Weil du mir so fehlst – Buchvorstellung, Interview und Verlosung

Heute möchte ich euch das Buch „Weil du mir so fehlst“, geschrieben von der Trauerbegleiterin Ayse Bosse mit Ilustrationen von Andreas Klammt, vorstellen. Es ist im September 2016 im Carlsen Verlag erschienen.

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Das Buch richtet sich ab Kinder ab vier Jahren, die jemanden verloren haben. Am Anfang des Buches sieht man den Bären, wie er auf seinem Lieblingsplatz liegt. Er ist traurig und ängstlich und wütend, weil jemand gestorben ist, den er sehr lieb hatte. „Das ist gemein, dass jemand, den man lieb hat, nie wieder zurückkommt“, sagt der Bär.

Viele der Seiten des Buches kann man mit eigenen Gedanken und Bildern füllen. Es gibt Platz zum Einkleben von Fotos, Platz für Fragen und Platz, um seine Gefühle und Erinnerungen aufzuschreiben, Ideen für eine Trostsuppe oder ein Rezept für Trauerklöße.

In dem Buch erkenne ich viele der Gedanken und Fragen wieder, die ich als Kind nach dem Tod meiner Schwester hatte. Zum Beispiel sagt der Bär: „Können doch alle immer leben. Ist doch Platz genug“, oder er findet es seltsam, dass alles einfach so weitergeht, und spricht damit Gedanken aus, die bestimmt viele Kinder (und auch Erwachsene) haben. Es werden verschiedene Fragen und Themen aufgegriffen: Dass Trauer nicht nur Traurigsein bedeutet, sondern ganz viele verschiedene Gefühle; dass man trotz Trauer auch mal fröhlich sein darf; was dabei hilft, mit der Trauer zurechtzukommen; dass man Weinen kann aber nicht muss; wie es dort wohl aussieht, wo der Verstorbene nun ist. Und vor allem, dass jedes Kind trauern darf, wie es will.

Das Buch kann Erwachsenen und Kindern dabei helfen, über den Tod und die Gefühle, die damit zusammenhängen, zu sprechen. Vielleicht hilft es Erwachsenen dabei, zu verstehen, welche Gedanken und Gefühle und Ängste Kinder haben können. Und Kindern hilft es, zu sehen, dass sie nicht allein sind und dass sie ernst genommen werden. Zudem kann das Buch mit den selbstgestalteten Seiten eine wertvolle Erinnerung werden.

Was mir außerdem gefällt, ist, dass das Buch offen ist, egal, um wen man trauert. Man erfährt nicht, um wen der Bär genau trauert. Man sich in ihn hineinversetzen und an die Person denken, um die man trauert und erzählt so seine eigene Geschichte.

 

„Wenn man darüber redet, wird die Angst kleiner“ – Interview mit der Autorin und Trauerbegleiterin Ayse Bosse

1. Wie sind Sie dazu gekommen, eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin zu machen?
Vor meinem Entschluss die Ausbildung zu machen habe ich ehrenamtlich in einem Tageshospiz für Kinder geholfen. Dort werden schwer kranke Kinder morgens abgeholt und bis zum Abend betreut, um die Familien zu entlasten. Ich war damals mit meinem Job als Schauspielerin nicht so richtig glücklich. Ich hatte das Bedürfnis etwas zu tun, das sich nicht immer nur um meine Person dreht, sondern etwas Sinnvolles. Ich habe dort eine Trauerbegleiterin kennengelernt und nachdem dann im Jahre 2013 mein Vater und zwei Jungs, die ich betreut hatte, gestorben sind, war mir klar, dass ich mit all der Trauer, die mich da erwischt hatte etwas nach vorne tun muss, aktiv werden muss.

So habe ich dann die Ausbildung begonnen. Eigene Erfahrungen mit Verlust sind natürlich gut für die Arbeit als Trauerbegleiterin.

