Über Fragen und Gedanken

Wenn man über Menschen spricht, die gestorben sind, macht das den Leuten Angst und sie werden traurig und manchmal werden sie komisch. Wenn sie komisch werden, das ist am schlimmsten, denn dann weiß man gar nicht, was die Leute denken, sondern nur, dass es falsch war, dass man etwas gesagt hat. Darum redete ich lieber nicht über meine Schwester, als sie tot war, denn ich wollte niemanden traurig machen, und dass jemand komisch wurde, das wollte ich erst recht nicht.

Manche Sachen, die mir einfielen, die ich sagen oder fragen wollte, waren gar keine Sachen, die zum Traurigmachen gedacht waren, aber trotzdem wurden die Leute davon komisch. Über manche Sachen hatte ich, als meine Schwester noch lebte, gar nicht nachgedacht, darum musste ich eben darüber nachdenken, als meine Schwester tot war. Zum Beispiel dachte ich darüber nach, wie sie ihr Essen durch einen Schlauch, der durch ihr Nasenloch ging, bekommen hatte. Und natürlich fragte ich mich, wie das Essen von der Nase in den Bauch kam. Wenn der Schlauch durch ihren Mund gegangen wäre, dann hätte ich das verstanden, aber so, wie sollte das gehen? Ich fragte niemanden, wie das ging, weil ich nicht wollte, dass jemand traurig sein musste wegen mir. Aber ich dachte sehr viel darüber nach, und darüber, dass das bestimmt wehtut, wenn man einen Schlauch in der Nase hat. Meine Schwester war eine sehr tapfere Prinzessin gewesen, so viel stand fest. Ich wollte keinen Schlauch in der Nase haben.

Manchmal konnte ich gar nicht einschlafen, weil da so viele Gedanken und Fragen in mir waren, und niemand, den ich fragen konnte, und in der Schule kriegte ich das auch nicht beigebracht. Manchmal wurden die Gedanken und Fragen vom Denken so groß, dass ich Angst bekam und manchmal wurde mir schlecht und traurig dabei. Manchmal stellte ich mir vor, wie die im Krankenhaus meiner Schwester den Schlauch in die Nase gesteckt hatten, richtig fest, obwohl meine Schwester das gar nicht gewollt hatte. Und wie weh das getan haben musste.

 

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6 Gedanken zu “Über Fragen und Gedanken

  1. Warum bringt uns niemand bei, statt komisch zu reagieren, Antworten zu geben, wirkliche Antworten. Selbst ein „ich weiß auch nicht, aber ich habe mich das auch schon gefragt“ ist tausendmal besser als ein „worüber du aber auch nachdenkst! Macht dir doch DArüber keine Gedanken!“ Und der Tod und alles, was uan Vestorbene, ja, er macht Angst, und Angst macht hilflos und komisch. Weil uns niemand beibringt, über ihn zu reden.
    (Das macht mich grad so wütend …!)

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    1. Hallo liebe Sofasophia,
      das Problem ist ja auch, dass jemand nur ein paar mal komisch auf eine Frage oder einen Gedanken reagieren muss – und schon stellt man weitere Fragen überhaupt nicht mehr, weil man Angst hat, dass wieder komisch reagiert wird. Dabei wäre die Reaktion vielleicht ganz anders gewesen…

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  2. … mir fällt immer schwer, den Leuten zu erklären, dass ich sehr gerne über meine toten Kinder rede. Und dass, dass ich vielleicht einen Kloß im Hals habe dabei oder weine oder auch lache, nicht bedeutet, dass ich nicht über sie reden will. Ich will trotzdem sehr gerne an sie denken und über sie reden, aber es gehören natürlich trotzdem alle möglichen Gefühle für mich dazu.

    Die Sache mit den Magensonden: Die sind definitiv furchtbar und wir (Kind und Eltern) sind so froh, dass unser überlebendes Kind sie nicht mehr braucht, auch wenn immer wieder irgendwer sagt, wir sollten mal drüber nachdenken, doch wieder damit anzufangen… Wir hatten uns damals beibringen lassen, wie man sie selber legt. Das war auch furchtbar für Kind und Eltern, aber wir Eltern haben es zumindest deutlich gefühlvoller gemacht, konnten so gut wie möglich auf die Bedürfnisse unseres Kindes eingehen und wir kannten uns besser aus damit, konnten z.B. weichere Sonden einfordern, weil wir wussten, worüber wir reden, und waren damit auch unabhängiger in unserem Alltag. Wir mussten nicht immer zum Arzt oder ins Krankenhaus, wenn mal wieder eine Sonde gezogen oder erbrochen wurde :/

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    1. Hallo,
      lieben Dank für deinen Kommentar. Ich denke, es geht vielen so, dass sie wollen, dass über den/die Verstorbenen weiter gesprochen wird, mit all den Gefühlen – und vielleicht können das nicht alle verstehen, weil sie auch das Bedürfnis haben, dich zu schützen vor all diesen Gefühlen. Obwohl diese Gefühle ja trotzdem da sind.

      Danke auch, dass du erzählt hast, wie es euch mit dem Thema Magensonde ergangen ist und super, dass ihr jetzt keine mehr braucht!

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