Am Grab

Manchmal gingen wir zusammen zum Grab meiner Schwester, meine Eltern, meine anderen Geschwister und ich. Ich wusste gar nicht genau, was man macht, wenn man am Grab steht, und das fragte ich mich jedesmal, wenn wir zusammen vor dem Grab standen. Wir gingen nicht so oft alle zusammen zum Grab, nur manchmal.

Also ich wusste natürlich, dass man ganz still sein muss, und nicht reden darf und schon gar nicht lachen, und dass man nicht herumhampeln soll. Man soll still sein, und still stehen, und man soll das Grab anschauen, und niemand anderes sonst soll man anschauen. Das wusste ich, weil ich die Erwachsenen dabei beobachtet hatte, heimlich, wie sie das machten. Wenn wir zusammen vor dem Grab standen, dann guckte ich manchmal ganz kurz zu meinen Eltern, weil ich wissen wollte, wie sie da standen und wie sie guckten und was sie machten, und dann guckte ich schnell wieder auf das Grab, damit niemand merkte, dass ich woanders hin geguckt hatte. Ich versuchte, so zu stehen und so zu gucken wie sie, und niemand fiel auf, dass ich gar nicht so genau wusste, was man macht, wenn man vor dem Grab steht.

Ich verstand nicht, warum ich so auf das Grab starren sollte, obwohl da gar nichts passierte. Das Grab und die Pflanzen, die darauf wuchsen, veränderten sich nicht so schnell. Besser hätte ich es gefunden, sich mit dem Rücken auf den Rasen neben das Grab zu legen. Dann könnte man Vögeln und Wolken beim Fliegen zuschauen und sehen, wie der Wind die Blätter des Baumes berührt. Außerdem ist man, wenn man sich auf die Erde legt, näher an der toten Person, als wenn man herumsteht, weil die tote Person ja in der Erde vergraben ist. Auf das Grab starren und still sein, das ist langweilig und traurig, aber das sagte ich nie.

Ich wusste auch nicht, was man denken sollte, wenn man vor dem Grab stand. Das war etwas, das man sich nicht abschauen konnte, weil man Gedanken nicht sehen kann. Die Erwachsenen redeten nicht darüber, was sie dachten. Ich fragte mich, ob sie traurig waren, weil meine Schwester tot war, und wie traurig sie waren.

Mir fiel es manchmal schwer, meine Gedanken beisammen zu halten und nur an meine Schwester zu denken, wenn wir vor dem Grab standen. Na klar, ich dachte dann daran, dass meine Schwester tot war, und dass das blöd war, aber dann dachte ich plötzlich auch an andere Dinge, an die Schule, oder an Hausaufgaben oder an Dinge, die ich machen wollte. Es war dann so, als wären die Gedanken an meine Schwester weggedacht, und ich wusste, ich soll an meine Schwester denken, aber da kamen keine Gedanken mehr dazu. Weil, das war auch klar, wenn man vor dem Grab einer Person steht, dann soll man an diese Person denken und an nichts anderes.

Meine Eltern konnten das, Stillsein und aufs Grab gucken und an meine Schwester denken. Meine anderen Geschwister konnten das auch. Ich hoffte, dass niemand sah, dass ich das nicht konnte.

Dann waren meine Eltern fertig mit Stillsein und Gucken, und wir gingen aus dem Friedhof heraus. Sie fingen wieder an zu reden, sie fragten mich nach der Schule und nach den Hausaufgaben und so was, aber ich fühlte mich, als wäre mein Herz eingefroren und alles war starr und ich konnte nur noch daran denken, dass meine Schwester tot war, und an nichts anderes mehr.

