Interviews

Ich habe Jana von der Seite Wenn Kinder sterben einige Fragen zu meiner Schwester und zu meinen Gedanken zum Tod und zur Trauer beantwortet. Das Interview könnt ihr hier lesen: Interview mit Claudia M.

Bereits vor ein paar Monaten habe ich Jana, die die Trauerplattform Wenn Kinder sterben nach dem Tod ihres Sohnes ins Leben gerufen hat, ebenfalls interviewt. Das Interview könnt ihr hier lesen: Interview mit Jana D.

Auch Frauke vom Blog Fräuleins wunderbare Welt, die selbst eine Zwillingsschwester mit Behinderung hat, habe ich einige Fragen beantwortet. Hier gehts zum Interview: Blogvorstellung: Meine Schwester tot und ich hier

Advertisements

Wie eine Außerirdische oder ein Stein oder so

Bevor meine Schwester starb, war ich ein Kind, wie die anderen Kinder auch. Natürlich, jedes Kind sieht etwas anders aus und kann etwas anderes gut, manche Kinder können sehr schnell rennen oder reden sehr viel oder können toll malen oder erfinden lustige Dinge, aber trotzdem, ich fühlte mich, als wäre ich ein Kind, wie die anderen Kinder, die ich kannte. So wie meine Prinzessinnen-Schwester und meine anderen Geschwister und wie die Kinder aus dem Kindergarten.

Der Tod machte, dass ich mich anders fühlte, und dass, ohne dass ich das wollte. Ich war plötzlich anders als die Kinder aus dem Kindergarten, weil meine Schwester war tot und unter der Erde vergraben, und niemand sonst hatte eine Schwester, die tot war. Eine Schwester zu haben, die eine Prinzessin ist, und im Sitzsack liegt und zuhört, wenn man ihr Geschichten erzählt, das ist ziemlich gut, aber eine Schwester zu haben, die einfach nur tot ist und nicht mehr da, das ist blöd und tut weh. Der Tod, und weil ich so traurig darüber war, machte, dass ich manchmal trauriger war als andere Kinder, und manchmal stiller und leiser, und manchmal war ich wütend. Ich war auch wütend darüber, dass der Tod mich anders machte, sehr wütend.
Der Tod machte auch, dass ich anders fühlte als meine Prinzessinnen-Schwester. Weil sie tot war und ich lebte. Als sie noch lebte, waren wir gleich gewesen, weil unsere Lieblingsfarbe dieselbe gewesen war, und weil wir dieselben Dinge fühlten. Klar, sie war eine Prinzessin gewesen und ich nicht, und ich war größer als sie und ich hatte lange Haare und sie kurze, aber das war uns egal. Nur, dass sie tot war und ich lebte, das war mir überhaupt nicht egal, und dass ich plötzlich anders war als sie, das war mir auch nicht egal. Anders zu sein als meine Prinzessinnen-Schwester, das fühlte sich ganz schlimm an, und das wollte ich nicht. Manchmal wollte ich auch tot sein, damit ich wieder so sein könnte wie sie.
Der Tod machte auch, dass ich mich anders fühlte als meine anderen Geschwister, weil sie waren nicht so traurig wie ich und nicht so hälftenhaft und manchmal verstanden sie gar nicht, warum ich so anders war.

Ich war sehr traurig darüber, dass ich nicht mehr so war, wie andere Kinder. Manchmal fühlte ich mich gar nicht mehr richtig wie ein Kind, sondern vielleicht so, wie eine Außerirdische oder wie ein Stein oder so. Aber manchmal dachte ich auch, dass es gar nicht so schlimm war, eine Außerirdische zu sein oder ein Stein oder so. Das Schlimme daran war nur, dass es niemand gab, der mich verstand, denn wer versteht schon Außerirdische oder Steine oder so.

