Massengrab

Manchmal gingen wir mit Volker und Barbara (Namen geändert) zum Grab. Volker wollte lieber, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre, und das sagte er uns auch oft, wenn wir zusammen auf dem Friedhof waren. Er erklärte uns, was ein Massengrab ist: Da wird ein großes Loch gebuddelt und dann werden alle Toten da rein geworfen und dann wird es wieder zugebuddelt und dann ist fertig. Sagte er. Barbara sagte nichts dazu.

Erst fand ich seine Idee nicht so schlecht, weil ich es traurig fand, dass meine Schwester ganz allein im Grab sein musste. Sie war Alleinsein nämlich nicht gewöhnt. Sie war Alleinsein nicht gewöhnt, weil immer jemand da gewesen war, und nach ihr geguckt hatte und danach, dass es ihr gutging und so, und nun sollte sie plötzlich ganz allein sein, nur, weil sie tot war? Im Massengrab, da ist man nicht allein, jedenfalls, wenn es stimmte, was Volker erzählte. Aber dann, dann dachte ich noch länger darüber nach und stellte mir vor, wie meine Schwester zwischen anderen toten Menschen lag und fast von ihnen zerdrückt wurde. Das war keine schöne Vorstellung und ich war froh, dass meine Schwester ein eigenes Grab hatte. Außerdem wollte ich nicht, dass jemand meine Schwester herumwarf. Ich verstand nicht, warum Volker wollte, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre.

Vielleicht dachte er nicht daran, dass meine Schwester dann von anderen, dickeren Menschen fast erdrückt würde, und dass das bestimmt unangenehm für sie wäre. Es war aber schon blöd, nicht daran zu denken, fand ich. Wenn Volker über das Massengrab redete, sagten wir nichts dazu. Ich hatte Angst, etwas dazu zu sagen. Ich schaute auf den Boden und hoffte, dass es schnell vorbei war. Und dass niemand anderes Volker reden hörte, das wäre mir peinlich gewesen. Auch sonst sagte niemand was dazu, meine anderen Geschwister nicht, weil sie hatten auch Angst, und Barbara sagte auch nichts. Das fand ich aber ein bisschen komisch, schließlich war sie ja erwachsen, und wenn man erwachsen ist, braucht man keine Angst zu haben.

Wenn ich Volker sah, dachte ich oft darüber nach, auch Jahre später noch, dass er lieber wollte, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre, und ich stellte mir vor, wie sie zwischen anderen toten Menschen liegen musste und das war ziemlich ekelig. Ich wollte Volker lieber angucken können, ohne daran zu denken, aber das ging nicht. Manchmal wollte ich ihn fragen, ob er immer noch das mit dem Massengrab wollte oder er seine Meinung geändert hatte, aber das ging auch nicht. Und manchmal wollte ich Barbara fragen, ob sie auch ein Massengrab wollte für meine Schwester, aber auch das ging nicht. Weil die Angst war noch da.

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2 Gedanken zu “Massengrab

  1. Vielen Dank für diesen wundersamen, einfühlsamen und einzigartigen Blog, der mich in doppelter Hinsicht ganz tief berührt.
    Zum einen habe ich einen 2 1/2jährigen Sohn, der schwer behindert ist (auch er kann nicht sitzen, seinen Kopf nicht von alleine halten, nicht essen, sprechen, ist fast blind…) und zum anderen hat sich meine geliebte Schwester, die gleichzeitig meine beste Freundin und Seelenverwandte war (wir waren fast wie Zwillinge) vor 1 1/2 Jahren das völlig unerwartet das Leben genommen. Auch ich habe mit ihrem Tod einen Teil von mir verloren, auch ich fühle mich so oft nur hälftenhaft…
    Und ich habe große Angst davor, irgendwann meinen Sohn zu verlieren und Angst davor, dass die Leute dann genau so reagieren, wie du es in deinem Blog beschreibst („Es ist doch eine Erlösung für euch alle“, „Er war ja eh so schwer behindert, was wäre denn das für ein Leben?“ …)

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    1. Hallo Lena,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich, dass dich mein Blog berührt – auch wenn der Grund dafür natürlich eher traurig ist…
      Ich verstehe deine Angst vor den Reaktionen anderer, und weiß auch nicht wirklich, was man da machen kann, außer selbst sagen, wie man das alles empfindet…
      Liebe Grüße

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