Unsichtbar

Die Leute schauten meine Schwester an. Weil sie so schön war. Und klar, weil sie eine Prinzessin war, und Prinzessinnen muss man sich anschauen, das ist auch klar. Das gehört sich so. Manche Leute guckten meine Schwester so an, als hätten sie noch nie eine Prinzessin gesehen. Vielleicht hatten sie wirklich noch nie eine Prinzessin gesehen, und dann war es gut, dass sie nun eine Prinzessin angucken konnten. Es gab auch welche, die sich wunderten, weil meine Schwester nicht gehen und nicht reden konnte und andere Dinge auch nicht konnte. Ich fand nicht, dass das etwas war, über das man sich wundern musste. So war meine Schwester einfach. Aber natürlich, wenn man noch nie eine Prinzessin gesehen hatte, dann war das wohl etwas, über das man sich wundern musste.

Wenn die Leute fertig damit waren, meine Schwester anzuschauen, dann guckten sie unsere Eltern an, die waren schließlich die Eltern der Prinzessin, und dann guckten sie mich und meine anderen Geschwister an, aber nicht so lange, wir waren ja keine Prinzessinnen. Natürlich mochten alle Leute Prinzessinnen viel lieber als normale Kinder, weil Prinzessinnen schöner sind und vornehmer und nicht so frech und weil sie keine Schimpfwörter sagen und sich nicht streiten. Ich war keine Prinzessin, auch wenn ich manchmal lieber eine sein wollte und manchmal nicht.

Als meine Schwester tot war, guckten die Leute mich und meine anderen Geschwister an, denn es gab ja keine Prinzessin mehr, die sie anschauen konnten. Das war gegen die Regel. Das war blöd. Ich wollte nicht angeschaut werden. Ich war ja keine Prinzessin. Ich wollte lieber wieder unsichtbar sein.

 

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Massengrab

Manchmal gingen wir mit Volker und Barbara (Namen geändert) zum Grab. Volker wollte lieber, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre, und das sagte er uns auch oft, wenn wir zusammen auf dem Friedhof waren. Er erklärte uns, was ein Massengrab ist: Da wird ein großes Loch gebuddelt und dann werden alle Toten da rein geworfen und dann wird es wieder zugebuddelt und dann ist fertig. Sagte er. Barbara sagte nichts dazu.

Erst fand ich seine Idee nicht so schlecht, weil ich es traurig fand, dass meine Schwester ganz allein im Grab sein musste. Sie war Alleinsein nämlich nicht gewöhnt. Sie war Alleinsein nicht gewöhnt, weil immer jemand da gewesen war, und nach ihr geguckt hatte und danach, dass es ihr gutging und so, und nun sollte sie plötzlich ganz allein sein, nur, weil sie tot war? Im Massengrab, da ist man nicht allein, jedenfalls, wenn es stimmte, was Volker erzählte. Aber dann, dann dachte ich noch länger darüber nach und stellte mir vor, wie meine Schwester zwischen anderen toten Menschen lag und fast von ihnen zerdrückt wurde. Das war keine schöne Vorstellung und ich war froh, dass meine Schwester ein eigenes Grab hatte. Außerdem wollte ich nicht, dass jemand meine Schwester herumwarf. Ich verstand nicht, warum Volker wollte, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre.

Vielleicht dachte er nicht daran, dass meine Schwester dann von anderen, dickeren Menschen fast erdrückt würde, und dass das bestimmt unangenehm für sie wäre. Es war aber schon blöd, nicht daran zu denken, fand ich. Wenn Volker über das Massengrab redete, sagten wir nichts dazu. Ich hatte Angst, etwas dazu zu sagen. Ich schaute auf den Boden und hoffte, dass es schnell vorbei war. Und dass niemand anderes Volker reden hörte, das wäre mir peinlich gewesen. Auch sonst sagte niemand was dazu, meine anderen Geschwister nicht, weil sie hatten auch Angst, und Barbara sagte auch nichts. Das fand ich aber ein bisschen komisch, schließlich war sie ja erwachsen, und wenn man erwachsen ist, braucht man keine Angst zu haben.

