Interviews

Ich habe Jana von der Seite Wenn Kinder sterben einige Fragen zu meiner Schwester und zu meinen Gedanken zum Tod und zur Trauer beantwortet. Das Interview könnt ihr hier lesen: Interview mit Claudia M.

Bereits vor ein paar Monaten habe ich Jana, die die Trauerplattform Wenn Kinder sterben nach dem Tod ihres Sohnes ins Leben gerufen hat, ebenfalls interviewt. Das Interview könnt ihr hier lesen: Interview mit Jana D.

Auch Frauke vom Blog Fräuleins wunderbare Welt, die selbst eine Zwillingsschwester mit Behinderung hat, habe ich einige Fragen beantwortet. Hier gehts zum Interview: Blogvorstellung: Meine Schwester tot und ich hier

Weil du mir so fehlst – Buchvorstellung, Interview und Verlosung

Heute möchte ich euch das Buch „Weil du mir so fehlst“, geschrieben von der Trauerbegleiterin Ayse Bosse mit Ilustrationen von Andreas Klammt, vorstellen. Es ist im September 2016 im Carlsen Verlag erschienen.

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Das Buch richtet sich ab Kinder ab vier Jahren, die jemanden verloren haben. Am Anfang des Buches sieht man den Bären, wie er auf seinem Lieblingsplatz liegt. Er ist traurig und ängstlich und wütend, weil jemand gestorben ist, den er sehr lieb hatte. „Das ist gemein, dass jemand, den man lieb hat, nie wieder zurückkommt“, sagt der Bär.

Viele der Seiten des Buches kann man mit eigenen Gedanken und Bildern füllen. Es gibt Platz zum Einkleben von Fotos, Platz für Fragen und Platz, um seine Gefühle und Erinnerungen aufzuschreiben, Ideen für eine Trostsuppe oder ein Rezept für Trauerklöße.

In dem Buch erkenne ich viele der Gedanken und Fragen wieder, die ich als Kind nach dem Tod meiner Schwester hatte. Zum Beispiel sagt der Bär: „Können doch alle immer leben. Ist doch Platz genug“, oder er findet es seltsam, dass alles einfach so weitergeht, und spricht damit Gedanken aus, die bestimmt viele Kinder (und auch Erwachsene) haben. Es werden verschiedene Fragen und Themen aufgegriffen: Dass Trauer nicht nur Traurigsein bedeutet, sondern ganz viele verschiedene Gefühle; dass man trotz Trauer auch mal fröhlich sein darf; was dabei hilft, mit der Trauer zurechtzukommen; dass man Weinen kann aber nicht muss; wie es dort wohl aussieht, wo der Verstorbene nun ist. Und vor allem, dass jedes Kind trauern darf, wie es will.

Das Buch kann Erwachsenen und Kindern dabei helfen, über den Tod und die Gefühle, die damit zusammenhängen, zu sprechen. Vielleicht hilft es Erwachsenen dabei, zu verstehen, welche Gedanken und Gefühle und Ängste Kinder haben können. Und Kindern hilft es, zu sehen, dass sie nicht allein sind und dass sie ernst genommen werden. Zudem kann das Buch mit den selbstgestalteten Seiten eine wertvolle Erinnerung werden.

Was mir außerdem gefällt, ist, dass das Buch offen ist, egal, um wen man trauert. Man erfährt nicht, um wen der Bär genau trauert. Man sich in ihn hineinversetzen und an die Person denken, um die man trauert und erzählt so seine eigene Geschichte.

 

„Wenn man darüber redet, wird die Angst kleiner“ – Interview mit der Autorin und Trauerbegleiterin Ayse Bosse

1. Wie sind Sie dazu gekommen, eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin zu machen?
Vor meinem Entschluss die Ausbildung zu machen habe ich ehrenamtlich in einem Tageshospiz für Kinder geholfen. Dort werden schwer kranke Kinder morgens abgeholt und bis zum Abend betreut, um die Familien zu entlasten. Ich war damals mit meinem Job als Schauspielerin nicht so richtig glücklich. Ich hatte das Bedürfnis etwas zu tun, das sich nicht immer nur um meine Person dreht, sondern etwas Sinnvolles. Ich habe dort eine Trauerbegleiterin kennengelernt und nachdem dann im Jahre 2013 mein Vater und zwei Jungs, die ich betreut hatte, gestorben sind, war mir klar, dass ich mit all der Trauer, die mich da erwischt hatte etwas nach vorne tun muss, aktiv werden muss.

