Muss Trauer auch Erwachsen werden?

Lange Zeit dachte ich, dass Trauern etwas ist, das ich lernen und nachholen müsste. Als ich anfing, hier zu schreiben, fragte ich mich, wie ich das Trauern lernen könnte, und ich stellte es mir so ähnlich vor, wie wenn man eine neue Sprache lernt, dass es schwierig ist und man ganz viel Zeit dafür braucht.

Als ich ein Kind war, dachte ich, dass Trauer etwas für die Erwachsenen ist, und ich hoffte, dass ich das lernte, wenn ich groß war. Erwachsene weinten, wenn jemand gestorben war, und sie sagten Sätze zueinander („Jetzt muss sie nicht mehr leiden“) und umarmten sich.

Ich weinte nicht und ich redete nicht und ich umarmte auch niemanden. Ich tat einfach nur so, als wäre ich nicht mehr da, damit die Erwachsenen Ruhe hatten zum Weinen und Reden und Umarmen, und damit sie dabei nicht gestört wurden. Weil das war eine wichtige Sache.

Weil ich so tat, als wäre ich nicht da, und nicht redete und nicht weinte, blieben alle Gefühle in mir drin und ich war mit ihnen allein. Bei den Erwachsenen war das anders. Sie redeten und weinten und gaben sich die Gefühle hin und her und sie waren nicht allein damit.

Ich war traurig, dass ich darüber, dass meine Schwester tot war, nicht gut weinen konnte. Weil meine Schwester wollte bestimmt, dass ich darüber weinte. Und außerdem wäre ich dann nicht mehr so allein gewesen. Und nicht so falsch.

Als ich das Trauern lernen wollte, hatte ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie Erwachsene trauern, und ich wollte das genau so lernen. Ich dachte, ich muss das Trauern lernen und die Trauer um meine Schwester nachholen. Aber es funktionierte nicht. Ich konnte nicht weinen und reden funktionierte manchmal und manchmal überhaupt nicht. Und wenn ich schrieb, dann war ich fast immer ein Kind und nie Erwachsen. Manchmal fühlte ich Wut, das war richtig echte Kinderwut, und manchmal auch Traurigkeit ohne Tränen.

Ich erkannte, dass ich getrauert habe, und dass das nichts ist, was ich nachholen muss. Ich habe getrauert, wie Kinder das tun, vielleicht, oder wie ich es zu dem Zeitpunkt mit meinen Möglichkeiten tun konnte. Ich hatte geschwiegen und viel gedacht und mir meine Schwester herbei gewünscht. Ich war traurig gewesen und froh und leicht und schwer. Auch wenn ich nicht geweint und nicht geredet und niemanden umarmt hatte, habe ich getrauert. Meine Trauer ist eine Kindertrauer und nur im Vergleich zu der Trauer von vielen Erwachsenen wirkt sie seltsam, obwohl sie eigentlich stinknormal ist.

Manchmal denke ich darüber nach, ob Trauer auch Erwachsen werden muss, aber ich glaube, Trauer muss gar nichts, überhaupt nichts. Und dass man Trauern nicht lernen muss.

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7 Gedanken zu “Muss Trauer auch Erwachsen werden?

  1. Du weise Frau. Ich sehe das auch so. Was mir aber immer wieder weh tut, ist, dass du mit deiner Trauer so allein gelassen worden bist. Dennoch habe ich im Grunde nie daran gezweifelt, dass du auf deine Weise getrauert haben musst. Sonst wärest du heute nicht die, die du bist mit all diesen Gefühlen und dieser ganzen Palette an Gedanken.

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  2. Dass du trauerst, schon soooo lange, das liesst sich aus jeder Zeile, die du hier geschrieben hast.

    Trauer ist nicht in Normen zu packen. Sie ist individuell, weder alt noch jung, sie dauert eben solgange bis … ja was denn eigentlich? Ich glaube bis Frieden ins Herz kommt und der Schmerz so klein ist, wie eine leichte Erinnerung, und dabei bleibt die Erinnerung am anderen bestehen. Man kann einfach leichter mit dem Verlust umgehen.

    Bei mir ist mittlerweile viel Freud im Herzen, denn ich weiß wir werden uns zur gegebenen Zeit wiedersehen. Wo? Na im Jenseits, das nahe beim Diesseits ist.

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    1. Danke für den Kommentar. Du hast Recht, Trauer ist einfach ganz unterschiedlich. Ich glaube nicht, dass meine Trauer irgendwann weg ist. Sie ist ja nicht nur in meinem Kopf, sie ist in meinem ganzen Körper, dieses Spüren, das etwas fehlt. Aber man lernt damit zu leben und es ist okay.

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  3. ein sehr schön geschriebener text, sehr poetisch und wahrhaftig zugleich. du hast getrauert und trauerst vielleicht auch jetzt noch. es braucht gar keine anleitung o.ä., die trauer ist da und so wie es geht, trauert man. manchmal sofort, manchmal erst viel später. daran ist nichts verkehrt. der tod deiner schwester muss ein schock für dich gewesen sein. vielleicht konntest du auch deshalb nicht (darüber) sprechen. ich wünsche dir viel kraft.

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    1. Ich danke dir für deine Worte. Manchmal wäre es ganz praktisch, wenn es eine Anleitung gäbe, dann wäre das nicht so unsicher, das Trauern.
      Ich denke auch, dass es an dem Schock lag. Zuerst war ich so geschockt, dass ich mich total bewegungsunfähig fühlte und Sprechen ging erst recht nicht. Und dann später, denke ich, lag es auch daran, dass man als fünfjähriges Kind genau wahrnimmt, welche Themen „erwünscht“ sind und welche nicht.

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      1. Weiß ich nicht, ob es gut wäre, gäbe es eine Anleitung – gibt es vielleicht ja sogar, wer weiß. Aber gäbe es sie, würde sie sich doch an einem Ideal orientieren, und ein Ideal ist etwas Statisches und der Mensch ist nicht statisch, sondern individuell. Und gäbe es also diese Anleitung, würdest Du schauen: Mache ich es so, wie es da steht, mache ich es so, wie es geht, mache ich es richtig? Und wenn Du anders trauern würdest, nämlich so, wie nur Du trauern kannst, käme das Gefühl hinzu, als stimme etwas nicht mit Dir und Deinem Trauern usw. Insofern: Gut, wenn (und dass?!) es keine Anleitung gibt.
        Aber ich denke, ich verstehe dennoch, was und wie Du es meinst. Zum Verlust kommt auch dieses Halt-verlieren hinzu (zeitweise oder auch länger) und das ist das angst-einjagende, beängstigende, verunsichernde.
        Was den Schock angeht – ja, so verhält es sich, dass man wie in einer Starre befindlich ist. Etwas, das Psyche und Geist komplett überfordert, … es ist wie ein Rastmachen, um sich mit dem, womit man konfrontiert ist, langsam anzunähern, um sich dann (irgendwann) damit auseinander setzen zu können. Es ist auch ein Schutz der Seele.
        Und ja, Kinder haben ein sehr gutes Gespür dafür, was thematisch und auch sonst, erwünscht ist oder nicht.

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