Dem Tod näher als dem Leben

Wenn man eine Schwester hat, die nicht reden kann, dann ist man dem Schweigen oft viel näher als dem Reden.
Ich fand, Reden war eine komische Sache und darum redete ich nicht gern. Also zuhause redete ich, aber woanders redete ich nur sehr wenig. Die Leute fanden es komisch, dass ich so wenig redete und dass ich nicht antwortete, wenn sie mich etwas fragten, aber ich fand das kein bisschen komisch. Schließlich redete meine Schwester ja auch nicht, und wenn sie das nicht konnte, wollte ich das auch nicht können. Überhaupt ging in meine Schwester ganz viel hinein – Worte, wenn jemand mit ihr sprach, Berührungen, – aber es kam nicht viel aus ihr heraus. Aus mir kam ständig was heraus: Worte, Lachen, Hüpfen, Rennen, Wut, Lieder, Stolz, …
Manchmal wollte ich das Reden und all meine Gedanken und Gefühle mit einem Seil in mir drin anbinden, damit nichts mehr aus mir herauskommen könnte. Weil aus meiner Schwester kam ja auch nichts heraus.
Als meine Schwester tot war, wollte ich das Seil noch viel enger um meine Gedanken und Gefühle ziehen. Damit alles in mir drin bleiben würde und nichts kaputt gehen würde draußen.

Ich nahm mir oft vor, ab sofort nicht mehr zu sprechen, aber ich war darin nicht so gut wie meine Schwester. Tot zu sein nahm ich mir auch oft vor, aber auch darin war ich nicht so gut wie meine Schwester.
Wenn man eine Schwester hat, die tot ist, dann ist man dem Tod manchmal näher als dem Leben.

 

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Nicht traurig sein

Nicht traurig sein.

Sie sagen: „Sie war doch eh behindert.“
Und: „Sie konnte doch gar nichts.“
„Weißt du, es ist sowieso komisch, dass sie so lange gelebt hat, eigentlich hätte sie viel früher sterben müssen.“
„Sie wollte nie etwas essen“, sagen sie, und: „Sie hatte kein schönes Leben.“

Und ich nicke und sage nichts. Nichts davon, dass sie eine Prinzessin war, und noch ein Kind, und Kinder sterben nicht, und dass sie vielleicht lieber Luftküsse essen wollte, statt Nudeln mit Tomatensoße, und dass sie natürlich ein prinzessinnenhaft tolles Leben hatte, mit Dienern, die ihr die besten Sitzsacknester der Welt bauten. Ich sage nichts, weil ich nicht blöd dastehen will, und nicht die einzige sein will, die was anderes sagt, und ich will nicht ausgelacht werden, weil ich was anderes denke und fühle, und ein bisschen Angst bekomme ich. Angst davor, dass das stimmt, dass sie kein schönes Leben hatte. Das ist eine blöde Angst. Ich will, dass sie wieder geht, aber sie geht nicht.

Sie sagen nie: „Das ist so ungerecht und gemein. Warum kann denn nicht jemand anders sterben?“
Oder: „Wer hat denn sowas blödes wie den Tod erfunden?“
Oder: „Wir wollen sie wiederhaben, jetzt, sofort.“
Oder: „Der blöde liebe Gott soll das wieder in Ordnung bringen, was fällt dem eigentlich ein?“
Und sie sind nicht wütend und sie stampfen auch nicht mit dem Fuß auf, und sie schreien nicht alle Schimpfwörter heraus, die sie kennen, sie hauen nicht mit dem Kopf gegen die Wand, sie sind ruhig und sagen nur: „Es ist gut so, wie es ist.“

Ich bin wütend, und ich will schreien und mit dem Fuß aufstampfen und ich will Dinge kaputtmachen und nie mehr damit aufhören. Ich will allen sagen, wie ungerecht und gemein das ist, und ich will nicht, dass meine Schwester tot ist, und dass sie beerdigt wird, ich will das nicht. Aber ich bin ruhig, weil alle ruhig sind, und ich nicke, wenn sie sagen, dass alles gut ist, wie es ist, weil ich nicht auffallen will. Ich will, dass sie mich lieb haben, wütende Mädchen finden alle doof.

Ich verstecke meine Wut ganz tief unten in meinem Körper, und die Angst und die Traurigkeit auch. Man trauert nicht um tote Schwestern, die behindert waren und nichts konnten. Nicht traurig sein.