So habe ich dann die Ausbildung begonnen. Eigene Erfahrungen mit Verlust sind natürlich gut für die Arbeit als Trauerbegleiterin.

2. Wann und wie kamen Sie auf die Idee für das Buch?
Während unserer Ausbildung mussten wir uns für ein Thema für eine Abschlussarbeit entscheiden und ich habe schnell gemerkt, dass mich das Thema Kinder und Trauer sehr interessiert. Ich habe selbst eine Tochter und wir haben gemeinsam um den Opa getrauert. Ich habe bemerkt, dass ich viel von ihr lernen kann. Kinder sind so wunderbar. Wunderbar offen, wenn sie sich ernstgenommen fühlen, besonders sensibel und klar in ihren Vorstellungen zu dem Thema.

Für meine Abschlussarbeit habe ich viele Kinder zum Thema Trauer interviewt und währenddessen kam mir schon die Idee zum Buch. Ich wollte all das in Worte fassen, was ich von den Kindern gelernt hatte, damit andere Kinder sehen, dass sie nicht alleine sind und absolut nichts falsch machen beim Trauern. Die Großen trauern eben anders als die Kleinen und Kinder denken dann oft, dass sie etwas falsch machen oder Erwachsene denken Kinder trauern nicht genug oder nicht richtig. Beides ist falsch. Beim Trauern ist alles erlaubt! Mit dem Buch möchte ich dazu ermutigen, gemeinsam zu trauern, sich gegenseitig zu trösten, voneinander zu lernen und aktiv zu sein in der Trauer.

3. Ich empfinde die Sprache in dem Buch als sehr klar und absolut treffend. Es bringt vieles, was ich als Kind gedacht habe, auf den Punkt. Wie leicht ist es Ihnen gefallen, die richtigen Worte zu finden?

Wir waren doch alle mal Kinder.
Ich glaube so richtig erwachsen geworden bin ich nie.
Deshalb ist es mir sehr leicht gefallen, ausserdem hatte ich ja durch die Kinder mit denen ich zu tun hatte die besten Inspirationen. Viele Formulierungen im Buch wie: „Tod ist doof“ oder „ Wenn man drüber redet, wird die Angst kleiner“, kommen von den Kindern.

4. Welche Erfahrungen mit Tod und Trauer haben Sie selbst als Kind  gemacht?

Ich habe als Kind total viel über den Tod nachgedacht. Das ganze hat mir immer ganz schön angst gemacht, mich aber auch total fasziniert. Meine Mutter erzählte mir neulich, dass ich als 6jährige einmal ganz plötzlich angefangen habe zu weinen und gesagt habe, dass ich gerade sehr traurig darüber bin, diese Welt eines Tages verlassen zu müssen…

Ansonsten wären da: die Goldhamster, das Kaninchen, der Hund, die Katze, die Oma, eine Schulkameradin und auch der Bruder einer Freundin. Es gab eigentlich immer Anlass für mich über den Tod nachzudenken.

5. Welche Vorstellungen haben Kinder vom Tod, wie empfinden sie den Verlust?
Jeder ist anders, das kann man pauschal gar nicht sagen, wie Kinder den Tod wahrnehmen und mit Verlust umgehen. Sehr unterschiedlich würde ich sagen. Der eine ist wütend, der andere lenkt sich viel ab, der dritte braucht besonders viel Liebe und Kuscheln usw. Ausserdem ist natürlich das Alter auch ein Faktor. So richtig kapieren können Kinder das mit dem Sterben und dem endgültig-für-immer-weg-Sein wahrscheinlich erst mit sechs bis acht Jahren, das kommt immer darauf an, wie viel auch zu Hause oder in der Schule schon darüber gesprochen wurde und welche Erfahrungen schon gemacht wurden.

