Interviews

Ich habe Jana von der Seite Wenn Kinder sterben einige Fragen zu meiner Schwester und zu meinen Gedanken zum Tod und zur Trauer beantwortet. Das Interview könnt ihr hier lesen: Interview mit Claudia M.

Bereits vor ein paar Monaten habe ich Jana, die die Trauerplattform Wenn Kinder sterben nach dem Tod ihres Sohnes ins Leben gerufen hat, ebenfalls interviewt. Das Interview könnt ihr hier lesen: Interview mit Jana D.

Auch Frauke vom Blog Fräuleins wunderbare Welt, die selbst eine Zwillingsschwester mit Behinderung hat, habe ich einige Fragen beantwortet. Hier gehts zum Interview: Blogvorstellung: Meine Schwester tot und ich hier

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Richtig gute Beerdigungen

Natürlich dachte ich oft über richtig gute Beerdigungen nach. Nur, das blöde dabei war, dass ich erst anfing, darüber nachzudenken, als meine Schwester schon tot war und unter der Erde, und nicht früher. Eigentlich sollte man vorher darüber nachdenken, fand ich. Aber weil mir niemand gesagt hatte, dass meine Schwester sterben würde und dass sie dann beerdigt werden würde, und ich auch nicht allein drauf gekommen war, dachte ich erst dann an richtig gute Beerdigungen.

Bei einer richtig guten Beerdigung kommen viele, viele Leute. Viel mehr Leute, als überhaupt in eine Kapelle hineinpassen und in eine Kirche sowieso. Die Leute kommen von überall her, und sie sind ganz traurig und weinen und hören nicht mehr auf damit. Und der Bundeskanzler kommt zur Beerdigung und andere wichtige Leute und natürlich, wenn eine Prinzessin beerdigt wird, dann kommen Prinzessinnen aus der ganzen Welt. Aus England und China und dem Takka-Tukka-Land, einfach alle Prinzessinnen, die es gibt. Und alle sind ganz traurig und sie weinen die ganze Kirche voll, so dass es eine Überschwemmung gibt. So sollte eine richtig gute Beerdigung sein.

Meine Schwester hatte leider keine richtig gute Beerdigung. Es waren viel zu wenig Leute da gewesen, das wusste ich, auch wenn ich mich nicht mehr an alles erinnerte. Jedenfalls hatten alle Leute in die Kapelle hineingepasst. Und sowieso fand ich, dass eine richtig gute Beerdigung in einer großen Kirche mit bunten Fenstern stattfinden sollte, und nicht in einer Kapelle, die einfach nur aussah wie ein Kasten und überhaupt nicht schön. Ich war traurig, dass meine Schwester keine gute Beerdigung hatte, denn ich konnte mir gut vorstellen, dass ihr eine richtig gute Beerdigung sehr gut gefallen hätte. Und wenn man ehrlich war, eigentlich hätte sie als Prinzessin eine richtig gute Beerdigung verdient, ohne Frage.

Aber es waren nicht viele Leute da gewesen, und die Leute, die da waren, hatten nur ein bisschen geweint, und nicht so viel. Der Bundeskanzler war nicht da und auch keine anderen Prinzessinnen. Vielleicht waren nicht so viele Leute da gewesen, weil nicht jeder wusste, dass meine Schwester eine Prinzessin war, und sie hatte nicht so viele Freunde und ich auch nicht und unsere Eltern auch nicht, nur ein paar. Ich fand, wenn man schon tot war sollte man wenigstens eine richtig gute Beerdigung haben, und natürlich muss dann der Bundeskanzler kommen, das ist ja wohl das mindeste.

Massengrab

Manchmal gingen wir mit Volker und Barbara (Namen geändert) zum Grab. Volker wollte lieber, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre, und das sagte er uns auch oft, wenn wir zusammen auf dem Friedhof waren. Er erklärte uns, was ein Massengrab ist: Da wird ein großes Loch gebuddelt und dann werden alle Toten da rein geworfen und dann wird es wieder zugebuddelt und dann ist fertig. Sagte er. Barbara sagte nichts dazu.

Erst fand ich seine Idee nicht so schlecht, weil ich es traurig fand, dass meine Schwester ganz allein im Grab sein musste. Sie war Alleinsein nämlich nicht gewöhnt. Sie war Alleinsein nicht gewöhnt, weil immer jemand da gewesen war, und nach ihr geguckt hatte und danach, dass es ihr gutging und so, und nun sollte sie plötzlich ganz allein sein, nur, weil sie tot war? Im Massengrab, da ist man nicht allein, jedenfalls, wenn es stimmte, was Volker erzählte. Aber dann, dann dachte ich noch länger darüber nach und stellte mir vor, wie meine Schwester zwischen anderen toten Menschen lag und fast von ihnen zerdrückt wurde. Das war keine schöne Vorstellung und ich war froh, dass meine Schwester ein eigenes Grab hatte. Außerdem wollte ich nicht, dass jemand meine Schwester herumwarf. Ich verstand nicht, warum Volker wollte, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre.