 

 

 

 

Memory und Wackelturm

Als ich in der dritten Klasse war, ging ich jeden Dienstag Nachmittag zu einer Therapeutin, weil ich lernen sollte, wie man spielt und wie man redet und wie man Freunde findet. Und ich lernte, mit dem Bus allein zur Therapie zu fahren, weil das die Erwachsenen so wollten. Das Schwierige daran war nur, dass ich mit dem Busfahrer reden musste, um eine Fahrkarte zu bekommen, und ich redete nicht gerne, und die vielen anderen Leute, und ich hatte Angst vor anderen Leuten. Aber ich lernte sehr gut, allein mit dem Bus zu fahren.

Die Therapeutin hatte immer ein Tintenfass auf dem Tisch stehen, und einen Füller, mit dem sie manchmal Dinge aufschrieb. Sie wollte mit mir Fußball spielen, und mit Figuren im Puppenhaus und dass ich malte, aber das wollte ich nicht. Ich spielte nur zwei verschiedene Spiele bei der Therapeutin. Memory, dabei gewann ich immer, und ein Spiel, das Wackelturm hieß oder so, und dabei verlor ich immer. Das fand ich gerecht, dass jeder von uns mal verlor und mal gewann, da musste niemand von uns traurig sein. Ich spielte nichts anderes mit ihr, denn ich war mir sehr sicher, dass sie nur mit mir spielen wollte, um Dinge aus meinem Inneren zu erfahren, die sie dann mit ihrem Füller aufschreiben und meinen Eltern erzählen konnte. Ich wollte nicht, dass sie Dinge über mich wusste. Ich ging ganz gerne zur Therapeutin, weil ich spielte sehr gerne Memory.

Nachdem ich etwa ein Jahr lang jeden Dienstag Nachmittag Memory und Wackelturm mit der Therapeutin gespielt hatte, brachte ich einmal Fotos von meiner Schwester mit zur Therapie. Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, vielleicht hatte sie mich gefragt. Ich war sehr stolz und freute mich sehr, dass jemand Fotos von meiner Schwester anschauen wollte, denn sonst wollte niemand Fotos von meiner Schwester anschauen.

Ich reichte der Therapeutin die Mappe mit den Fotos, und meine Hände zitterten, und sie rückte ihre Brille zurecht. Sie machte es nicht richtig mit den Fotos. Sie sah sich die Fotos an, und sagte sowas wie, dass ich früher dickere Wangen gehabt hätte, oder wer wem am Ähnlichsten sah. Sie sagte die falschen Dinge. Sie sollte sowas sagen wie: „So eine schöne Prinzessin, das darf doch nicht sein, dass sie tot ist.“ Und sie sollte richtig sauer und traurig darüber sein, dass meine Schwester tot war, und dann sollte sie sie wieder lebendig machen. So sollte sie das machen. Ich guckte meine Schwester auf den Fotos an, und sie guckte zurück, und ich schluckte und zitterte, und die Therapeutin redete immer noch falsche Dinge, und ich weinte, obwohl ich eigentlich gar nicht weinen wollte. Ich weinte und weinte und weinte. Es war das erste Mal, dass ich weinte, weil meine Schwester tot war.

Irgendwann hörte ich auf zu Weinen, und die Therapeutin rief bei mir zu Hause an, und fragte, ob mich jemand abholen könnte, damit ich nicht mit dem Bus fahren müsste. Mein Vater wollte mich nicht abholen, ich hörte, wie er sagte, dass ich mit dem Bus fahren sollte, weil das könnte ich ja jetzt, und die Therapeutin versuchte, ihn zu überreden, mich abzuholen. Ich schämte mich, weil ich meinen Eltern Probleme machte.

Ich weiß nicht mehr, ob mich schließlich doch jemand abholte oder ob ich mit dem Bus heim fuhr. Danach ging ich nicht wieder zur Therapeutin. Ich wollte nicht mehr dorthin, weil ich wusste, dass sie Dinge aus meinem Inneren gesehen hatte, die eigentlich geheim waren. Weinen war blöd, ich war blöd, weil ich geweint hatte. Ich beschloss, nie wieder zu weinen.

 

 

 

 

Wie eine Außerirdische oder ein Stein oder so

Bevor meine Schwester starb, war ich ein Kind, wie die anderen Kinder auch. Natürlich, jedes Kind sieht etwas anders aus und kann etwas anderes gut, manche Kinder können sehr schnell rennen oder reden sehr viel oder können toll malen oder erfinden lustige Dinge, aber trotzdem, ich fühlte mich, als wäre ich ein Kind, wie die anderen Kinder, die ich kannte. So wie meine Prinzessinnen-Schwester und meine anderen Geschwister und wie die Kinder aus dem Kindergarten.