Wenn ein geliebter Mensch im engsten Umkreis eines Kindes stirbt, ist auf einmal alles anders und das bringt dann natürlich die ganze Welt des Kindes ins Wanken. Wenn dann auch noch nicht mit dem Kind über den Todesfall kommuniziert wird, fühlt es sich völlig allein und durcheinander. Oft denken Erwachsene, man muss Kinder vor Details schonen, die mit dem Tod zu tun haben, aber Kinder brauchen Informationen, genauso wie wir Großen, um besser zu begreifen, was da passiert ist.
Apropos Begreifen: Den Toten noch mal sehen und auch anfassen, wenn das möglich ist, hilft beim Begreifen und ist bei weitem nicht so schlimm für Kinder, wie vielleicht viele denken. Natürlich muss das Kind frei für sich entscheiden. Ich habe damals meine Tochter gefragt, ob sie Opa noch mal sehen möchte. Sie war da sieben und wollte. Wir haben dann darüber gesprochen, warum er so gelb aussieht und dass seine Hände so kalt waren. Klar klingt das erst mal krass, aber sie ist alles andere als traumatisiert durch diese Erfahrung. Ganz im Gegenteil, sie hat sich einbezogen, ernstgenommen und als ein Teil der Familie gefühlt und zusammen ist man nun mal stärker. Sie hat auch gesagt, sie hat es sich vorher viel schlimmer vorgestellt. Genau das passiert oft, dass Kinder, die so etwas nicht selbst erfahren können, dann die schlimmsten Zombie-Fantasien und Albträume bekommen.

6. Welche Fragen/ Themen/ Ängste beschäftigen Kinder, die einen lieben Menschen verloren haben? Gibt es Themen, mit denen sich besonders Kinder auseinandersetzen, die ein Geschwisterkind verloren haben?
Die unterschiedlichsten Fragen beschäftigen ein Kind nach einem Verlust. Wichtig ist, dass man ihnen signalisiert, dass man bereit ist mit ihm über diese Fragen zu sprechen. Es ist dann übrigens völlig in Ordnung sagen zu müssen : „Du, auf diese Frage kann ich dir leider keine Antwort geben“, denn es gibt nicht immer eine Antwort… „Ich stelle mir das so oder so vor“ …oder „ich weiß es leider nicht“.

Kinder können nach einem Verlust die verschiedensten Ängste entwickeln, auch Wut und Schuldgefühle. Wichtig ist, dass sie damit nicht alleine gelassen werden. Wenn man sich als Eltern, auch aufgrund der eigenen Trauer, damit überfordert fühlt, rate ich ganz unbedingt zu einer Trauerbegleitung. In Form von Einzel- oder Gruppenbegleitung. Es ist oft total gut, mal mit Leuten über alles zu reden, die nicht selbst betroffen sind.

Ich glaube, ein Geschwisterkind zu verlieren ist mit das Schlimmste, was einem Kind passieren kann. Geschwister von verstorbenen Kindern haben oft extreme Schuldgefühle, sie haben Angst davor, am Tod der Schwester oder des Bruders Schuld zu sein, sie fühlen sich schuldig, dass sie noch da sind und der andere nicht, vermissen ihre Geschwister, sehen ihre Eltern so sehr leiden und bemühen sich oft durch große Anstrengung irgendwie die Lücke zu füllen, was ihnen natürlich nicht gelingt.

7. Wie lassen sie Kinder in ihrer Trauer begleiten und unterstützen?
Es ist für trauernde Kinder essentiell wichtig zu wissen, dass beim Trauern alles erlaubt ist, dass sie dabei nichts falsch machen können, dass sie nicht schuld sind, dass sie nicht alleine sind, dass sie toll sind und geliebt werden, dass der Tod etwas ganz Normales ist und einfach dazu gehört, dass sie sich ernstgenommen fühlen, dass Erwachsene auch mal schwach sind und auch mal keine Antwort wissen, zu kuscheln, gemeinsam schöne Rituale machen für den Verstorbenen, Liebe, Liebe , Liebe.

8. Was können Erwachsene beim Umgang mit Verlust, Abschied und Trauer von Kindern lernen?
Erwachsene können vielleicht durch Kinder lernen etwas offener mit dem Thema umzugehen und es nicht totzuschweigen. Denn wenn man darüber redet, wird die Angst kleiner…auch die der Erwachsenen.

Kinder können sehr gut in halbwegs verdaubaren Portionen trauern und dann wieder ganz gut abschalten, spielen und fröhlich sein, auch das wäre gesund für Erwachsene.

Niemand, der gestorben ist, möchte das seine Liebsten immer traurig sind! Im Gegenteil.

