Erinnerungen an eine Igel-Prinzessin

Wie wir uns an die Toten erinnern wollen, das ist eine schwierige und eine einfache Frage zugleich. Einfach deshalb, weil es ja einfach so passiert, dass ich mich an meine Schwester erinnere, wenn ich mich unvollständig fühle. Oder wenn ich Sitzsäcke sehe oder Prinzessinnen oder Igel. Einfach, weil ich ja nichts dagegen machen kann. Das ist ein Erinnern, was in mir drin stattfindet. Das ist einfach.

Das Erinnern mit mehreren Personen, das ist schwierig. Die meisten Leute erinnern sich an tote Personen, indem sie Geschichten über sie erzählen, lustige Geschichten, und sie erzählen, was derjenige gemacht hat und was er gesagt hat, und wie er geguckt hat, oder so. Oder wenn sie Dinge tun, die der Verstorbene gern getan hat, wenn sie das Lieblingslied des Verstorbenen hören, oder wenn sie einen Kuchen backen, den er gern gegessen hat. So erinnert man sich an Personen, die mal gelebt haben und viele Dinge getan haben und viele Sachen gesagt und viele Lieblingslieder gehört und die jetzt tot sind. Nur, niemand kann Geschichten über meine Schwester erzählen, wie man sie sonst über Tote erzählt, weil sie nie etwas anderes außer Herumliegen getan hat, deshalb nicht. Niemand weiß, was sie gefühlt oder gedacht hat, oder was ihr Lieblingslied war. Manche sagen auch, dass sie gar nichts gefühlt und gar nichts gedacht hat. Aber das glaube ich nicht. Deshalb ist es schwierig, sich mit mehreren Personen zu erinnern.

Fast alle Personen, die ich heute kenne und mit denen ich zu tun habe, kannten meine Schwester nicht. Die Personen, die meine Schwester nicht kannten oder gar nichts davon wissen, dass es sie mal gegeben hat, können sich natürlich auch nicht an sie erinnern.

Die Personen, die sie kennengelernt haben, haben sie mit einer anderen Sicht, auf eine andere Weise kennengelernt und erinnern sich an andere Dinge. Wenn ich mich an meine Schwester erinnere, dann denke ich an Gemütlichkeit und Sitzsack-Nester, daran, dass meine Schwester eine Prinzessin war, und sehr mutig, und auch an traurige Sachen, wie wütend ich darüber war, dass der Tod mir einfach meine Schwester wegnommen hatte und wie tief das Grab gewesen war. Andere Personen erinnern sich an Schmerz und an Krankheit und an Behinderung, und vielleicht an Dinge, die sie nicht erzählen. Manche Personen wollen nicht von meiner Schwester sprechen, vielleicht, weil das für sie eine traurige Geschichte ist, vielleicht, weil sie das Gefühl haben, dass schon alles gesagt worden ist.

Wenn ich mir wünschen könnte, wie wir alle uns an meine Schwester erinnern würden, und wenn das auch in Erfüllung gehen würde, dann würde ich gern ab und zu von meiner Schwester erzählen. Ich wünsche mir dann noch dazu, dass keiner vor Schreck in Ohnmacht fällt, oder etwas Dummes sagt oder komisch wird vor Angst. Ich möchte gar nicht so viel über meine Schwester erzählen, vielleicht nur, dass sie mal hier war und einen blauen Sitzsack hatte und so aussah wie ein Igel. Vielleicht noch, dass ich sie sehr liebe und nicht einverstanden war mit ihrem Tod und ziemlich wütend.

Ansonsten will ich einfach, dass es leise ist. Ich will im Wind stehen und nichts sagen und verstanden werden. Weil, wie soll man mit Worten das einfangen, was im Wind ist? Das geht nicht. Fühlen geht und Fühlen ist still. Die Welt ist laut und meine Schwester ist da, wo es leise ist.

 

Mit diesem Beitrag beteilige ich mich an der November-Blogaktion des Totenhemd-Blogs.

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4 Gedanken zu “Erinnerungen an eine Igel-Prinzessin

  1. Trauer in mir drin ist auch still. Und mich Erinnern auch. Dennoch bin ich froh, dass es unsere Stimmen gibt, die der Trauer Worte geben und so unsere Trauer sichtbar machen. Mir ist oft, als hätte ich deine Tochter ein wenig mitgekannt, weil du über sie schreibst. Das macht mich froh. Und traurig.

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    1. Hallo liebe Sofasophia,
      das ist schön, was du schreibst, dass du etwas das Gefühl hast, meine Schwester „mitgekannt“ zu haben. Das freut mich.
      Meine Trauer ist manchmal laut und manchmal leise, glaube ich, Wut muss manchmal laut sein. Das Schreiben über Erinnerung und Trauer ist auch sehr wichtig für mich geworden.

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