Der Tod machte, dass ich mich anders fühlte, und dass, ohne dass ich das wollte. Ich war plötzlich anders als die Kinder aus dem Kindergarten, weil meine Schwester war tot und unter der Erde vergraben, und niemand sonst hatte eine Schwester, die tot war. Eine Schwester zu haben, die eine Prinzessin ist, und im Sitzsack liegt und zuhört, wenn man ihr Geschichten erzählt, das ist ziemlich gut, aber eine Schwester zu haben, die einfach nur tot ist und nicht mehr da, das ist blöd und tut weh. Der Tod, und weil ich so traurig darüber war, machte, dass ich manchmal trauriger war als andere Kinder, und manchmal stiller und leiser, und manchmal war ich wütend. Ich war auch wütend darüber, dass der Tod mich anders machte, sehr wütend.
Der Tod machte auch, dass ich anders fühlte als meine Prinzessinnen-Schwester. Weil sie tot war und ich lebte. Als sie noch lebte, waren wir gleich gewesen, weil unsere Lieblingsfarbe dieselbe gewesen war, und weil wir dieselben Dinge fühlten. Klar, sie war eine Prinzessin gewesen und ich nicht, und ich war größer als sie und ich hatte lange Haare und sie kurze, aber das war uns egal. Nur, dass sie tot war und ich lebte, das war mir überhaupt nicht egal, und dass ich plötzlich anders war als sie, das war mir auch nicht egal. Anders zu sein als meine Prinzessinnen-Schwester, das fühlte sich ganz schlimm an, und das wollte ich nicht. Manchmal wollte ich auch tot sein, damit ich wieder so sein könnte wie sie.
Der Tod machte auch, dass ich mich anders fühlte als meine anderen Geschwister, weil sie waren nicht so traurig wie ich und nicht so hälftenhaft und manchmal verstanden sie gar nicht, warum ich so anders war.

Ich war sehr traurig darüber, dass ich nicht mehr so war, wie andere Kinder. Manchmal fühlte ich mich gar nicht mehr richtig wie ein Kind, sondern vielleicht so, wie eine Außerirdische oder wie ein Stein oder so. Aber manchmal dachte ich auch, dass es gar nicht so schlimm war, eine Außerirdische zu sein oder ein Stein oder so. Das Schlimme daran war nur, dass es niemand gab, der mich verstand, denn wer versteht schon Außerirdische oder Steine oder so.

Man sah mir meine Hälftenhaftigkeit nicht an

Man sah mir meine Hälftenhaftigkeit nicht an. Das war komisch, denn das Gefühl, hälftenhaft und unvollständig zu sein, war so stark, dass ich dachte, meine Hälftenhaftigkeit müsse doch deutlich zu sehen sein. Ich fühlte mich, als wäre mein Körper in der Mitte durchgeschnitten, als wäre nur noch eine Hälfte meines Körpers verhanden. Eigentlich hätte mir ein Arm und ein Bein fehlen, und ich hätte nur einen halben Bauch und einen halben Kopf haben müssen.
Natürlich klar, ich wusste, dass diese mathematische Gleichung nicht ganz aufging. Vor dem Tod meiner Schwester waren wir zwei Personen gewesen, meine Schwester und ich, und zwei minus eins macht bekanntlich eins, aber bei uns war das anders, da blieb nur eine Hälfte übrig und kein Ganzes.

Die Menschen um mich herum sahen meine meine Hälftenhaftigkeit nicht. Sie sahen, dass ich zwei Arme und zwei Beine hatte und einen Bauch und einen Kopf, aber wie hälftenhaft ich war, das sahen sie nicht, denn Gefühle kann man nicht sehen. Und weil sie meine Hälftenhaftigkeit nicht sehen konnten, glaubten die Menschen, ich sei normal und vollständig wie jeder andere Mensch auch. Aus diesem Grund wollten sie auch, dass ich die gleichen Dinge machte, wie die anderen Kinder. Sie wollten, dass ich lachte und sprach und dass ich Gedichte aufsagte und allein in meinem Zimmer schlief und mit anderen Kindern spielte, dass ich aufs Klo ging und nicht in die Hose machte und dass ich Fahrrad fuhr und Purzelbäume machte.
Aber all das waren Sachen, die die anderen Kinder sehr gut konnten, mir aber sehr schwer fielen. Ich dachte oft, dass es daran lag, weil ich so hälftenhaft war, und ich war sehr traurig darüber, dass ich so anders war, und nicht so wie die anderen Kinder. Ich wünschte mir, ich würde normal werden und vollständig und dann würde ich all diese Sachen können.