2. Wann und wie kamen Sie auf die Idee für das Buch?
Während unserer Ausbildung mussten wir uns für ein Thema für eine Abschlussarbeit entscheiden und ich habe schnell gemerkt, dass mich das Thema Kinder und Trauer sehr interessiert. Ich habe selbst eine Tochter und wir haben gemeinsam um den Opa getrauert. Ich habe bemerkt, dass ich viel von ihr lernen kann. Kinder sind so wunderbar. Wunderbar offen, wenn sie sich ernstgenommen fühlen, besonders sensibel und klar in ihren Vorstellungen zu dem Thema.

Für meine Abschlussarbeit habe ich viele Kinder zum Thema Trauer interviewt und währenddessen kam mir schon die Idee zum Buch. Ich wollte all das in Worte fassen, was ich von den Kindern gelernt hatte, damit andere Kinder sehen, dass sie nicht alleine sind und absolut nichts falsch machen beim Trauern. Die Großen trauern eben anders als die Kleinen und Kinder denken dann oft, dass sie etwas falsch machen oder Erwachsene denken Kinder trauern nicht genug oder nicht richtig. Beides ist falsch. Beim Trauern ist alles erlaubt! Mit dem Buch möchte ich dazu ermutigen, gemeinsam zu trauern, sich gegenseitig zu trösten, voneinander zu lernen und aktiv zu sein in der Trauer.

3. Ich empfinde die Sprache in dem Buch als sehr klar und absolut treffend. Es bringt vieles, was ich als Kind gedacht habe, auf den Punkt. Wie leicht ist es Ihnen gefallen, die richtigen Worte zu finden?

Wir waren doch alle mal Kinder.
Ich glaube so richtig erwachsen geworden bin ich nie.
Deshalb ist es mir sehr leicht gefallen, ausserdem hatte ich ja durch die Kinder mit denen ich zu tun hatte die besten Inspirationen. Viele Formulierungen im Buch wie: „Tod ist doof“ oder „ Wenn man drüber redet, wird die Angst kleiner“, kommen von den Kindern.

4. Welche Erfahrungen mit Tod und Trauer haben Sie selbst als Kind  gemacht?

Ich habe als Kind total viel über den Tod nachgedacht. Das ganze hat mir immer ganz schön angst gemacht, mich aber auch total fasziniert. Meine Mutter erzählte mir neulich, dass ich als 6jährige einmal ganz plötzlich angefangen habe zu weinen und gesagt habe, dass ich gerade sehr traurig darüber bin, diese Welt eines Tages verlassen zu müssen…

Ansonsten wären da: die Goldhamster, das Kaninchen, der Hund, die Katze, die Oma, eine Schulkameradin und auch der Bruder einer Freundin. Es gab eigentlich immer Anlass für mich über den Tod nachzudenken.

5. Welche Vorstellungen haben Kinder vom Tod, wie empfinden sie den Verlust?
Jeder ist anders, das kann man pauschal gar nicht sagen, wie Kinder den Tod wahrnehmen und mit Verlust umgehen. Sehr unterschiedlich würde ich sagen. Der eine ist wütend, der andere lenkt sich viel ab, der dritte braucht besonders viel Liebe und Kuscheln usw. Ausserdem ist natürlich das Alter auch ein Faktor. So richtig kapieren können Kinder das mit dem Sterben und dem endgültig-für-immer-weg-Sein wahrscheinlich erst mit sechs bis acht Jahren, das kommt immer darauf an, wie viel auch zu Hause oder in der Schule schon darüber gesprochen wurde und welche Erfahrungen schon gemacht wurden.