Man sah mir meine Hälftenhaftigkeit nicht an

Man sah mir meine Hälftenhaftigkeit nicht an. Das war komisch, denn das Gefühl, hälftenhaft und unvollständig zu sein, war so stark, dass ich dachte, meine Hälftenhaftigkeit müsse doch deutlich zu sehen sein. Ich fühlte mich, als wäre mein Körper in der Mitte durchgeschnitten, als wäre nur noch eine Hälfte meines Körpers verhanden. Eigentlich hätte mir ein Arm und ein Bein fehlen, und ich hätte nur einen halben Bauch und einen halben Kopf haben müssen.
Natürlich klar, ich wusste, dass diese mathematische Gleichung nicht ganz aufging. Vor dem Tod meiner Schwester waren wir zwei Personen gewesen, meine Schwester und ich, und zwei minus eins macht bekanntlich eins, aber bei uns war das anders, da blieb nur eine Hälfte übrig und kein Ganzes.

Die Menschen um mich herum sahen meine meine Hälftenhaftigkeit nicht. Sie sahen, dass ich zwei Arme und zwei Beine hatte und einen Bauch und einen Kopf, aber wie hälftenhaft ich war, das sahen sie nicht, denn Gefühle kann man nicht sehen. Und weil sie meine Hälftenhaftigkeit nicht sehen konnten, glaubten die Menschen, ich sei normal und vollständig wie jeder andere Mensch auch. Aus diesem Grund wollten sie auch, dass ich die gleichen Dinge machte, wie die anderen Kinder. Sie wollten, dass ich lachte und sprach und dass ich Gedichte aufsagte und allein in meinem Zimmer schlief und mit anderen Kindern spielte, dass ich aufs Klo ging und nicht in die Hose machte und dass ich Fahrrad fuhr und Purzelbäume machte.
Aber all das waren Sachen, die die anderen Kinder sehr gut konnten, mir aber sehr schwer fielen. Ich dachte oft, dass es daran lag, weil ich so hälftenhaft war, und ich war sehr traurig darüber, dass ich so anders war, und nicht so wie die anderen Kinder. Ich wünschte mir, ich würde normal werden und vollständig und dann würde ich all diese Sachen können.

Den Kindern im Kindergarten und in der Schule fiel schnell auf, dass ich nicht so war wie sie. Natürlich, ich war hälftenhaft und sie waren vollständig, das war der Unterschied zwischen uns. Sie guckten mich an, wenn ich etwas gefragt wurde und keine Antwort gab, oder wenn ich ihre Witze nicht verstand, und wunderten sich darüber und erkannten, dass ich anders war, und dann wunderten sie sich über nichts mehr. Sie wollten nicht mit mir spielen und nicht neben mir sitzen und redeten darüber, dass ich anders war, und am liebsten war es ihnen, wenn sie mich ignorieren konnten. Ich war so seltsam, dass sie gar nichts mit mir anzufangen wussten, und das verstand ich, auch wenn ich traurig darüber war, weil ich lieber normal sein wollte. Wäre ich normal und vollständig gewesen, so hätte ich sprechen und lachen können, dann hätte ich mit ihnen spielen können, und wir hätten in den Pausen Fangen gespielt, und im Unterricht geflüstert und uns kleine Briefchen geschrieben. Man sah es mir meine Hälftenhaftigkeit also nicht an, aber die anderen Kinder spürten, dass ich anders war.

Und vielleicht spürten es die Erwachsenen auch, und stellten deshalb immer höhere Forderungen an mich. Wie soll ich dass denn schaffen, wenn ich so hälftenhaft bin?, fragte ich mich, und ich fand, sie sollten erstmal selbst merken, wie das ist, wenn man sich so hälftenhaft fühlt. Dass ich redete und Freunde fand, wollten sie, dass ich mit dem Bus allein in die Stadt fuhr. Sie schickten mich zur Therapie, damit ich lernte, wie man spielt und wie man Freunde findet. Die Erwachsenen waren ziemlich verzweifelt darüber, dass ich so anders war.