Wenn ich Volker sah, dachte ich oft darüber nach, auch Jahre später noch, dass er lieber wollte, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre, und ich stellte mir vor, wie sie zwischen anderen toten Menschen liegen musste und das war ziemlich ekelig. Ich wollte Volker lieber angucken können, ohne daran zu denken, aber das ging nicht. Manchmal wollte ich ihn fragen, ob er immer noch das mit dem Massengrab wollte oder er seine Meinung geändert hatte, aber das ging auch nicht. Und manchmal wollte ich Barbara fragen, ob sie auch ein Massengrab wollte für meine Schwester, aber auch das ging nicht. Weil die Angst war noch da.

Erinnerungen an eine Igel-Prinzessin

Wie wir uns an die Toten erinnern wollen, das ist eine schwierige und eine einfache Frage zugleich. Einfach deshalb, weil es ja einfach so passiert, dass ich mich an meine Schwester erinnere, wenn ich mich unvollständig fühle. Oder wenn ich Sitzsäcke sehe oder Prinzessinnen oder Igel. Einfach, weil ich ja nichts dagegen machen kann. Das ist ein Erinnern, was in mir drin stattfindet. Das ist einfach.

Das Erinnern mit mehreren Personen, das ist schwierig. Die meisten Leute erinnern sich an tote Personen, indem sie Geschichten über sie erzählen, lustige Geschichten, und sie erzählen, was derjenige gemacht hat und was er gesagt hat, und wie er geguckt hat, oder so. Oder wenn sie Dinge tun, die der Verstorbene gern getan hat, wenn sie das Lieblingslied des Verstorbenen hören, oder wenn sie einen Kuchen backen, den er gern gegessen hat. So erinnert man sich an Personen, die mal gelebt haben und viele Dinge getan haben und viele Sachen gesagt und viele Lieblingslieder gehört und die jetzt tot sind. Nur, niemand kann Geschichten über meine Schwester erzählen, wie man sie sonst über Tote erzählt, weil sie nie etwas anderes außer Herumliegen getan hat, deshalb nicht. Niemand weiß, was sie gefühlt oder gedacht hat, oder was ihr Lieblingslied war. Manche sagen auch, dass sie gar nichts gefühlt und gar nichts gedacht hat. Aber das glaube ich nicht. Deshalb ist es schwierig, sich mit mehreren Personen zu erinnern.

Fast alle Personen, die ich heute kenne und mit denen ich zu tun habe, kannten meine Schwester nicht. Die Personen, die meine Schwester nicht kannten oder gar nichts davon wissen, dass es sie mal gegeben hat, können sich natürlich auch nicht an sie erinnern.

Die Personen, die sie kennengelernt haben, haben sie mit einer anderen Sicht, auf eine andere Weise kennengelernt und erinnern sich an andere Dinge. Wenn ich mich an meine Schwester erinnere, dann denke ich an Gemütlichkeit und Sitzsack-Nester, daran, dass meine Schwester eine Prinzessin war, und sehr mutig, und auch an traurige Sachen, wie wütend ich darüber war, dass der Tod mir einfach meine Schwester wegnommen hatte und wie tief das Grab gewesen war. Andere Personen erinnern sich an Schmerz und an Krankheit und an Behinderung, und vielleicht an Dinge, die sie nicht erzählen. Manche Personen wollen nicht von meiner Schwester sprechen, vielleicht, weil das für sie eine traurige Geschichte ist, vielleicht, weil sie das Gefühl haben, dass schon alles gesagt worden ist.

Wenn ich mir wünschen könnte, wie wir alle uns an meine Schwester erinnern würden, und wenn das auch in Erfüllung gehen würde, dann würde ich gern ab und zu von meiner Schwester erzählen. Ich wünsche mir dann noch dazu, dass keiner vor Schreck in Ohnmacht fällt, oder etwas Dummes sagt oder komisch wird vor Angst. Ich möchte gar nicht so viel über meine Schwester erzählen, vielleicht nur, dass sie mal hier war und einen blauen Sitzsack hatte und so aussah wie ein Igel. Vielleicht noch, dass ich sie sehr liebe und nicht einverstanden war mit ihrem Tod und ziemlich wütend.

