So, als würde man gegen sich selbst kämpfen, so schwierig ist das

Manchmal wollte ich lieber zwei Personen gleichzeitig sein. Ich wollte ich selbst sein, klar, und ich wollte auch meine Schwester sein, damit sie nicht so tot sein musste, und weil das so traurig war und so gemein. Und damit niemand meine Schwester vergessen konnte. Ich dachte viel darüber nach, und ich fand, mein Körper war groß genug für uns beide, und sie konnte ruhig ein Bein und einen Fuß und einen Arm und eine Hand und meinen halben Kopf abhaben von mir.
Es war trotzdem schwierig, zwei Personen gleichzeitig zu sein. Wenn ich redete, dann dachte ich daran, dass sie nicht reden konnte, und wenn ich rannte, dann dachte ich daran, dass sie nicht rennen konnte, und wenn ich spielte und Fahrrad fuhr, dann dachte ich auch daran, dass sie das nicht konnte, und so weiter. Und wenn mich jemand rief, dann rief er mich bei meinem Namen und nicht bei dem Namen meiner Schwester, und das war falsch, und machte mich traurig, aber andererseits war das auch trotzdem richtig, und das machte mich manchmal ganz schwindelig im Kopf.

Wenn man zwei Personen sein will, obwohl man eigentlich nur eine Person ist, das ist nämlich eine richtig komplizierte Sache. Das ist sehr schwer, so als würde man gegen sich Memory spielen oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder so, und als würde jeder dabei gewinnen wollen. Oder als würde man gegen sich selbst kämpfen. So ist das, so schwierig.
Auch wenn ich so gerne wollte, dass meine Schwester gewinnen würde und ich so werden wollte wie sie, weil ich so traurig fand, dass sie tot sein musste, gewann meistens ich. Weil es so schwierig für mich war, so zu sein wie sie, weil ich so gerne rannte und spielte. Weil ich so gerne gewann und so gerne ich war, heimlich. Ich schämte mich, dass ich so eine schlechte Schwester war.

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2 Gedanken zu “So, als würde man gegen sich selbst kämpfen, so schwierig ist das

  1. Hallo Sofasophia,
    wie ich das ausgehalten habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich diese ganzen Gefühle gar nicht voneinander trennen oder gar benennen konnte, das war einfach ein großer Klumpen.

    Ich hatte aber dennoch auch glückliche Zeiten, war oft auch fröhlich. Es heißt, dass Kinder auf Raten trauern, dass es eher so ist, dass sie von einer „Trauerpfütze“ in die nächste stolpern..also sich in der Trauer Pausen einräumen, um Kraft zu tanken. Während Erwachsene durch einen tiefen Fluss waten.

    Hier hatte ich mal versucht, diese Pausen zwischendurch zu beschreiben:
    https://meineschwestertotundichhier.wordpress.com/2016/06/22/vom-gluecklich-und-vom-traurigsein/

    Ich kann mir vorstellen, dass diese Pausen, das Krafttanken zwischendurch sehr geholfen hat.

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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