Liebe Frau Bosse, danke für das Interview.
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Ayse Bosse hat mir ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt, das ich gerne an euch verlosen möchte. Wenn ihr das Buch gewinnen möchtet, schreibt einfach bis zum 06.12.2016 einen Kommentar unter diesen Beitrag. Unter allen, die bis dahin kommentiert haben, werde ich das Buch dann verlosen. Das Buch ist übrigens nicht nur etwas für Kinder, sondern auch für Erwachsene, finde ich.

Viel Glück!

Zwilling-Sein

Die Erwachsenen fanden das gut, dass ich kein bisschen Behinderung hatte, und dass ich lebendig war und nicht tot. Ich fand das nicht gut, denn das war nicht gerecht. Ja, das war mehr wie ungerecht und je mehr ich darüber nachdachte, wusste ich, dass da ein Fehler passiert sein musste. Ein ziemlich dummer Mist-Fehler. Schließlich waren wir Zwillinge, und Zwillinge sind sich immer sehr ähnlich, sie sehen ähnlich aus, und sie können zusammen spielen und niemand stirbt einfach so. So waren die Regeln. Ich hatte andere Zwillinge gesehen, da war niemand behindert oder tot.

Ich hatte mich schon an das Zwilling-Sein gewöhnt, weil das war etwas sehr gutes. Zwilling-Sein, das bedeutet Nie-allein-Sein, das bedeutet, dass immer jemand da ist, der einen versteht und zu einem hält. Meine Schwester verstand mich immer sehr gut  und sie fand es lustig, wenn ich lustige Sachen sagte oder Quatsch machte und ich baute ihr die besten Nester der Welt und wenn jemand nicht wusste, dass sie eine Prinzessin war, dann sagte ich das. So ist das, wenn man zusammen Zwilling ist. Und dann wird man größer und geht zusammen in die Schule und dann heiratet man zusammen einen Mann. Man macht einfach alles zusammen. Das heißt, man stirbt auch zusammen, wenn man alt ist und nicht mehr richtig laufen kann und ganz viele Falten im Gesicht hat, dann stirbt man zusammen. Das ist dann okay, weil man ist ja dann alt und man kriegt dann einen großen Sarg, wo zwei Omas zusammen reinpassen. Man ist also nie allein, weil man zusammen auf die Welt kommt und zusammen lebt und zusammen stirbt.

Nur wenn so ein dummer Mist-Fehler passiert, so ein saudummer Saumist-Fehler, dann ist man plötzlich kein Zwilling mehr, und dann ist man plötzlich allein. Ich wollte nicht allein sein, das war noch saudummer als saudumm.

Nicht traurig sein

Nicht traurig sein.

Sie sagen: „Sie war doch eh behindert.“
Und: „Sie konnte doch gar nichts.“
„Weißt du, es ist sowieso komisch, dass sie so lange gelebt hat, eigentlich hätte sie viel früher sterben müssen.“
„Sie wollte nie etwas essen“, sagen sie, und: „Sie hatte kein schönes Leben.“

Und ich nicke und sage nichts. Nichts davon, dass sie eine Prinzessin war, und noch ein Kind, und Kinder sterben nicht, und dass sie vielleicht lieber Luftküsse essen wollte, statt Nudeln mit Tomatensoße, und dass sie natürlich ein prinzessinnenhaft tolles Leben hatte, mit Dienern, die ihr die besten Sitzsacknester der Welt bauten. Ich sage nichts, weil ich nicht blöd dastehen will, und nicht die einzige sein will, die was anderes sagt, und ich will nicht ausgelacht werden, weil ich was anderes denke und fühle, und ein bisschen Angst bekomme ich. Angst davor, dass das stimmt, dass sie kein schönes Leben hatte. Das ist eine blöde Angst. Ich will, dass sie wieder geht, aber sie geht nicht.

Sie sagen nie: „Das ist so ungerecht und gemein. Warum kann denn nicht jemand anders sterben?“
Oder: „Wer hat denn sowas blödes wie den Tod erfunden?“
Oder: „Wir wollen sie wiederhaben, jetzt, sofort.“
Oder: „Der blöde liebe Gott soll das wieder in Ordnung bringen, was fällt dem eigentlich ein?“
Und sie sind nicht wütend und sie stampfen auch nicht mit dem Fuß auf, und sie schreien nicht alle Schimpfwörter heraus, die sie kennen, sie hauen nicht mit dem Kopf gegen die Wand, sie sind ruhig und sagen nur: „Es ist gut so, wie es ist.“

Ich bin wütend, und ich will schreien und mit dem Fuß aufstampfen und ich will Dinge kaputtmachen und nie mehr damit aufhören. Ich will allen sagen, wie ungerecht und gemein das ist, und ich will nicht, dass meine Schwester tot ist, und dass sie beerdigt wird, ich will das nicht. Aber ich bin ruhig, weil alle ruhig sind, und ich nicke, wenn sie sagen, dass alles gut ist, wie es ist, weil ich nicht auffallen will. Ich will, dass sie mich lieb haben, wütende Mädchen finden alle doof.