Ansonsten will ich einfach, dass es leise ist. Ich will im Wind stehen und nichts sagen und verstanden werden. Weil, wie soll man mit Worten das einfangen, was im Wind ist? Das geht nicht. Fühlen geht und Fühlen ist still. Die Welt ist laut und meine Schwester ist da, wo es leise ist.

 

Mit diesem Beitrag beteilige ich mich an der November-Blogaktion des Totenhemd-Blogs.

Weil du mir so fehlst – Buchvorstellung, Interview und Verlosung

Heute möchte ich euch das Buch „Weil du mir so fehlst“, geschrieben von der Trauerbegleiterin Ayse Bosse mit Ilustrationen von Andreas Klammt, vorstellen. Es ist im September 2016 im Carlsen Verlag erschienen.

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Das Buch richtet sich ab Kinder ab vier Jahren, die jemanden verloren haben. Am Anfang des Buches sieht man den Bären, wie er auf seinem Lieblingsplatz liegt. Er ist traurig und ängstlich und wütend, weil jemand gestorben ist, den er sehr lieb hatte. „Das ist gemein, dass jemand, den man lieb hat, nie wieder zurückkommt“, sagt der Bär.

Viele der Seiten des Buches kann man mit eigenen Gedanken und Bildern füllen. Es gibt Platz zum Einkleben von Fotos, Platz für Fragen und Platz, um seine Gefühle und Erinnerungen aufzuschreiben, Ideen für eine Trostsuppe oder ein Rezept für Trauerklöße.

In dem Buch erkenne ich viele der Gedanken und Fragen wieder, die ich als Kind nach dem Tod meiner Schwester hatte. Zum Beispiel sagt der Bär: „Können doch alle immer leben. Ist doch Platz genug“, oder er findet es seltsam, dass alles einfach so weitergeht, und spricht damit Gedanken aus, die bestimmt viele Kinder (und auch Erwachsene) haben. Es werden verschiedene Fragen und Themen aufgegriffen: Dass Trauer nicht nur Traurigsein bedeutet, sondern ganz viele verschiedene Gefühle; dass man trotz Trauer auch mal fröhlich sein darf; was dabei hilft, mit der Trauer zurechtzukommen; dass man Weinen kann aber nicht muss; wie es dort wohl aussieht, wo der Verstorbene nun ist. Und vor allem, dass jedes Kind trauern darf, wie es will.

Das Buch kann Erwachsenen und Kindern dabei helfen, über den Tod und die Gefühle, die damit zusammenhängen, zu sprechen. Vielleicht hilft es Erwachsenen dabei, zu verstehen, welche Gedanken und Gefühle und Ängste Kinder haben können. Und Kindern hilft es, zu sehen, dass sie nicht allein sind und dass sie ernst genommen werden. Zudem kann das Buch mit den selbstgestalteten Seiten eine wertvolle Erinnerung werden.

Was mir außerdem gefällt, ist, dass das Buch offen ist, egal, um wen man trauert. Man erfährt nicht, um wen der Bär genau trauert. Man sich in ihn hineinversetzen und an die Person denken, um die man trauert und erzählt so seine eigene Geschichte.

 

„Wenn man darüber redet, wird die Angst kleiner“ – Interview mit der Autorin und Trauerbegleiterin Ayse Bosse

1. Wie sind Sie dazu gekommen, eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin zu machen?
Vor meinem Entschluss die Ausbildung zu machen habe ich ehrenamtlich in einem Tageshospiz für Kinder geholfen. Dort werden schwer kranke Kinder morgens abgeholt und bis zum Abend betreut, um die Familien zu entlasten. Ich war damals mit meinem Job als Schauspielerin nicht so richtig glücklich. Ich hatte das Bedürfnis etwas zu tun, das sich nicht immer nur um meine Person dreht, sondern etwas Sinnvolles. Ich habe dort eine Trauerbegleiterin kennengelernt und nachdem dann im Jahre 2013 mein Vater und zwei Jungs, die ich betreut hatte, gestorben sind, war mir klar, dass ich mit all der Trauer, die mich da erwischt hatte etwas nach vorne tun muss, aktiv werden muss.

So habe ich dann die Ausbildung begonnen. Eigene Erfahrungen mit Verlust sind natürlich gut für die Arbeit als Trauerbegleiterin.