Wenn ein geliebter Mensch im engsten Umkreis eines Kindes stirbt, ist auf einmal alles anders und das bringt dann natürlich die ganze Welt des Kindes ins Wanken. Wenn dann auch noch nicht mit dem Kind über den Todesfall kommuniziert wird, fühlt es sich völlig allein und durcheinander. Oft denken Erwachsene, man muss Kinder vor Details schonen, die mit dem Tod zu tun haben, aber Kinder brauchen Informationen, genauso wie wir Großen, um besser zu begreifen, was da passiert ist.
Apropos Begreifen: Den Toten noch mal sehen und auch anfassen, wenn das möglich ist, hilft beim Begreifen und ist bei weitem nicht so schlimm für Kinder, wie vielleicht viele denken. Natürlich muss das Kind frei für sich entscheiden. Ich habe damals meine Tochter gefragt, ob sie Opa noch mal sehen möchte. Sie war da sieben und wollte. Wir haben dann darüber gesprochen, warum er so gelb aussieht und dass seine Hände so kalt waren. Klar klingt das erst mal krass, aber sie ist alles andere als traumatisiert durch diese Erfahrung. Ganz im Gegenteil, sie hat sich einbezogen, ernstgenommen und als ein Teil der Familie gefühlt und zusammen ist man nun mal stärker. Sie hat auch gesagt, sie hat es sich vorher viel schlimmer vorgestellt. Genau das passiert oft, dass Kinder, die so etwas nicht selbst erfahren können, dann die schlimmsten Zombie-Fantasien und Albträume bekommen.

6. Welche Fragen/ Themen/ Ängste beschäftigen Kinder, die einen lieben Menschen verloren haben? Gibt es Themen, mit denen sich besonders Kinder auseinandersetzen, die ein Geschwisterkind verloren haben?
Die unterschiedlichsten Fragen beschäftigen ein Kind nach einem Verlust. Wichtig ist, dass man ihnen signalisiert, dass man bereit ist mit ihm über diese Fragen zu sprechen. Es ist dann übrigens völlig in Ordnung sagen zu müssen : „Du, auf diese Frage kann ich dir leider keine Antwort geben“, denn es gibt nicht immer eine Antwort… „Ich stelle mir das so oder so vor“ …oder „ich weiß es leider nicht“.

Kinder können nach einem Verlust die verschiedensten Ängste entwickeln, auch Wut und Schuldgefühle. Wichtig ist, dass sie damit nicht alleine gelassen werden. Wenn man sich als Eltern, auch aufgrund der eigenen Trauer, damit überfordert fühlt, rate ich ganz unbedingt zu einer Trauerbegleitung. In Form von Einzel- oder Gruppenbegleitung. Es ist oft total gut, mal mit Leuten über alles zu reden, die nicht selbst betroffen sind.

Ich glaube, ein Geschwisterkind zu verlieren ist mit das Schlimmste, was einem Kind passieren kann. Geschwister von verstorbenen Kindern haben oft extreme Schuldgefühle, sie haben Angst davor, am Tod der Schwester oder des Bruders Schuld zu sein, sie fühlen sich schuldig, dass sie noch da sind und der andere nicht, vermissen ihre Geschwister, sehen ihre Eltern so sehr leiden und bemühen sich oft durch große Anstrengung irgendwie die Lücke zu füllen, was ihnen natürlich nicht gelingt.

7. Wie lassen sie Kinder in ihrer Trauer begleiten und unterstützen?
Es ist für trauernde Kinder essentiell wichtig zu wissen, dass beim Trauern alles erlaubt ist, dass sie dabei nichts falsch machen können, dass sie nicht schuld sind, dass sie nicht alleine sind, dass sie toll sind und geliebt werden, dass der Tod etwas ganz Normales ist und einfach dazu gehört, dass sie sich ernstgenommen fühlen, dass Erwachsene auch mal schwach sind und auch mal keine Antwort wissen, zu kuscheln, gemeinsam schöne Rituale machen für den Verstorbenen, Liebe, Liebe , Liebe.

8. Was können Erwachsene beim Umgang mit Verlust, Abschied und Trauer von Kindern lernen?
Erwachsene können vielleicht durch Kinder lernen etwas offener mit dem Thema umzugehen und es nicht totzuschweigen. Denn wenn man darüber redet, wird die Angst kleiner…auch die der Erwachsenen.

Kinder können sehr gut in halbwegs verdaubaren Portionen trauern und dann wieder ganz gut abschalten, spielen und fröhlich sein, auch das wäre gesund für Erwachsene.