Den Kindern im Kindergarten und in der Schule fiel schnell auf, dass ich nicht so war wie sie. Natürlich, ich war hälftenhaft und sie waren vollständig, das war der Unterschied zwischen uns. Sie guckten mich an, wenn ich etwas gefragt wurde und keine Antwort gab, oder wenn ich ihre Witze nicht verstand, und wunderten sich darüber und erkannten, dass ich anders war, und dann wunderten sie sich über nichts mehr. Sie wollten nicht mit mir spielen und nicht neben mir sitzen und redeten darüber, dass ich anders war, und am liebsten war es ihnen, wenn sie mich ignorieren konnten. Ich war so seltsam, dass sie gar nichts mit mir anzufangen wussten, und das verstand ich, auch wenn ich traurig darüber war, weil ich lieber normal sein wollte. Wäre ich normal und vollständig gewesen, so hätte ich sprechen und lachen können, dann hätte ich mit ihnen spielen können, und wir hätten in den Pausen Fangen gespielt, und im Unterricht geflüstert und uns kleine Briefchen geschrieben. Man sah es mir meine Hälftenhaftigkeit also nicht an, aber die anderen Kinder spürten, dass ich anders war.

Und vielleicht spürten es die Erwachsenen auch, und stellten deshalb immer höhere Forderungen an mich. Wie soll ich dass denn schaffen, wenn ich so hälftenhaft bin?, fragte ich mich, und ich fand, sie sollten erstmal selbst merken, wie das ist, wenn man sich so hälftenhaft fühlt. Dass ich redete und Freunde fand, wollten sie, dass ich mit dem Bus allein in die Stadt fuhr. Sie schickten mich zur Therapie, damit ich lernte, wie man spielt und wie man Freunde findet. Die Erwachsenen waren ziemlich verzweifelt darüber, dass ich so anders war.

Ich glaube, weder die anderen Kinder noch die Erwachsenen verstanden, warum ich so war, wie ich war, denn sie sahen meine Hälftenhaftigkeit nicht. Dabei war das eigentlich ganz logisch. Ein Teil von mir war gestorben. Wie soll man das also alles schaffen, dass mit dem Sprechen und Lachen und Klogehen und Busfahren und Freunde finden wenn man nicht vollständig ist, sondern nur eine Hälfte. Aber darüber machte sich auch keiner außer mir Gedanken.

Wir Kinder

Im Sommer liefen wir sehr oft barfuß, meine Geschwister und ich. Manchmal war es so heiß, dass wir ganz nah an den Häusern entlang laufen mussten, dort wo es einen schmalen, schattigen Streifen gab, damit wir uns nicht die Füße verbrannten. Es gab auch Stellen, wo keine Häuser standen und es keinen Schatten gab, dann rannten wir so schnell wir konnten, bis wir die nächste schattige Stelle erreichten, und taten so, als hätten wir nur ganz knapp überlebt, das war unser Spiel.
Wir bauten riesige Burgen im Sandkasten, mit Wassergraben, wir kochten Brennesselsuppen und pflanzten Kastanienbäume. Wir liefen durch den Bach und bauten Staudämme und jagten Verbrecher. Wir sammelten Regenwürmer und Schnecken und fanden drei Mark auf dem Spielplatz. Wir spielten und manchmal stritten wir uns und bewarfen uns gegenseitig mit Sand und schrieen uns an, und fühlten uns furchtbar traurig deswegen, und dann war es wieder okay. Wenn wir abends zurück nach Hause kamen, hatten wir schwarze Füße und Sand in den Hosentaschen.
Es war gut, Geschwister zu haben, mit denen man spielen konnte und die nicht den ganzen Tag nur herumlagen und nichts taten und die lebten, als unsere Schwester starb.

Meine Geschwister waren vom Tod unserer Schwester nicht sonderlich beeindruckt. Meine große Schwester sagte manchmal, dass sie jetzt nicht mehr leiden müsse, aber lieber erzählte sie von den Jungs in ihrer Klasse, in die sie verliebt war. Ich wollte auch so denken wie sie und mich verlieben, aber ich konnte nicht.