2. Wann und wie kamen Sie auf die Idee für das Buch?
Während unserer Ausbildung mussten wir uns für ein Thema für eine Abschlussarbeit entscheiden und ich habe schnell gemerkt, dass mich das Thema Kinder und Trauer sehr interessiert. Ich habe selbst eine Tochter und wir haben gemeinsam um den Opa getrauert. Ich habe bemerkt, dass ich viel von ihr lernen kann. Kinder sind so wunderbar. Wunderbar offen, wenn sie sich ernstgenommen fühlen, besonders sensibel und klar in ihren Vorstellungen zu dem Thema.

Für meine Abschlussarbeit habe ich viele Kinder zum Thema Trauer interviewt und währenddessen kam mir schon die Idee zum Buch. Ich wollte all das in Worte fassen, was ich von den Kindern gelernt hatte, damit andere Kinder sehen, dass sie nicht alleine sind und absolut nichts falsch machen beim Trauern. Die Großen trauern eben anders als die Kleinen und Kinder denken dann oft, dass sie etwas falsch machen oder Erwachsene denken Kinder trauern nicht genug oder nicht richtig. Beides ist falsch. Beim Trauern ist alles erlaubt! Mit dem Buch möchte ich dazu ermutigen, gemeinsam zu trauern, sich gegenseitig zu trösten, voneinander zu lernen und aktiv zu sein in der Trauer.

3. Ich empfinde die Sprache in dem Buch als sehr klar und absolut treffend. Es bringt vieles, was ich als Kind gedacht habe, auf den Punkt. Wie leicht ist es Ihnen gefallen, die richtigen Worte zu finden?

Wir waren doch alle mal Kinder.
Ich glaube so richtig erwachsen geworden bin ich nie.
Deshalb ist es mir sehr leicht gefallen, ausserdem hatte ich ja durch die Kinder mit denen ich zu tun hatte die besten Inspirationen. Viele Formulierungen im Buch wie: „Tod ist doof“ oder „ Wenn man drüber redet, wird die Angst kleiner“, kommen von den Kindern.

4. Welche Erfahrungen mit Tod und Trauer haben Sie selbst als Kind  gemacht?

Ich habe als Kind total viel über den Tod nachgedacht. Das ganze hat mir immer ganz schön angst gemacht, mich aber auch total fasziniert. Meine Mutter erzählte mir neulich, dass ich als 6jährige einmal ganz plötzlich angefangen habe zu weinen und gesagt habe, dass ich gerade sehr traurig darüber bin, diese Welt eines Tages verlassen zu müssen…

Ansonsten wären da: die Goldhamster, das Kaninchen, der Hund, die Katze, die Oma, eine Schulkameradin und auch der Bruder einer Freundin. Es gab eigentlich immer Anlass für mich über den Tod nachzudenken.

5. Welche Vorstellungen haben Kinder vom Tod, wie empfinden sie den Verlust?
Jeder ist anders, das kann man pauschal gar nicht sagen, wie Kinder den Tod wahrnehmen und mit Verlust umgehen. Sehr unterschiedlich würde ich sagen. Der eine ist wütend, der andere lenkt sich viel ab, der dritte braucht besonders viel Liebe und Kuscheln usw. Ausserdem ist natürlich das Alter auch ein Faktor. So richtig kapieren können Kinder das mit dem Sterben und dem endgültig-für-immer-weg-Sein wahrscheinlich erst mit sechs bis acht Jahren, das kommt immer darauf an, wie viel auch zu Hause oder in der Schule schon darüber gesprochen wurde und welche Erfahrungen schon gemacht wurden.