Vielleicht dachte er nicht daran, dass meine Schwester dann von anderen, dickeren Menschen fast erdrückt würde, und dass das bestimmt unangenehm für sie wäre. Es war aber schon blöd, nicht daran zu denken, fand ich. Wenn Volker über das Massengrab redete, sagten wir nichts dazu. Ich hatte Angst, etwas dazu zu sagen. Ich schaute auf den Boden und hoffte, dass es schnell vorbei war. Und dass niemand anderes Volker reden hörte, das wäre mir peinlich gewesen. Auch sonst sagte niemand was dazu, meine anderen Geschwister nicht, weil sie hatten auch Angst, und Barbara sagte auch nichts. Das fand ich aber ein bisschen komisch, schließlich war sie ja erwachsen, und wenn man erwachsen ist, braucht man keine Angst zu haben.

Wenn ich Volker sah, dachte ich oft darüber nach, auch Jahre später noch, dass er lieber wollte, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre, und ich stellte mir vor, wie sie zwischen anderen toten Menschen liegen musste und das war ziemlich ekelig. Ich wollte Volker lieber angucken können, ohne daran zu denken, aber das ging nicht. Manchmal wollte ich ihn fragen, ob er immer noch das mit dem Massengrab wollte oder er seine Meinung geändert hatte, aber das ging auch nicht. Und manchmal wollte ich Barbara fragen, ob sie auch ein Massengrab wollte für meine Schwester, aber auch das ging nicht. Weil die Angst war noch da.

Am Grab

Manchmal gingen wir zusammen zum Grab meiner Schwester, meine Eltern, meine anderen Geschwister und ich. Ich wusste gar nicht genau, was man macht, wenn man am Grab steht, und das fragte ich mich jedesmal, wenn wir zusammen vor dem Grab standen. Wir gingen nicht so oft alle zusammen zum Grab, nur manchmal.

Also ich wusste natürlich, dass man ganz still sein muss, und nicht reden darf und schon gar nicht lachen, und dass man nicht herumhampeln soll. Man soll still sein, und still stehen, und man soll das Grab anschauen, und niemand anderes sonst soll man anschauen. Das wusste ich, weil ich die Erwachsenen dabei beobachtet hatte, heimlich, wie sie das machten. Wenn wir zusammen vor dem Grab standen, dann guckte ich manchmal ganz kurz zu meinen Eltern, weil ich wissen wollte, wie sie da standen und wie sie guckten und was sie machten, und dann guckte ich schnell wieder auf das Grab, damit niemand merkte, dass ich woanders hin geguckt hatte. Ich versuchte, so zu stehen und so zu gucken wie sie, und niemand fiel auf, dass ich gar nicht so genau wusste, was man macht, wenn man vor dem Grab steht.

Ich verstand nicht, warum ich so auf das Grab starren sollte, obwohl da gar nichts passierte. Das Grab und die Pflanzen, die darauf wuchsen, veränderten sich nicht so schnell. Besser hätte ich es gefunden, sich mit dem Rücken auf den Rasen neben das Grab zu legen. Dann könnte man Vögeln und Wolken beim Fliegen zuschauen und sehen, wie der Wind die Blätter des Baumes berührt. Außerdem ist man, wenn man sich auf die Erde legt, näher an der toten Person, als wenn man herumsteht, weil die tote Person ja in der Erde vergraben ist. Auf das Grab starren und still sein, das ist langweilig und traurig, aber das sagte ich nie.

Ich wusste auch nicht, was man denken sollte, wenn man vor dem Grab stand. Das war etwas, das man sich nicht abschauen konnte, weil man Gedanken nicht sehen kann. Die Erwachsenen redeten nicht darüber, was sie dachten. Ich fragte mich, ob sie traurig waren, weil meine Schwester tot war, und wie traurig sie waren.