Ich glaube, weder die anderen Kinder noch die Erwachsenen verstanden, warum ich so war, wie ich war, denn sie sahen meine Hälftenhaftigkeit nicht. Dabei war das eigentlich ganz logisch. Ein Teil von mir war gestorben. Wie soll man das also alles schaffen, dass mit dem Sprechen und Lachen und Klogehen und Busfahren und Freunde finden wenn man nicht vollständig ist, sondern nur eine Hälfte. Aber darüber machte sich auch keiner außer mir Gedanken.

Wo meine Schwester jetzt ist

Manche Leute erzählten mir, dass meine Schwester nun im Himmel sei. Ich mochte den Himmel und die Wolken sehr gern, aber ich wollte nicht, dass meine Schwester im Himmel war. Der Himmel ist so weit weg, noch viel weiter weg als der Sarg in der Erde, auch wenn das kaum vorstellbar ist. Ich war also dagegen, dass meine Schwester im Himmel war, und glaubte auch nicht so richtig daran. Schließlich gibts im Himmel keinen Boden auf dem man stehen kann, sodass jeder, der dort landet, sofort wieder runter auf die Erde fällt, und sowieso, wie sollte meine Schwester denn da hoch kommen, und außerdem hatte ich noch nie jemanden da oben gesehen, so viel ich auch in den Himmel guckte, und das machte die ganze Sache doch sehr unwahrscheinlich.

Trotzdem fragte ich mich manchmal, ob meine Schwester immer noch da war, in dem Sarg in der Erde, ganz tief unten. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jeder weiß ja, dass viele Sachen einfach nicht da bleiben, wo man sie hingelegt hat. Manche Sachen legt man an einen bestimmten Ort, und wenn man das nächste Mal danach schaut, sind sie verschwunden und man findet sie auch nicht wieder, oder man findet sie irgendwann zufällig an einem ganz anderen Ort, ohne dass man danach gesucht hat, und fragt sich, wie sie dort hin gekommen sind. Das war mit vielen Sachen so, mit Glitzerpapier und Playmobilpferden, mit Stickern und mit Socken, mit Süßigkeiten und mit Armbändern. Also warum sollte es also mit toten Schwestern anders sein. Deshalb war ich unsicher, und deshalb hätte ich auch gern einen Spaten genommen und sie ausgraben, nachgeguckt, ob sie noch da war. Ich wollte sie ja schließlich nicht verlieren. Wenn man einen Schatz vergraben hat, dann muss man jeden Tag nachgucken, ob er noch da ist. Das weiß jeder, der schon mal einen Schatz vergraben hat. Aber das war verboten, das Ausgraben, und ich traute mich selten, verbotene Sachen zu machen, also ließ ich es bleiben. Obwohl ich ein bisschen neugierig war und sehr sehnsuchtsvoll, gleichzeitig voller Hoffnung, dass sie noch da wäre, und voller Angst davor, dass sie, warum auch immer, nicht mehr da wäre.

Manche Leute erzählten mir auch, dass meine Schwester nun bei Gott wäre, und dass es ihr dort besser gehen würde und sie nicht mehr leiden müsste, aber da wurde ich sauer. Nirgendwo anders geht es ihr besser als hier bei mir, sagte ich wütend, wir haben ihr die besten Nester von der ganzen Welt gebaut. Ich konnte sehr wütend auf diesen Gott werden, wenn ich mir vorstellte, dass er nun alles für sie machte und mit ihr zusammen leben durfte, und ich war hier, allein, ohne sie.

Wenn ich in mich hineinfühlte, dann fühlte es sich so an, als wäre meine Schwester in einem sehr, sehr fernen Land, weit, weit weg. So weit weg, dass man keine Briefe dahin schicken kann und nicht telefonieren. So weit weg, dass es keinen gibt, der dort Urlaub macht, und noch nicht einmal jemand, der weiß, dass es dieses Land gibt. Also gibt es auch niemand, der den Weg dahin weiß. Deshalb konnte ich auch nicht wissen, wie es meiner Schwester dort ging und wie sie lebte. Dieses Land war einfach so fern, dass es wehtat. Das war das Gefühl, und im Grunde war es auch egal, wo sie war, das Gefühl war immer das gleiche: Zu weit weg von mir. Und das tat weh.