Wenn ein geliebter Mensch im engsten Umkreis eines Kindes stirbt, ist auf einmal alles anders und das bringt dann natürlich die ganze Welt des Kindes ins Wanken. Wenn dann auch noch nicht mit dem Kind über den Todesfall kommuniziert wird, fühlt es sich völlig allein und durcheinander. Oft denken Erwachsene, man muss Kinder vor Details schonen, die mit dem Tod zu tun haben, aber Kinder brauchen Informationen, genauso wie wir Großen, um besser zu begreifen, was da passiert ist.
Apropos Begreifen: Den Toten noch mal sehen und auch anfassen, wenn das möglich ist, hilft beim Begreifen und ist bei weitem nicht so schlimm für Kinder, wie vielleicht viele denken. Natürlich muss das Kind frei für sich entscheiden. Ich habe damals meine Tochter gefragt, ob sie Opa noch mal sehen möchte. Sie war da sieben und wollte. Wir haben dann darüber gesprochen, warum er so gelb aussieht und dass seine Hände so kalt waren. Klar klingt das erst mal krass, aber sie ist alles andere als traumatisiert durch diese Erfahrung. Ganz im Gegenteil, sie hat sich einbezogen, ernstgenommen und als ein Teil der Familie gefühlt und zusammen ist man nun mal stärker. Sie hat auch gesagt, sie hat es sich vorher viel schlimmer vorgestellt. Genau das passiert oft, dass Kinder, die so etwas nicht selbst erfahren können, dann die schlimmsten Zombie-Fantasien und Albträume bekommen.

6. Welche Fragen/ Themen/ Ängste beschäftigen Kinder, die einen lieben Menschen verloren haben? Gibt es Themen, mit denen sich besonders Kinder auseinandersetzen, die ein Geschwisterkind verloren haben?
Die unterschiedlichsten Fragen beschäftigen ein Kind nach einem Verlust. Wichtig ist, dass man ihnen signalisiert, dass man bereit ist mit ihm über diese Fragen zu sprechen. Es ist dann übrigens völlig in Ordnung sagen zu müssen : „Du, auf diese Frage kann ich dir leider keine Antwort geben“, denn es gibt nicht immer eine Antwort… „Ich stelle mir das so oder so vor“ …oder „ich weiß es leider nicht“.

Kinder können nach einem Verlust die verschiedensten Ängste entwickeln, auch Wut und Schuldgefühle. Wichtig ist, dass sie damit nicht alleine gelassen werden. Wenn man sich als Eltern, auch aufgrund der eigenen Trauer, damit überfordert fühlt, rate ich ganz unbedingt zu einer Trauerbegleitung. In Form von Einzel- oder Gruppenbegleitung. Es ist oft total gut, mal mit Leuten über alles zu reden, die nicht selbst betroffen sind.

Ich glaube, ein Geschwisterkind zu verlieren ist mit das Schlimmste, was einem Kind passieren kann. Geschwister von verstorbenen Kindern haben oft extreme Schuldgefühle, sie haben Angst davor, am Tod der Schwester oder des Bruders Schuld zu sein, sie fühlen sich schuldig, dass sie noch da sind und der andere nicht, vermissen ihre Geschwister, sehen ihre Eltern so sehr leiden und bemühen sich oft durch große Anstrengung irgendwie die Lücke zu füllen, was ihnen natürlich nicht gelingt.

7. Wie lassen sie Kinder in ihrer Trauer begleiten und unterstützen?
Es ist für trauernde Kinder essentiell wichtig zu wissen, dass beim Trauern alles erlaubt ist, dass sie dabei nichts falsch machen können, dass sie nicht schuld sind, dass sie nicht alleine sind, dass sie toll sind und geliebt werden, dass der Tod etwas ganz Normales ist und einfach dazu gehört, dass sie sich ernstgenommen fühlen, dass Erwachsene auch mal schwach sind und auch mal keine Antwort wissen, zu kuscheln, gemeinsam schöne Rituale machen für den Verstorbenen, Liebe, Liebe , Liebe.

8. Was können Erwachsene beim Umgang mit Verlust, Abschied und Trauer von Kindern lernen?
Erwachsene können vielleicht durch Kinder lernen etwas offener mit dem Thema umzugehen und es nicht totzuschweigen. Denn wenn man darüber redet, wird die Angst kleiner…auch die der Erwachsenen.

Kinder können sehr gut in halbwegs verdaubaren Portionen trauern und dann wieder ganz gut abschalten, spielen und fröhlich sein, auch das wäre gesund für Erwachsene.

Niemand, der gestorben ist, möchte das seine Liebsten immer traurig sind! Im Gegenteil.