Mir fiel es manchmal schwer, meine Gedanken beisammen zu halten und nur an meine Schwester zu denken, wenn wir vor dem Grab standen. Na klar, ich dachte dann daran, dass meine Schwester tot war, und dass das blöd war, aber dann dachte ich plötzlich auch an andere Dinge, an die Schule, oder an Hausaufgaben oder an Dinge, die ich machen wollte. Es war dann so, als wären die Gedanken an meine Schwester weggedacht, und ich wusste, ich soll an meine Schwester denken, aber da kamen keine Gedanken mehr dazu. Weil, das war auch klar, wenn man vor dem Grab einer Person steht, dann soll man an diese Person denken und an nichts anderes.

Meine Eltern konnten das, Stillsein und aufs Grab gucken und an meine Schwester denken. Meine anderen Geschwister konnten das auch. Ich hoffte, dass niemand sah, dass ich das nicht konnte.

Dann waren meine Eltern fertig mit Stillsein und Gucken, und wir gingen aus dem Friedhof heraus. Sie fingen wieder an zu reden, sie fragten mich nach der Schule und nach den Hausaufgaben und so was, aber ich fühlte mich, als wäre mein Herz eingefroren und alles war starr und ich konnte nur noch daran denken, dass meine Schwester tot war, und an nichts anderes mehr.

 

Solange, bis ich mich wieder ganz lebendig fühle

Gebt mir jemand, der mit mir am Grab steht.

Gebt mir jemand, der mich nicht vom Grab wegzieht, sondern mit mir stehen bleibt. Jemand, der meine Hand hält, jemand, dessen Hände dabei nicht zittern, oder nur ein bisschen, denn meine zittern schon genug. Jemand, der mit mir hinunterschaut, bis ganz tief nach unten, solange, bis ich fertig bin damit. Jemand, der schweigt, und mich nicht ansieht. Jemand, der nicht fragt, wie es mir geht, oder es fragen will, sich aber nicht traut. Jemand, dem ich nicht erzählen muss, was passiert ist. Jemand, der einfach nur da ist. Jemand, der dabei nicht auf die Uhr schaut, sondern mit mir am Grab steht, als könnte er noch tausend Jahre so stehen. Jemand, der mich nicht aufheitern will. Jemand, der vielleicht ein bisschen versteht, wie es mir geht, und der ertragen kann, in diesem Augenblick nicht alles zu verstehen. Jemand, der sagt zwischen dem Schweigen: „Das ist ja ziemlich tief, oder?“, und dann weiter schweigt, und ich sage „ja“, oder gar nichts, und es ist alles richtig. Jemand, der einfach nur da ist.

Jemand, der mit mir am Grab steht, solange, bis ich fertig bin damit.

Jemand, der danach mit mir auf den Spielplatz geht und wir schaukeln ganz hoch, bis in den Himmel. Solange, bis ich mich wieder ganz lebendig fühle.

Wir Kinder

Im Sommer liefen wir sehr oft barfuß, meine Geschwister und ich. Manchmal war es so heiß, dass wir ganz nah an den Häusern entlang laufen mussten, dort wo es einen schmalen, schattigen Streifen gab, damit wir uns nicht die Füße verbrannten. Es gab auch Stellen, wo keine Häuser standen und es keinen Schatten gab, dann rannten wir so schnell wir konnten, bis wir die nächste schattige Stelle erreichten, und taten so, als hätten wir nur ganz knapp überlebt, das war unser Spiel.
Wir bauten riesige Burgen im Sandkasten, mit Wassergraben, wir kochten Brennesselsuppen und pflanzten Kastanienbäume. Wir liefen durch den Bach und bauten Staudämme und jagten Verbrecher. Wir sammelten Regenwürmer und Schnecken und fanden drei Mark auf dem Spielplatz. Wir spielten und manchmal stritten wir uns und bewarfen uns gegenseitig mit Sand und schrieen uns an, und fühlten uns furchtbar traurig deswegen, und dann war es wieder okay. Wenn wir abends zurück nach Hause kamen, hatten wir schwarze Füße und Sand in den Hosentaschen.
Es war gut, Geschwister zu haben, mit denen man spielen konnte und die nicht den ganzen Tag nur herumlagen und nichts taten und die lebten, als unsere Schwester starb.

Meine Geschwister waren vom Tod unserer Schwester nicht sonderlich beeindruckt. Meine große Schwester sagte manchmal, dass sie jetzt nicht mehr leiden müsse, aber lieber erzählte sie von den Jungs in ihrer Klasse, in die sie verliebt war. Ich wollte auch so denken wie sie und mich verlieben, aber ich konnte nicht.