Niemand, der gestorben ist, möchte das seine Liebsten immer traurig sind! Im Gegenteil.

Liebe Frau Bosse, danke für das Interview.
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Ayse Bosse hat mir ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt, das ich gerne an euch verlosen möchte. Wenn ihr das Buch gewinnen möchtet, schreibt einfach bis zum 06.12.2016 einen Kommentar unter diesen Beitrag. Unter allen, die bis dahin kommentiert haben, werde ich das Buch dann verlosen. Das Buch ist übrigens nicht nur etwas für Kinder, sondern auch für Erwachsene, finde ich.

Viel Glück!

Über Fragen und Gedanken

Wenn man über Menschen spricht, die gestorben sind, macht das den Leuten Angst und sie werden traurig und manchmal werden sie komisch. Wenn sie komisch werden, das ist am schlimmsten, denn dann weiß man gar nicht, was die Leute denken, sondern nur, dass es falsch war, dass man etwas gesagt hat. Darum redete ich lieber nicht über meine Schwester, als sie tot war, denn ich wollte niemanden traurig machen, und dass jemand komisch wurde, das wollte ich erst recht nicht.

Manche Sachen, die mir einfielen, die ich sagen oder fragen wollte, waren gar keine Sachen, die zum Traurigmachen gedacht waren, aber trotzdem wurden die Leute davon komisch. Über manche Sachen hatte ich, als meine Schwester noch lebte, gar nicht nachgedacht, darum musste ich eben darüber nachdenken, als meine Schwester tot war. Zum Beispiel dachte ich darüber nach, wie sie ihr Essen durch einen Schlauch, der durch ihr Nasenloch ging, bekommen hatte. Und natürlich fragte ich mich, wie das Essen von der Nase in den Bauch kam. Wenn der Schlauch durch ihren Mund gegangen wäre, dann hätte ich das verstanden, aber so, wie sollte das gehen? Ich fragte niemanden, wie das ging, weil ich nicht wollte, dass jemand traurig sein musste wegen mir. Aber ich dachte sehr viel darüber nach, und darüber, dass das bestimmt wehtut, wenn man einen Schlauch in der Nase hat. Meine Schwester war eine sehr tapfere Prinzessin gewesen, so viel stand fest. Ich wollte keinen Schlauch in der Nase haben.

Manchmal konnte ich gar nicht einschlafen, weil da so viele Gedanken und Fragen in mir waren, und niemand, den ich fragen konnte, und in der Schule kriegte ich das auch nicht beigebracht. Manchmal wurden die Gedanken und Fragen vom Denken so groß, dass ich Angst bekam und manchmal wurde mir schlecht und traurig dabei. Manchmal stellte ich mir vor, wie die im Krankenhaus meiner Schwester den Schlauch in die Nase gesteckt hatten, richtig fest, obwohl meine Schwester das gar nicht gewollt hatte. Und wie weh das getan haben musste.

 

Am Grab

Manchmal gingen wir zusammen zum Grab meiner Schwester, meine Eltern, meine anderen Geschwister und ich. Ich wusste gar nicht genau, was man macht, wenn man am Grab steht, und das fragte ich mich jedesmal, wenn wir zusammen vor dem Grab standen. Wir gingen nicht so oft alle zusammen zum Grab, nur manchmal.

Also ich wusste natürlich, dass man ganz still sein muss, und nicht reden darf und schon gar nicht lachen, und dass man nicht herumhampeln soll. Man soll still sein, und still stehen, und man soll das Grab anschauen, und niemand anderes sonst soll man anschauen. Das wusste ich, weil ich die Erwachsenen dabei beobachtet hatte, heimlich, wie sie das machten. Wenn wir zusammen vor dem Grab standen, dann guckte ich manchmal ganz kurz zu meinen Eltern, weil ich wissen wollte, wie sie da standen und wie sie guckten und was sie machten, und dann guckte ich schnell wieder auf das Grab, damit niemand merkte, dass ich woanders hin geguckt hatte. Ich versuchte, so zu stehen und so zu gucken wie sie, und niemand fiel auf, dass ich gar nicht so genau wusste, was man macht, wenn man vor dem Grab steht.