 

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8 Gedanken zu “Am Grab

  1. Weil wir umziehen mussten, muss das Grab unserer Kinder auch bald umziehen. Ich hoffe, wir finden wieder so einen schönen Platz wie jetzt: Die Kinder sind unter einem Baum, ohne angrenzende andere Gräber drumherum auf einer Wiese (und wir haben ein paar versteckte Gimmicks am Grab, z.B. gibt es einen „Briefkasten“, in den wir Briefchen und kleine Geschenke für die Kinder stecken können) Für mich ist es gut, den Ort zu haben, an dem ich Zeit habe, meine Gedanken bewusst auf meine Kinder zu lenken. Die Grabpflege ist auch eine gute Gelegenheit, sich zu sammeln, ohne auf das Grab starren zu müssen. Daher würde ich auch kein „Pflegeleicht“-Grab empfehlen. Denn mir geht es ähnlich wie Dir: Das Starren auf die Steine bringt mir sehr wenig – die Steine sind nicht die Kinder und selbst die Asche in der Erde ist nicht „meine Sehnsucht“. Am Grab kann ich vor allem in mich hineinschauen zu meinen Kindern. Es ist auch wenig los auf dem Friedhof, so dass wir ihn doch manchmal als Spielplatz benutzen. Das Geschwisterkind darf sommers wie winters auf den Boden. Im Sommer liebt er vor allem das Gießen, da kann er helfen und mit Wasser panschen. Und er streichelt den Grabsteinen gerne die „Glatzköpfe“. Aber er mag auch einfach im Laub Rumtoben und mit Eicheln werfen. Ich hoffe, sie können bald nachziehen :/ Den Ort zu haben und regelmäßig hinzugehen, ist für mich doch sehr wichtig.

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    1. Hallo,
      ich danke dir, dass du deine Erfahrungen hier teilst.
      Als Kind hatte ich auch oft Freude dabei, das Grab meiner Schwester zu gießen und Blumen zu pflücken, um sie dann meiner Schwester aufs Grab zu legen. Inzwischen gehe ich jedoch nicht mehr so häufig zum Grab, vielleicht, weil ich als Schwester auch wenig Mitsprache bei der Gestaltung habe.

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  2. Ich glaube, dass es okay ist, auch solche Gedanken am Grab zu haben. Und gleichzeitig an nichts anderes mehr denken zu können, wenn man dann nicht mehr am Grab steht.
    Als ich das erste Mal am Grab meiner besten Freundin stand, hätte ich erwartet, dass ich bitterlich weinen würde. Das passierte aber nicht. Ich schmunzelte sogar kurz in mich hinein, weil genau in diesem Moment der Regen aufhörte und der Himmel aufriss und die Sonne auf mich niederschien. Die Tränen kullerten erst später im Auto – und am Abend im Bett kam dann die Tränenflut.
    Ich glaube, nein, ich weiß, dass es okay so war und ist und auch künftig sein wird.
    Und bestimmt gilt das auch für dich…

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  3. Ich lese deinen Blog gerne, weil du es schaffst so zu schreiben, wie du als Kind offenbar gedacht hast. Ich staune wie präsent und klar das noch ist. Mir kommt es so vor, als würde diese Kind jetzt eine Stimme bekommen und das was du damals gedacht hast bekommt jetzt Worte. Mich würde interessieren: Jetzt wo du es formulieren kannst, lesen deine Eltern und Geschwister deinen Blog oder sprichst du mit Ihnen darüber und können sie dich jetzt verstehen?

    Ja, ich verstehe das mit dem am Grab stehen. Es gab auch bei mir lange ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht mehr oft an das Grab meiner Mutter gehe. Es ist auch nicht in der Nähe wo ich wohne. Aber einmal war ich mit meiner Tochter und das war schön. Wir haben zusammen Pflanzen ausgesucht und gekauft und eingesetzt und ich habe ihr erzählt, das war ganz anders.

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    1. Liebe Nicola,
      Danke für dein Kommentar. Es gibt wahrscheinlich viele Dinge, an die man sich später nicht mehr ganz so genau erinnert, aber diese Erinnerungen an meine Schwester, an ihren Tod und an meine Gefühle und Gedanken dazu, sind von der Zeit unberührt, jedenfalls kommt es mir so vor. Vielleicht, weil es sich so bedrohlich anfühlte.

      Ich denke schon, dass meine Familie nun besser versteht, was in mir vorgegangen ist. Wir haben diese Zeit eben aus unterschiedlicher Sicht erlebt.

      Die Sache mit dem schlechten Gewissen kenne ich auch, aber ich denke inzwischen, dass es okay ist.

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