Richtig gute Beerdigungen

Natürlich dachte ich oft über richtig gute Beerdigungen nach. Nur, das blöde dabei war, dass ich erst anfing, darüber nachzudenken, als meine Schwester schon tot war und unter der Erde, und nicht früher. Eigentlich sollte man vorher darüber nachdenken, fand ich. Aber weil mir niemand gesagt hatte, dass meine Schwester sterben würde und dass sie dann beerdigt werden würde, und ich auch nicht allein drauf gekommen war, dachte ich erst dann an richtig gute Beerdigungen.

Bei einer richtig guten Beerdigung kommen viele, viele Leute. Viel mehr Leute, als überhaupt in eine Kapelle hineinpassen und in eine Kirche sowieso. Die Leute kommen von überall her, und sie sind ganz traurig und weinen und hören nicht mehr auf damit. Und der Bundeskanzler kommt zur Beerdigung und andere wichtige Leute und natürlich, wenn eine Prinzessin beerdigt wird, dann kommen Prinzessinnen aus der ganzen Welt. Aus England und China und dem Takka-Tukka-Land, einfach alle Prinzessinnen, die es gibt. Und alle sind ganz traurig und sie weinen die ganze Kirche voll, so dass es eine Überschwemmung gibt. So sollte eine richtig gute Beerdigung sein.

Meine Schwester hatte leider keine richtig gute Beerdigung. Es waren viel zu wenig Leute da gewesen, das wusste ich, auch wenn ich mich nicht mehr an alles erinnerte. Jedenfalls hatten alle Leute in die Kapelle hineingepasst. Und sowieso fand ich, dass eine richtig gute Beerdigung in einer großen Kirche mit bunten Fenstern stattfinden sollte, und nicht in einer Kapelle, die einfach nur aussah wie ein Kasten und überhaupt nicht schön. Ich war traurig, dass meine Schwester keine gute Beerdigung hatte, denn ich konnte mir gut vorstellen, dass ihr eine richtig gute Beerdigung sehr gut gefallen hätte. Und wenn man ehrlich war, eigentlich hätte sie als Prinzessin eine richtig gute Beerdigung verdient, ohne Frage.

Aber es waren nicht viele Leute da gewesen, und die Leute, die da waren, hatten nur ein bisschen geweint, und nicht so viel. Der Bundeskanzler war nicht da und auch keine anderen Prinzessinnen. Vielleicht waren nicht so viele Leute da gewesen, weil nicht jeder wusste, dass meine Schwester eine Prinzessin war, und sie hatte nicht so viele Freunde und ich auch nicht und unsere Eltern auch nicht, nur ein paar. Ich fand, wenn man schon tot war sollte man wenigstens eine richtig gute Beerdigung haben, und natürlich muss dann der Bundeskanzler kommen, das ist ja wohl das mindeste.

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6 Gedanken zu “Richtig gute Beerdigungen

    1. Nein, ich habe mich nicht als Prinzessin wahrgenommen … nur meine Schwester war so, wie ich mir eine richtige Prinzessin vorstellte: Sie lag herum und tat nichts und alle anderen machten etwas für sie, fütterten sie, trugen sie herum und guckten, dass es ihr gutging.

      Man kann eben dasselbe Ereignis völlig anders erleben, denke ich. So habe sicher auch nicht das gesehen, was andere gesehen haben. Ich glaube aber, dass meine Sicht in diesem Fall die schönste Sicht ist.

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  1. Oh wie gut ich dich verstehen kann.
    Ich habe auch so einige vermisst, bei unserer Beerdigung. Yoda, Luke Skywalker, sämtliche Ritter und Yediritter der Welt und von Starwars, den Bundeskanzler sowieso, Hubschrauber und alle Minions. Dafür war es bei uns wenigstens so, dass man besser Gummistiefel angezogen hätte, weil so viel geweint wurde. Immerhin.
    Wir feiern das einfach nach. Ja? In der Phantasie. Glaub mal nicht, dass die Prinzessin d a s nicht auf jeden Fall mitkriegt. Durch deine Geschichte sehe ich sie ganz genau, ihre richtig gute Beerdigung. Und die ist wunderschön.

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    1. Danke für deine feinen Worte. Wenn ich es mir recht überlege, haben noch viel mehr Leute bei der Beerdigung gefehlt. Pippi Langstrumpf zum Beispiel. Und es hätte Schokoladenpudding geben müssen und Eis und rote Luftballons, schließlich war rot die Lieblingsfarbe meiner Schwester.
      Gut, dass bei euch wenigstens viel geweint wurde, so muss das sein. Die Vorstellung, es würde alle mit Gummistiefeln zur Beerdigung kommen, ist lustig… – und ein bisschen traurig zugleich.

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