Ich verstecke meine Wut ganz tief unten in meinem Körper, und die Angst und die Traurigkeit auch. Man trauert nicht um tote Schwestern, die behindert waren und nichts konnten. Nicht traurig sein.

 

 

 

 

Wie eine Außerirdische oder ein Stein oder so

Bevor meine Schwester starb, war ich ein Kind, wie die anderen Kinder auch. Natürlich, jedes Kind sieht etwas anders aus und kann etwas anderes gut, manche Kinder können sehr schnell rennen oder reden sehr viel oder können toll malen oder erfinden lustige Dinge, aber trotzdem, ich fühlte mich, als wäre ich ein Kind, wie die anderen Kinder, die ich kannte. So wie meine Prinzessinnen-Schwester und meine anderen Geschwister und wie die Kinder aus dem Kindergarten.

Der Tod machte, dass ich mich anders fühlte, und dass, ohne dass ich das wollte. Ich war plötzlich anders als die Kinder aus dem Kindergarten, weil meine Schwester war tot und unter der Erde vergraben, und niemand sonst hatte eine Schwester, die tot war. Eine Schwester zu haben, die eine Prinzessin ist, und im Sitzsack liegt und zuhört, wenn man ihr Geschichten erzählt, das ist ziemlich gut, aber eine Schwester zu haben, die einfach nur tot ist und nicht mehr da, das ist blöd und tut weh. Der Tod, und weil ich so traurig darüber war, machte, dass ich manchmal trauriger war als andere Kinder, und manchmal stiller und leiser, und manchmal war ich wütend. Ich war auch wütend darüber, dass der Tod mich anders machte, sehr wütend.
Der Tod machte auch, dass ich anders fühlte als meine Prinzessinnen-Schwester. Weil sie tot war und ich lebte. Als sie noch lebte, waren wir gleich gewesen, weil unsere Lieblingsfarbe dieselbe gewesen war, und weil wir dieselben Dinge fühlten. Klar, sie war eine Prinzessin gewesen und ich nicht, und ich war größer als sie und ich hatte lange Haare und sie kurze, aber das war uns egal. Nur, dass sie tot war und ich lebte, das war mir überhaupt nicht egal, und dass ich plötzlich anders war als sie, das war mir auch nicht egal. Anders zu sein als meine Prinzessinnen-Schwester, das fühlte sich ganz schlimm an, und das wollte ich nicht. Manchmal wollte ich auch tot sein, damit ich wieder so sein könnte wie sie.
Der Tod machte auch, dass ich mich anders fühlte als meine anderen Geschwister, weil sie waren nicht so traurig wie ich und nicht so hälftenhaft und manchmal verstanden sie gar nicht, warum ich so anders war.

Ich war sehr traurig darüber, dass ich nicht mehr so war, wie andere Kinder. Manchmal fühlte ich mich gar nicht mehr richtig wie ein Kind, sondern vielleicht so, wie eine Außerirdische oder wie ein Stein oder so. Aber manchmal dachte ich auch, dass es gar nicht so schlimm war, eine Außerirdische zu sein oder ein Stein oder so. Das Schlimme daran war nur, dass es niemand gab, der mich verstand, denn wer versteht schon Außerirdische oder Steine oder so.

Ich hatte mir das alles anders vorgestellt

Als ich in die Schule kam, war ich allein.

Also natürlich nicht ganz allein, weil da waren ja andere Kinder, und manche von ihnen kannte ich schon aus dem Kindergarten, und Lehrerinnen, aber trotzdem, trotzdem fühlte ich mich allein. Ich fühlte mich allein, weil meine Schwester nicht bei mir war, sondern tot. Dabei hatte ich mir schon vorgestellt, wie es sein würde, wenn wir zusammen in die Schule gehen würden. Ich wusste von meiner großen Schwester schon viel über die Schule, und ich war mir sicher gewesen, dass es meiner Schwester dort sehr gut gefallen hätte, und jetzt war sie tot, und wenn man tot ist, kann man nicht mehr in die Schule gehen.