Ich verstand nicht, warum ich so auf das Grab starren sollte, obwohl da gar nichts passierte. Das Grab und die Pflanzen, die darauf wuchsen, veränderten sich nicht so schnell. Besser hätte ich es gefunden, sich mit dem Rücken auf den Rasen neben das Grab zu legen. Dann könnte man Vögeln und Wolken beim Fliegen zuschauen und sehen, wie der Wind die Blätter des Baumes berührt. Außerdem ist man, wenn man sich auf die Erde legt, näher an der toten Person, als wenn man herumsteht, weil die tote Person ja in der Erde vergraben ist. Auf das Grab starren und still sein, das ist langweilig und traurig, aber das sagte ich nie.

Ich wusste auch nicht, was man denken sollte, wenn man vor dem Grab stand. Das war etwas, das man sich nicht abschauen konnte, weil man Gedanken nicht sehen kann. Die Erwachsenen redeten nicht darüber, was sie dachten. Ich fragte mich, ob sie traurig waren, weil meine Schwester tot war, und wie traurig sie waren.

Mir fiel es manchmal schwer, meine Gedanken beisammen zu halten und nur an meine Schwester zu denken, wenn wir vor dem Grab standen. Na klar, ich dachte dann daran, dass meine Schwester tot war, und dass das blöd war, aber dann dachte ich plötzlich auch an andere Dinge, an die Schule, oder an Hausaufgaben oder an Dinge, die ich machen wollte. Es war dann so, als wären die Gedanken an meine Schwester weggedacht, und ich wusste, ich soll an meine Schwester denken, aber da kamen keine Gedanken mehr dazu. Weil, das war auch klar, wenn man vor dem Grab einer Person steht, dann soll man an diese Person denken und an nichts anderes.

Meine Eltern konnten das, Stillsein und aufs Grab gucken und an meine Schwester denken. Meine anderen Geschwister konnten das auch. Ich hoffte, dass niemand sah, dass ich das nicht konnte.

Dann waren meine Eltern fertig mit Stillsein und Gucken, und wir gingen aus dem Friedhof heraus. Sie fingen wieder an zu reden, sie fragten mich nach der Schule und nach den Hausaufgaben und so was, aber ich fühlte mich, als wäre mein Herz eingefroren und alles war starr und ich konnte nur noch daran denken, dass meine Schwester tot war, und an nichts anderes mehr.

 

Zwilling-Sein

Die Erwachsenen fanden das gut, dass ich kein bisschen Behinderung hatte, und dass ich lebendig war und nicht tot. Ich fand das nicht gut, denn das war nicht gerecht. Ja, das war mehr wie ungerecht und je mehr ich darüber nachdachte, wusste ich, dass da ein Fehler passiert sein musste. Ein ziemlich dummer Mist-Fehler. Schließlich waren wir Zwillinge, und Zwillinge sind sich immer sehr ähnlich, sie sehen ähnlich aus, und sie können zusammen spielen und niemand stirbt einfach so. So waren die Regeln. Ich hatte andere Zwillinge gesehen, da war niemand behindert oder tot.

Ich hatte mich schon an das Zwilling-Sein gewöhnt, weil das war etwas sehr gutes. Zwilling-Sein, das bedeutet Nie-allein-Sein, das bedeutet, dass immer jemand da ist, der einen versteht und zu einem hält. Meine Schwester verstand mich immer sehr gut  und sie fand es lustig, wenn ich lustige Sachen sagte oder Quatsch machte und ich baute ihr die besten Nester der Welt und wenn jemand nicht wusste, dass sie eine Prinzessin war, dann sagte ich das. So ist das, wenn man zusammen Zwilling ist. Und dann wird man größer und geht zusammen in die Schule und dann heiratet man zusammen einen Mann. Man macht einfach alles zusammen. Das heißt, man stirbt auch zusammen, wenn man alt ist und nicht mehr richtig laufen kann und ganz viele Falten im Gesicht hat, dann stirbt man zusammen. Das ist dann okay, weil man ist ja dann alt und man kriegt dann einen großen Sarg, wo zwei Omas zusammen reinpassen. Man ist also nie allein, weil man zusammen auf die Welt kommt und zusammen lebt und zusammen stirbt.