Mir war nie aufgefallen, dass unsere Schwester litt, und als sie tot war, konnte ich das nicht mehr nachprüfen. Ich hatte nie das Gefühl gehabt, dass sie Schmerzen hatte oder lieber mit uns spielen wollte, anstatt herumzuliegen, aber vielleicht hatte meine große Schwester recht und ich war einfach zu blöd gewesen, das zu bemerken und ich schämte mich, denn als Zwillingsschwester sollte man so etwas wissen.
Ich wollte denken, es ist in Ordnung, dass sie tot ist, weil sie nicht mehr leiden muss, tote Menschen leiden nämlich nicht, erklärte mir meine Schwester, und ich nickte und tat so, als würde ich das auch denken, aber in Wahrheit dachte ich einfach, dass ich sie wiederhaben wollte. Aber das sagte ich nicht. Meine große Schwester hätte dann bestimmt so etwas gesagt wie: „Du bist ja so gemein, du willst, dass sie leiden muss.“ Dabei wollte ich das gar nicht, nur dass sie bei mir war, das wollte ich, so sehr, dass mir vieles andere ziemlich egal war.

Für meine Geschwister war damit alles klar, und manchmal schaute ich sie an und bewunderte sie, wie gut sie damit zurecht kamen, wie normal sie waren, und fühlte mich noch hälftenhafter und verlorener. Sie waren gut darin, zu leben. Sie waren wie andere Kinder auch, nur ich war irgendwie anders.

Im Sommer ging ich oft auf den Friedhof, um die Blumen auf dem Beet zu gießen. Manchmal ging ich zusammen mit meinen Eltern, und meistens ging ich allein, das mochte ich am liebsten. Meine Geschwister hatten keine Lust darauf, also gingen sie nicht. Ich ging zum Brunnen in der Mitte des Friedhofs, hüpfte die kleine Mauer hinunter und nahm mir eine Gießkanne. Die Gießkanne füllte ich bis zum Rand mit Wasser, trug sie dann mit ausgestrecktem Arm zum Grab, und versuchte, kein Wasser zu verschütten. Die Gießkanne war richtig, richtig schwer, das kurz gemähte Gras kitzelte mich an den Füßen. Wenn ich gegossen hatte, blieb ich einen kurzen Moment vor dem Grab stehen. Manchmal überlegte ich dann, wer die anderen Kinder waren, die gestorben waren, denn da waren noch andere Gräber, wo auch Kinder drin lagen, das hatte mir meine Mama erklärt, und weil ich keine andere Kinder sah, die dort die Blumen gossen, ging ich davon aus, dass die anderen toten Kinder keine Zwillingsschwestern hatten. Auf der rechten Seite neben dem Grab meiner Schwester war kein Grab, nur Rasen, und ich beschloss, dass ich dort beerdigt werden wollte, wenn ich starb. Etwas später wurde ein anderes Kind auf dieser Stelle beerdigt, und ich war wütend deswegen. Das war doch mein Platz, und meine Schwester, wie könnt ihr es wagen, mir meinen Platz wegzunehmen. So dachte ich eine Zeit lang, und ich hasste das andere Kind, aber dann dachte ich nochmal richtig nach, und dachte dann, dass die zwei da unten schön spielen könnten und dass für mich da ja auch noch Platz wäre, und dann war das okay für mich.
Wenn ich gegossen und nachgedacht hatte, rannte ich mit der leeren Gießkanne zum Brunnen zurück, hüpfte die kleine Mauer herunter, hängte die Gießkanne an ihren Platz und ging aus dem Friedhof heraus.
Manchmal brachte ich meiner Schwester auch Blumen mit, die ich gepflückt hatte, und legte sie auf ihr Grab. Sie sollte schließlich nicht auf den Gedanken kommen, ich würde sie vergessen.

Wenn es kälter wurde, und die Pflanzen auf dem Grab nicht mehr so viel Wasser brauchten, ging ich seltener auf den Friedhof. An unserem Geburtstag und an dem Tag, an dem sie gestorben war, zündeten wir eine Kerze an. Oft ging ich dann, um nachzuschauen, ob die Kerze noch brannte. Sie war fast immer aus, das lag meistens daran, dass es sehr windig war. Sie hatte bestimmt bei Gott im Himmel Wind bestellt. Ich hatte Streichhölzer dabei und zündete die Kerze wieder an und freute mich, dass es so schön windig war. Wenn ich an unserem Geburtstag vor dem Grab stand, oder auch einen Tag danach, dann tat sie mir Leid, weil sie keine Geschenke bekommen hatte, und ich traute mich gar nicht, ihr von meinen Geschenken zu erzählen, denn ich wollte nicht, dass sie traurig war. Aber am Wichtigsten war mir, dass sie nicht dachte, ich würde sie vergessen.