Liebe Frau Bosse, danke für das Interview.
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Ayse Bosse hat mir ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt, das ich gerne an euch verlosen möchte. Wenn ihr das Buch gewinnen möchtet, schreibt einfach bis zum 06.12.2016 einen Kommentar unter diesen Beitrag. Unter allen, die bis dahin kommentiert haben, werde ich das Buch dann verlosen. Das Buch ist übrigens nicht nur etwas für Kinder, sondern auch für Erwachsene, finde ich.

Viel Glück!

Über Fragen und Gedanken

Wenn man über Menschen spricht, die gestorben sind, macht das den Leuten Angst und sie werden traurig und manchmal werden sie komisch. Wenn sie komisch werden, das ist am schlimmsten, denn dann weiß man gar nicht, was die Leute denken, sondern nur, dass es falsch war, dass man etwas gesagt hat. Darum redete ich lieber nicht über meine Schwester, als sie tot war, denn ich wollte niemanden traurig machen, und dass jemand komisch wurde, das wollte ich erst recht nicht.

Manche Sachen, die mir einfielen, die ich sagen oder fragen wollte, waren gar keine Sachen, die zum Traurigmachen gedacht waren, aber trotzdem wurden die Leute davon komisch. Über manche Sachen hatte ich, als meine Schwester noch lebte, gar nicht nachgedacht, darum musste ich eben darüber nachdenken, als meine Schwester tot war. Zum Beispiel dachte ich darüber nach, wie sie ihr Essen durch einen Schlauch, der durch ihr Nasenloch ging, bekommen hatte. Und natürlich fragte ich mich, wie das Essen von der Nase in den Bauch kam. Wenn der Schlauch durch ihren Mund gegangen wäre, dann hätte ich das verstanden, aber so, wie sollte das gehen? Ich fragte niemanden, wie das ging, weil ich nicht wollte, dass jemand traurig sein musste wegen mir. Aber ich dachte sehr viel darüber nach, und darüber, dass das bestimmt wehtut, wenn man einen Schlauch in der Nase hat. Meine Schwester war eine sehr tapfere Prinzessin gewesen, so viel stand fest. Ich wollte keinen Schlauch in der Nase haben.

Manchmal konnte ich gar nicht einschlafen, weil da so viele Gedanken und Fragen in mir waren, und niemand, den ich fragen konnte, und in der Schule kriegte ich das auch nicht beigebracht. Manchmal wurden die Gedanken und Fragen vom Denken so groß, dass ich Angst bekam und manchmal wurde mir schlecht und traurig dabei. Manchmal stellte ich mir vor, wie die im Krankenhaus meiner Schwester den Schlauch in die Nase gesteckt hatten, richtig fest, obwohl meine Schwester das gar nicht gewollt hatte. Und wie weh das getan haben musste.

 

Am Grab

Manchmal gingen wir zusammen zum Grab meiner Schwester, meine Eltern, meine anderen Geschwister und ich. Ich wusste gar nicht genau, was man macht, wenn man am Grab steht, und das fragte ich mich jedesmal, wenn wir zusammen vor dem Grab standen. Wir gingen nicht so oft alle zusammen zum Grab, nur manchmal.

Also ich wusste natürlich, dass man ganz still sein muss, und nicht reden darf und schon gar nicht lachen, und dass man nicht herumhampeln soll. Man soll still sein, und still stehen, und man soll das Grab anschauen, und niemand anderes sonst soll man anschauen. Das wusste ich, weil ich die Erwachsenen dabei beobachtet hatte, heimlich, wie sie das machten. Wenn wir zusammen vor dem Grab standen, dann guckte ich manchmal ganz kurz zu meinen Eltern, weil ich wissen wollte, wie sie da standen und wie sie guckten und was sie machten, und dann guckte ich schnell wieder auf das Grab, damit niemand merkte, dass ich woanders hin geguckt hatte. Ich versuchte, so zu stehen und so zu gucken wie sie, und niemand fiel auf, dass ich gar nicht so genau wusste, was man macht, wenn man vor dem Grab steht.