 

Festhalten, festhalten und nicht mehr loslassen

Ich war nicht damit einverstanden gewesen, dass meine Schwester starb, und das Schlimmste daran war, dass sie so weit weg war und dass es so weh tat. Daran, dass sie tot war, daran hätte ich mich vielleicht gerade noch gewöhnen können, denn zwischen tot und lebendig gab es bei meiner Schwester, anders als bei anderen Menschen, keinen großen Unterschied. Sie konnte schon vorher, bevor sie starb, nicht viel. Nur fühlen, das konnte sie prächtig, und daran änderte auch ihr Tod nichts. Ich möchte nicht sagen, dass es mir gleichgültig war, als sie starb, im Gegenteil, es war ein großer Schock für mich, und ich spürte innerlich, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Aber wenn niemand gekommen wäre, um sie abzuholen, in einen Sarg zu legen und in der Erde zu vergraben, dann wäre es fast so gewesen, als wäre nichts passiert, und ich hätte mir einbilden können, es sei alles wie immer. Ob nun tot oder lebendig, das ist mir sowas von egal, dachte ich, ich will sie einfach haben, sie soll hier sein und nicht so weit weg. Ihr könnt mir doch nicht einfach so meine Schwester wegnehmen!
Sie kamen in unser Wohnzimmer und holten sie aus ihrem Sitzsack, als wäre es das normalste der Welt. Ich war zu geschockt, um irgendwas zu tun oder zu sagen, aber später, später dachte ich, ich hätte sie festhalten und nicht mehr loslassen sollen. Festhalten und nicht mehr loslassen. „Nein, ich gebe sie nicht her. Entweder ihr beerdigt uns beide oder keinen von uns.“ Festhalten und nicht mehr loslassen, bis sie sagen: „Okay gut, es bleibt alles so, wie es war.“ Und sie schwören, dass sie nicht mehr auf so dumme Gedanken kommen. Meine Schwester verbuddeln, was soll denn sowas?
Aber ich versagte, sie nahmen meine Schwester mit und beerdigten sie. Im Nachhinein ärgerte ich mich darüber, dass ich nichts unternommen hatte, und meine Schwester lag bestimmt in ihrem Sarg unter der Erde, tippte sich spöttisch an den Kopf und hielt mich für feige. Es gab also durchaus Situationen, in denen ich meine Schwester hätte retten können, aber ich, ja ich war zu feige. Für meine Schwester wäre es sicher besser gewesen, sie hätte eine mutigere Schwester gehabt, aber Schwestern kann man sich ja nicht aussuchen, auch Prinzessinnen können das nicht.
Und dann waren da die Schmerzen. Es fühlte sich an, als hätten sie mich in der Mitte durchgeschnitten, mit viel Gewalt auseinandergerissen, als wäre unglaublich viel Blut geflossen. Als wäre ich nur noch ein halber Mensch, nicht mehr vollständig und mit einer Wunde, die nun immer da bleiben, nicht mehr heilen würde, groß und schmerzhaft. Ich wollte schreien, ganz laut schreien, aber ich schrie nicht. Ich war wie erstarrt, wie gefroren. Die Schmerzen waren das Schlimmste an der ganzen Sache.

Ein paar Tage später ging ich wieder in den Kindergarten. Ich sollte mein normales Leben weiterleben, mit einer riesigen klaffenden Wunde, die für andere unsichtbar war. Als sei nichts passiert. Dabei wusste ich gar nicht, wie man das macht, weiterleben. Überhaupt, wie lebt man ohne eine Prinzessinnen-Schwester? Ich war darin nicht besonders geübt, und machte einen Fehler nach dem anderen. Die Leute schüttelten den Kopf über mich, weil ich nicht redete und nicht lachte und nicht spielte, weil ich nicht so war wie die anderen Kinder, weil ich anders war, und verstanden nicht, dass ich gerade noch dabei war, mich an meine Hälftenhaftigkeit zu gewöhnen.