zugucken konnte“… dabei war sie blind. Vielleicht deshalb, weil man auch mit dem Herzen gucken kann.

      Gefällt mir

  1. Das hat mich gerade zutiefst berührt. Der Text, die Worte all die Liebe welche du hiermit zum Ausdruck bringst. Ein wunderschöner Text. Traurig. Emotional. Der Tod ist schwer, das Abschied nehmen und Begreifen. Das Weg sein, was bedeutet die Person ist einfach nicht mehr da. Es ist gut dass die Momente der Erinnerung immer wieder erscheinen, wenn sie auch nicht immer existieren, es ist der Schutz vor dem Gedankenschwall, der einfach weh tut und schmerzt. Einen ganz herzlichen Gruß.

    Gefällt mir

  2. Man kann einen Menschen kennen lernen und seine Gefühlwelt ein Stück weit verstehen. Egal ob er/sie sprechen, lachen oder weinen kann. Jedes Herz spricht. Man muss sich eben darauf einlassen können. Und das können/wollen viele Leute nicht. Deshalb bekomme ich auch eine riesen Wut im Bauch, wenn behauptet wird Person X könnte „nicht kommunizieren“.

    Ich finde so einen Text sollte man angehenden PädagogInnen zu lesen geben. Vielleicht würden manche dann ein bisschen besser verstehen, ein bisschen offener sein.

    Liebe ist keine rationale Entscheidung. Ich glaube eine Liebe wie die zwischen dir und deiner Schwester ist gerade deshalb so tief, weil sie auf einer ganz basalen Ebene stattfindet. Weil sie bedingungslos und natürlich ist. Weil man nichts auf der rationalen Ebene zerpflückt, was vielleicht besser auf der Gefühlsebene geblieben wäre.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s