Ich hatte mir schon vorgestellt, wie meine Schwester und ich mit dem Bus in die Schule fahren würden. Da wir manchmal mit dem Bus fuhren, wusste ich, dass jeder Bus einen Platz in der Mitte hatte, wo ein Rollstuhl oder ein Kinderwagen stehen konnte. Das hatte ich mir schon genau angeguckt, ich wusste, wie der Rollstuhl hingestellt werden musste, klar, darüber musste ich ja Bescheid wissen, schließlich konnte das meine Schwester nicht allein. Ich stellte mir vor, wie meine Schwester im Rollstuhl auf dem Rollstuhlplatz im Bus fuhr, und dass ich auf dem Platz daneben sitzen würde. Auf dem Platz, zu dem man eine Stufe hinaufsteigen muss, und man hat eine Stange vor sich, und wenn man unter der Stange hindurch klettert, dann ist man direkt beim Rollstuhlplatz. Ich fand, von diesem Platz aus hatte man die beste Sicht und darum war das mein Lieblingsplatz im Bus. Ich stellte mir also vor, wie meine Schwester und ich im Bus saßen und zur Schule fuhren, und ich auf meinem Lieblingsplatz und sie auf dem Rollstuhlplatz, und erzählte ihr irgendwas, vielleicht eine lustige Geschichte.

Ich hatte mir schon vorgestellt, wie meine Schwester in der Schule neben mir sitzen würde, in ihrem Rollstuhl, und wie alle Kinder sie streicheln würden und wie neidisch die anderen Kinder sein würden, weil ich so eine Schwester hatte und sie nicht. Ich stellte mir vor, dass meine Schwester in der Schule einen Sitzsack haben würde, damit sie darin gemütlich liegen konnte, und ich stellte mir vor, wie die anderen Kinder mich fragten, ob sie ihr Nester bauen dürften. Und ich würde sagen: „Ja, wenn du ein gemütliches Nest für sie baust, dann darfst du es.“ Und ich würde ihnen zeigen, wie man die gemütlichsten Nester der Welt baut.

Ich hatte mir schon vorgestellt, dass alle Kinder gerne mit uns spielen würden und alle Kinder mich mögen würden, und nett und freundlich zu mir sein würden. Schließlich war meine Schwester eine Prinzessin, und jeder mag Prinzessinnen sehr gern, und weil meine Prinzessinnen-Schwester mich am allerliebsten hatte, mussten die anderen Kinder mich auch mögen, so einfach war das.

So hatte ich mir das vorgestellt. Aber als ich dann in die Schule kam, war alles anders, als ich es mir vorgestellt hatte, anders, als ich es überlegt hatte, anders, als ich es geplant hatte.

Auf dem Rollstuhlplatz im Bus stand kein Rollstuhl und neben mir im Unterricht saßen andere Kinder und ich brachte niemanden bei, wie man die besten Nester der Welt baut. Ich redete und spielte nicht viel mit den anderen Kindern, weil ich wollte nicht, dass meine Schwester traurig war, weil sie tot sein musste und nicht in die Schule gehen konnte, und nicht reden und spielen konnte. Nicht alle Kinder waren nett und freundlich zu mir, vielleicht wussten sie nicht einmal, dass meine Schwester eine Prinzessin gewesen war, oder sie hatte es schon vergessen. Überhaupt, ich hatte Angst, dass niemand mich beschützen würde. Meine Schwester hatte mich immer so gut beschützt, aber jetzt war ich allein, und darum hatte ich Angst. Manchmal hatte ich so viel Angst, dass ich gar nicht antworten konnte, wenn mich jemand etwas fragte oder soviel, dass ich in die Hose machte, weil ich mich nicht traute, zu fragen, ob ich auf die Toilette gehen könnte.

Ich hatte mir das alles anders vorgestellt.

