Wo bist du, wenn ich so leicht bin?

Wenn man eine tote Schwester unter der Erde hat, macht das einen schwer. So schwer, dass alles anstrengend ist, und man sich gar nicht mehr richtig bewegen kann, und auch nicht mehr so gut lachen. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass man rennen kann oder dass man mal zwei Purzelbäume hintereinander gemacht hat.

So schwer zu sein, ist blöd.

Das ist die Traurigkeit, die einen so schwer macht, wenn man eine tote Schwester unter der Erde hat. Und vielleicht die Angst, vielleicht macht die Angst einen auch schwer. Jedenfalls, die Traurigkeit und die Angst sind schwerer als ein voller Wasserkasten. Vielleicht auch schwerer als zwei.
Es ist blöd, so schwer zu sein. Vor allem, weil alle um einen herum so leicht sind, und rennen und lachen und zwei Purzelbäume hintereinander machen. Aber, obwohl es blöd ist, so schwer zu sein, es ist gut und richtig, denn es muss blöd sein, wenn man eine tote Schwester unter der Erde hat. Es muss blöd sein, alles. Wenn man eine tote Schwester unter der Erde hat, dann muss alles blöd sein.
Irgendwann, dann will man einfach wieder leichter werden, weil es ist blöd, so schwer zu sein. Man freut sich darauf, zu rennen und auf die Purzelbäume. Aber leicht zu sein, das ist irgendwie auch blöd, und auch ungewohnt, weil man das ja gar nicht mehr richtig kennt, und auch gar nicht mehr richtig weiß, wie man zwei Purzelbäume hintereinander macht.

Es ist blöd, leicht zu sein, und schwierig. Man merkt, wie schön es ist, sich schwer zu fühlen, und wie vertraut und wie einfach. Schwer zu sein, das ist schön, weil wenn man so schwer ist, und die Augen zu macht, dann ist eine tote Schwester unter der Erde nicht mehr ganz so tot und nicht mehr ganz so tief unter der Erde und nicht mehr ganz so weit weg. Schwer zu sein, bedeutet, Nähe zu spüren und Verbundenheit.

Sich leicht zu fühlen, bedeutet, weiter weg zu sein, und verlorener. Sich leicht zu fühlen, macht Angst. Die Angst ist so schwer wie ein voller Wasserkasten, mindestens.

Wo bist du, wenn ich so leicht bin? Wenn du nur bei mir bist, wenn ich schwer bin, dann will ich lieber schwer sein. Und nie wieder zwei Purzelbäume hintereinander machen.

Ich will dich auch in der Leichtigkeit finden.

Vom Glücklich- und vom Traurigsein

Manchmal war mein Körper so vollgefüllt mit Glück, von unten bis oben, und es fühlte sich so an, als müsste ich platzen, weil mein Körper nicht groß genug war für so viel Glück. Ich war so glücklich, dass es kaum zum Aushalten war, und ich hüpfte und sang und lachte.
Es gab eine Menge Sachen, die mich glücklich machten. Wenn ich so schnell rannte, bis ich nicht mehr rennen konnte, und mein Herz schlug schnell und mir war ganz warm, dann fühlte ich mich sehr glücklich. Oder wenn meine Geschwister und ich im Kinderzimmer zelteten, und wir um Mitternacht heimlich Schokolade aßen, oder wenn wir uns im Sommer auf der Straße mit Wasserpistolen gegenseitig nassspritzten. Dann war ich glücklich.
Und dann, etwas später, als der Spaß vorbei war, dann wurde ich wieder traurig und war gar nicht mehr glücklich, nur traurig. Ich wusste gar nicht so genau, warum ich so traurig wurde, das kam einfach so. Und ich konnte mir gar nicht mehr richtig vorstellen, wie ich so glücklich gewesen sein konnte, und schämte mich dafür. Ich beschloss, unglücklicher zu werden, und nie wieder fröhlich.

Schließlich, so überlegte ich, würde es meine Schwester unter der Erde sicher überhaupt nicht nett finden, wenn ich so fröhlich wäre, obwohl sie tot ist. Meine Schwester konnte mich nicht mehr sehen, weil sie ja unter der Erde war, also wusste sie auch nicht, was ich tat und ob ich manchmal lachte, aber ich war mir sehr sicher, dass Gott, der ja oben im Himmel wohnt und alles sieht, was die Menschen auf der Erde machen, ihr alles weitersagte. Wenn ich lachte und fröhlich war, dann sagte er ihr das weiter, weil er sah das vom Himmel aus, durch das Dachfenster oder wenn wir draußen auf der Straße spielten, dann sah er das auch.
Dann, klar, dann würde sich meine Schwester natürlich sehr darüber wundern, warum ich nicht weinte und traurig war, obwohl sie tot war, und vielleicht würde sie sogar denken, dass es mir egal war, dass sie tot war, oder dass ich mich darüber freute, oder dass ich sie nicht mehr mochte.
Dabei war genau das Gegenteil richtig. Natürlich liebte ich sie sehr und natürlich vermisste ich sie sehr und natürlich wollte ich unbedingt, dass sie zurückkam, und manchmal wollte ich das so sehr, dass es wehtat, überall.
Also beschloss ich, unglücklicher zu werden, damit sie nichts Falsches dachte.
Nur, ich konnte nicht die ganze Zeit traurig sein, denn das war so traurig und vom Traurigsein wurde ich noch trauriger, und wenn man immer weiter traurig ist, wird man so traurig, dass man eine Pause braucht vom Traurigsein.
Ich versuchte, das meine Schwester zu erklären, damit sie nicht dachte, ich hätte sie nicht mehr lieb. Aber ich wusste nicht, ob sie mich verstand. Und dann dachte ich, dass sie vielleicht denken könnte, dass ich sie nicht mehr lieb hatte, und dann wurde ich so traurig, dass ich gar nicht mehr glücklich sein konnte.