Ich verstand nicht, warum ich so auf das Grab starren sollte, obwohl da gar nichts passierte. Das Grab und die Pflanzen, die darauf wuchsen, veränderten sich nicht so schnell. Besser hätte ich es gefunden, sich mit dem Rücken auf den Rasen neben das Grab zu legen. Dann könnte man Vögeln und Wolken beim Fliegen zuschauen und sehen, wie der Wind die Blätter des Baumes berührt. Außerdem ist man, wenn man sich auf die Erde legt, näher an der toten Person, als wenn man herumsteht, weil die tote Person ja in der Erde vergraben ist. Auf das Grab starren und still sein, das ist langweilig und traurig, aber das sagte ich nie.

Ich wusste auch nicht, was man denken sollte, wenn man vor dem Grab stand. Das war etwas, das man sich nicht abschauen konnte, weil man Gedanken nicht sehen kann. Die Erwachsenen redeten nicht darüber, was sie dachten. Ich fragte mich, ob sie traurig waren, weil meine Schwester tot war, und wie traurig sie waren.

Mir fiel es manchmal schwer, meine Gedanken beisammen zu halten und nur an meine Schwester zu denken, wenn wir vor dem Grab standen. Na klar, ich dachte dann daran, dass meine Schwester tot war, und dass das blöd war, aber dann dachte ich plötzlich auch an andere Dinge, an die Schule, oder an Hausaufgaben oder an Dinge, die ich machen wollte. Es war dann so, als wären die Gedanken an meine Schwester weggedacht, und ich wusste, ich soll an meine Schwester denken, aber da kamen keine Gedanken mehr dazu. Weil, das war auch klar, wenn man vor dem Grab einer Person steht, dann soll man an diese Person denken und an nichts anderes.

Meine Eltern konnten das, Stillsein und aufs Grab gucken und an meine Schwester denken. Meine anderen Geschwister konnten das auch. Ich hoffte, dass niemand sah, dass ich das nicht konnte.

Dann waren meine Eltern fertig mit Stillsein und Gucken, und wir gingen aus dem Friedhof heraus. Sie fingen wieder an zu reden, sie fragten mich nach der Schule und nach den Hausaufgaben und so was, aber ich fühlte mich, als wäre mein Herz eingefroren und alles war starr und ich konnte nur noch daran denken, dass meine Schwester tot war, und an nichts anderes mehr.

 

Zwilling-Sein

Die Erwachsenen fanden das gut, dass ich kein bisschen Behinderung hatte, und dass ich lebendig war und nicht tot. Ich fand das nicht gut, denn das war nicht gerecht. Ja, das war mehr wie ungerecht und je mehr ich darüber nachdachte, wusste ich, dass da ein Fehler passiert sein musste. Ein ziemlich dummer Mist-Fehler. Schließlich waren wir Zwillinge, und Zwillinge sind sich immer sehr ähnlich, sie sehen ähnlich aus, und sie können zusammen spielen und niemand stirbt einfach so. So waren die Regeln. Ich hatte andere Zwillinge gesehen, da war niemand behindert oder tot.

Ich hatte mich schon an das Zwilling-Sein gewöhnt, weil das war etwas sehr gutes. Zwilling-Sein, das bedeutet Nie-allein-Sein, das bedeutet, dass immer jemand da ist, der einen versteht und zu einem hält. Meine Schwester verstand mich immer sehr gut  und sie fand es lustig, wenn ich lustige Sachen sagte oder Quatsch machte und ich baute ihr die besten Nester der Welt und wenn jemand nicht wusste, dass sie eine Prinzessin war, dann sagte ich das. So ist das, wenn man zusammen Zwilling ist. Und dann wird man größer und geht zusammen in die Schule und dann heiratet man zusammen einen Mann. Man macht einfach alles zusammen. Das heißt, man stirbt auch zusammen, wenn man alt ist und nicht mehr richtig laufen kann und ganz viele Falten im Gesicht hat, dann stirbt man zusammen. Das ist dann okay, weil man ist ja dann alt und man kriegt dann einen großen Sarg, wo zwei Omas zusammen reinpassen. Man ist also nie allein, weil man zusammen auf die Welt kommt und zusammen lebt und zusammen stirbt.

Nur wenn so ein dummer Mist-Fehler passiert, so ein saudummer Saumist-Fehler, dann ist man plötzlich kein Zwilling mehr, und dann ist man plötzlich allein. Ich wollte nicht allein sein, das war noch saudummer als saudumm.