Wir Kinder und der Tod

Wir Kinder, wir wissen vielleicht nicht vorher, dass jemand sterben wird. Weil, wir kennen den Tod noch nicht. Und nur, weil jemand krank ist oder manchmal ganz blau im Gesicht wird, weil er keine Luft mehr bekommt, wissen wir doch nicht, dass jemand sterben wird. Woher sollen wir das wissen? Wir leben und glauben, dass wir unsterblich sind. Vielleicht sterben alte Menschen, vielleicht. Aber meine Schwester war ein Kind, und Kinder sterben nicht, und dass sie manchmal blau wurde, gehörte zu ihr, wie andere Kinder viele Sommersprossen haben oder gerne tanzen. Und meine Schwester wurde eben manchmal blau, na und, deshalb muss sie doch nicht sterben.

Also sagt es uns, dass jemand sterben wird, wenn es so ist und ihr es wisst, denn wir wissen es nicht. Geht nicht davon aus, dass wir es wisssen, weil vielleicht wissen wir es nicht, weil Blauwerden für uns nicht mit dem Tod verknüpft ist. Redet mit uns darüber, damit wir irgendwie darauf vorbereitet sind, und dass wir Abschied nehmen können. Wenn diese Person dann stirbt, dann sind wir trotzdem geschockt und durcheinander, und später vielleicht traurig und wütend, aber es trifft uns vielleicht nicht ganz so unvorbereitet. Dann können wir vielleicht besser verstehen, was passiert, was wir fühlen, und fühlen uns nicht mehr ganz so ohnmächtig und hilflos.

Und wenn jemand gestorben ist, dann lasst uns nicht irgendwo am Rand stehen, als wären wir nicht da. Wir wollen uns nicht ausgeschlossen fühlen und als unzureichend empfinden, nur weil wir keine Worte haben und keine Tränen. Nur weil wir nicht weinen und nicht reden, weil wir vielleicht gar keine Worte haben dafür, weil wir das nicht kennen und die Gefühle zu viele sind und zu schmerzhaft. Vielleicht hat unsere  Trauer nicht so viel zu tun mit Weinen und Reden, vielleicht spielen wir und tun so wie immer, weil wir nicht wollen, dass sich etwas ändert. Nur, wir brauchen trotzdem jemand, der uns hält und bei uns ist und uns nicht allein lässt. Wenn jemand stirbt, dann ist das vielleicht zu schmerzhaft für uns allein.

Vielleicht muss man uns Beerdigungen erklären. Denkt nicht, dass wir etwas, nur weil es immer so gemacht wird, verstehen. Weil Dinge, die man liebt, vergräbt man doch normalerweise nicht in der Erde. Vielleicht muss man uns auch Trauerfeiern und Gottesdienste erklären, und warum sich alle schwarz anziehen und warum ich dieses doofe Kleid anziehen soll.

Wir Kinder, wir sind gut darin, uns neue Ordnungen zu überlegen, um die Sicherheit unserer Welt wiederherzustellen. Wir können uns den Tod anderer mit unserem eigenen Handeln erklären, weil wir daran glauben, dass alles, was passiert, mit uns zu tun hat. Erklärt uns, warum jemand gestorben ist, immer und immer wieder, damit wir es verstehen lernen.

Lasst uns Fragen stellen, immer wieder gleiche und andere Fragen, Fragen die euch albern vorkommen. Auch Jahre später noch, denn unser Denken verändert sich, je älter wir werden und unsere Fragen verändern sich damit auch. Redet mit uns darüber, damit wir nicht immer die sein müssen, die davon anfangen. Wenn ihr nicht davon redet, denken wir, ihr hättet kein Interesse oder hättet schon vergessen, was passiert ist, und wir fühlen uns dumm und schweigen und bleiben allein.

Lasst uns Bilder malen und Briefe schreiben und schreien und wütend sein und traurig. Wir brauchen andere, die uns zeigen, wie man das macht mit diesen Gefühlen, dass man traurig sein kann und weinen und lachen. Wir brauchen jemand, der mit uns redet, damit wir herausfinden können, was wir fühlen und wie man damit umgehen kann, und damit wir nicht allein bleiben. Wir brauchen Ausdrucksformen, für das, was in uns ist.

Bleibt bei uns, wenn wir erkennen, dass auch wir hätten sterben können und werden, und wenn uns ganz schwindelig wird bei diesem Gedanken.

Wir Kinder, wir haben noch nicht gelernt, wie man Erinnerungen konserviert. Wir brauchen jemand, der Fotos für uns macht, der für uns sammelt, der uns erzählt, wie es war, ein Stück von unserem Leben.