Nur wenn so ein dummer Mist-Fehler passiert, so ein saudummer Saumist-Fehler, dann ist man plötzlich kein Zwilling mehr, und dann ist man plötzlich allein. Ich wollte nicht allein sein, das war noch saudummer als saudumm.

Nicht traurig sein

Nicht traurig sein.

Sie sagen: „Sie war doch eh behindert.“
Und: „Sie konnte doch gar nichts.“
„Weißt du, es ist sowieso komisch, dass sie so lange gelebt hat, eigentlich hätte sie viel früher sterben müssen.“
„Sie wollte nie etwas essen“, sagen sie, und: „Sie hatte kein schönes Leben.“

Und ich nicke und sage nichts. Nichts davon, dass sie eine Prinzessin war, und noch ein Kind, und Kinder sterben nicht, und dass sie vielleicht lieber Luftküsse essen wollte, statt Nudeln mit Tomatensoße, und dass sie natürlich ein prinzessinnenhaft tolles Leben hatte, mit Dienern, die ihr die besten Sitzsacknester der Welt bauten. Ich sage nichts, weil ich nicht blöd dastehen will, und nicht die einzige sein will, die was anderes sagt, und ich will nicht ausgelacht werden, weil ich was anderes denke und fühle, und ein bisschen Angst bekomme ich. Angst davor, dass das stimmt, dass sie kein schönes Leben hatte. Das ist eine blöde Angst. Ich will, dass sie wieder geht, aber sie geht nicht.

Sie sagen nie: „Das ist so ungerecht und gemein. Warum kann denn nicht jemand anders sterben?“
Oder: „Wer hat denn sowas blödes wie den Tod erfunden?“
Oder: „Wir wollen sie wiederhaben, jetzt, sofort.“
Oder: „Der blöde liebe Gott soll das wieder in Ordnung bringen, was fällt dem eigentlich ein?“
Und sie sind nicht wütend und sie stampfen auch nicht mit dem Fuß auf, und sie schreien nicht alle Schimpfwörter heraus, die sie kennen, sie hauen nicht mit dem Kopf gegen die Wand, sie sind ruhig und sagen nur: „Es ist gut so, wie es ist.“

Ich bin wütend, und ich will schreien und mit dem Fuß aufstampfen und ich will Dinge kaputtmachen und nie mehr damit aufhören. Ich will allen sagen, wie ungerecht und gemein das ist, und ich will nicht, dass meine Schwester tot ist, und dass sie beerdigt wird, ich will das nicht. Aber ich bin ruhig, weil alle ruhig sind, und ich nicke, wenn sie sagen, dass alles gut ist, wie es ist, weil ich nicht auffallen will. Ich will, dass sie mich lieb haben, wütende Mädchen finden alle doof.

Ich verstecke meine Wut ganz tief unten in meinem Körper, und die Angst und die Traurigkeit auch. Man trauert nicht um tote Schwestern, die behindert waren und nichts konnten. Nicht traurig sein.

 

 

 

 

Wo bist du, wenn ich so leicht bin?

Wenn man eine tote Schwester unter der Erde hat, macht das einen schwer. So schwer, dass alles anstrengend ist, und man sich gar nicht mehr richtig bewegen kann, und auch nicht mehr so gut lachen. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass man rennen kann oder dass man mal zwei Purzelbäume hintereinander gemacht hat.

So schwer zu sein, ist blöd.