Mir war nie aufgefallen, dass unsere Schwester litt, und als sie tot war, konnte ich das nicht mehr nachprüfen. Ich hatte nie das Gefühl gehabt, dass sie Schmerzen hatte oder lieber mit uns spielen wollte, anstatt herumzuliegen, aber vielleicht hatte meine große Schwester recht und ich war einfach zu blöd gewesen, das zu bemerken und ich schämte mich, denn als Zwillingsschwester sollte man so etwas wissen.
Ich wollte denken, es ist in Ordnung, dass sie tot ist, weil sie nicht mehr leiden muss, tote Menschen leiden nämlich nicht, erklärte mir meine Schwester, und ich nickte und tat so, als würde ich das auch denken, aber in Wahrheit dachte ich einfach, dass ich sie wiederhaben wollte. Aber das sagte ich nicht. Meine große Schwester hätte dann bestimmt so etwas gesagt wie: „Du bist ja so gemein, du willst, dass sie leiden muss.“ Dabei wollte ich das gar nicht, nur dass sie bei mir war, das wollte ich, so sehr, dass mir vieles andere ziemlich egal war.

Für meine Geschwister war damit alles klar, und manchmal schaute ich sie an und bewunderte sie, wie gut sie damit zurecht kamen, wie normal sie waren, und fühlte mich noch hälftenhafter und verlorener. Sie waren gut darin, zu leben. Sie waren wie andere Kinder auch, nur ich war irgendwie anders.

Im Sommer ging ich oft auf den Friedhof, um die Blumen auf dem Beet zu gießen. Manchmal ging ich zusammen mit meinen Eltern, und meistens ging ich allein, das mochte ich am liebsten. Meine Geschwister hatten keine Lust darauf, also gingen sie nicht. Ich ging zum Brunnen in der Mitte des Friedhofs, hüpfte die kleine Mauer hinunter und nahm mir eine Gießkanne. Die Gießkanne füllte ich bis zum Rand mit Wasser, trug sie dann mit ausgestrecktem Arm zum Grab, und versuchte, kein Wasser zu verschütten. Die Gießkanne war richtig, richtig schwer, das kurz gemähte Gras kitzelte mich an den Füßen. Wenn ich gegossen hatte, blieb ich einen kurzen Moment vor dem Grab stehen. Manchmal überlegte ich dann, wer die anderen Kinder waren, die gestorben waren, denn da waren noch andere Gräber, wo auch Kinder drin lagen, das hatte mir meine Mama erklärt, und weil ich keine andere Kinder sah, die dort die Blumen gossen, ging ich davon aus, dass die anderen toten Kinder keine Zwillingsschwestern hatten. Auf der rechten Seite neben dem Grab meiner Schwester war kein Grab, nur Rasen, und ich beschloss, dass ich dort beerdigt werden wollte, wenn ich starb. Etwas später wurde ein anderes Kind auf dieser Stelle beerdigt, und ich war wütend deswegen. Das war doch mein Platz, und meine Schwester, wie könnt ihr es wagen, mir meinen Platz wegzunehmen. So dachte ich eine Zeit lang, und ich hasste das andere Kind, aber dann dachte ich nochmal richtig nach, und dachte dann, dass die zwei da unten schön spielen könnten und dass für mich da ja auch noch Platz wäre, und dann war das okay für mich.
Wenn ich gegossen und nachgedacht hatte, rannte ich mit der leeren Gießkanne zum Brunnen zurück, hüpfte die kleine Mauer herunter, hängte die Gießkanne an ihren Platz und ging aus dem Friedhof heraus.
Manchmal brachte ich meiner Schwester auch Blumen mit, die ich gepflückt hatte, und legte sie auf ihr Grab. Sie sollte schließlich nicht auf den Gedanken kommen, ich würde sie vergessen.

Wenn es kälter wurde, und die Pflanzen auf dem Grab nicht mehr so viel Wasser brauchten, ging ich seltener auf den Friedhof. An unserem Geburtstag und an dem Tag, an dem sie gestorben war, zündeten wir eine Kerze an. Oft ging ich dann, um nachzuschauen, ob die Kerze noch brannte. Sie war fast immer aus, das lag meistens daran, dass es sehr windig war. Sie hatte bestimmt bei Gott im Himmel Wind bestellt. Ich hatte Streichhölzer dabei und zündete die Kerze wieder an und freute mich, dass es so schön windig war. Wenn ich an unserem Geburtstag vor dem Grab stand, oder auch einen Tag danach, dann tat sie mir Leid, weil sie keine Geschenke bekommen hatte, und ich traute mich gar nicht, ihr von meinen Geschenken zu erzählen, denn ich wollte nicht, dass sie traurig war. Aber am Wichtigsten war mir, dass sie nicht dachte, ich würde sie vergessen.