Das ist die Traurigkeit, die einen so schwer macht, wenn man eine tote Schwester unter der Erde hat. Und vielleicht die Angst, vielleicht macht die Angst einen auch schwer. Jedenfalls, die Traurigkeit und die Angst sind schwerer als ein voller Wasserkasten. Vielleicht auch schwerer als zwei.
Es ist blöd, so schwer zu sein. Vor allem, weil alle um einen herum so leicht sind, und rennen und lachen und zwei Purzelbäume hintereinander machen. Aber, obwohl es blöd ist, so schwer zu sein, es ist gut und richtig, denn es muss blöd sein, wenn man eine tote Schwester unter der Erde hat. Es muss blöd sein, alles. Wenn man eine tote Schwester unter der Erde hat, dann muss alles blöd sein.
Irgendwann, dann will man einfach wieder leichter werden, weil es ist blöd, so schwer zu sein. Man freut sich darauf, zu rennen und auf die Purzelbäume. Aber leicht zu sein, das ist irgendwie auch blöd, und auch ungewohnt, weil man das ja gar nicht mehr richtig kennt, und auch gar nicht mehr richtig weiß, wie man zwei Purzelbäume hintereinander macht.

Es ist blöd, leicht zu sein, und schwierig. Man merkt, wie schön es ist, sich schwer zu fühlen, und wie vertraut und wie einfach. Schwer zu sein, das ist schön, weil wenn man so schwer ist, und die Augen zu macht, dann ist eine tote Schwester unter der Erde nicht mehr ganz so tot und nicht mehr ganz so tief unter der Erde und nicht mehr ganz so weit weg. Schwer zu sein, bedeutet, Nähe zu spüren und Verbundenheit.

Sich leicht zu fühlen, bedeutet, weiter weg zu sein, und verlorener. Sich leicht zu fühlen, macht Angst. Die Angst ist so schwer wie ein voller Wasserkasten, mindestens.

Wo bist du, wenn ich so leicht bin? Wenn du nur bei mir bist, wenn ich schwer bin, dann will ich lieber schwer sein. Und nie wieder zwei Purzelbäume hintereinander machen.

Ich will dich auch in der Leichtigkeit finden.

So, als würde man gegen sich selbst kämpfen, so schwierig ist das

Manchmal wollte ich lieber zwei Personen gleichzeitig sein. Ich wollte ich selbst sein, klar, und ich wollte auch meine Schwester sein, damit sie nicht so tot sein musste, und weil das so traurig war und so gemein. Und damit niemand meine Schwester vergessen konnte. Ich dachte viel darüber nach, und ich fand, mein Körper war groß genug für uns beide, und sie konnte ruhig ein Bein und einen Fuß und einen Arm und eine Hand und meinen halben Kopf abhaben von mir.
Es war trotzdem schwierig, zwei Personen gleichzeitig zu sein. Wenn ich redete, dann dachte ich daran, dass sie nicht reden konnte, und wenn ich rannte, dann dachte ich daran, dass sie nicht rennen konnte, und wenn ich spielte und Fahrrad fuhr, dann dachte ich auch daran, dass sie das nicht konnte, und so weiter. Und wenn mich jemand rief, dann rief er mich bei meinem Namen und nicht bei dem Namen meiner Schwester, und das war falsch, und machte mich traurig, aber andererseits war das auch trotzdem richtig, und das machte mich manchmal ganz schwindelig im Kopf.

Wenn man zwei Personen sein will, obwohl man eigentlich nur eine Person ist, das ist nämlich eine richtig komplizierte Sache. Das ist sehr schwer, so als würde man gegen sich Memory spielen oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder so, und als würde jeder dabei gewinnen wollen. Oder als würde man gegen sich selbst kämpfen. So ist das, so schwierig.
Auch wenn ich so gerne wollte, dass meine Schwester gewinnen würde und ich so werden wollte wie sie, weil ich so traurig fand, dass sie tot sein musste, gewann meistens ich. Weil es so schwierig für mich war, so zu sein wie sie, weil ich so gerne rannte und spielte. Weil ich so gerne gewann und so gerne ich war, heimlich. Ich schämte mich, dass ich so eine schlechte Schwester war.