Bücher über den Tod

Ich las sehr gerne. Manchmal kam in den Büchern, die ich las, auch der Tod vor.
Das Buch „Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren las ich sehr gerne, besonders den Anfang, immer und immer wieder. Weil die Geschichte mich an meine eigene erinnerte, und dann wieder nicht. Zwei Brüder, der eine krank, und es ist klar, dass er bald sterben muss, der andere gesund. Und dann stirbt der gesunde Bruder vorher, er rettet seinen Bruder, als das Haus brennt, und stirbt dabei. Etwas später stirbt auch der kranke Bruder, und sie sind wieder vereint.
Die ganze Geschichte von den Brüdern Löwenherz war sehr traurig, aber es war wunderschön, dass sie nicht alleine tot sein mussten.
Mir gefiel immer sehr gut, dass der gesunder Bruder sich so gut um seinen Bruder kümmert, mit ihm so lieb redet und ihm dann sogar das Leben rettet. Und es machte mich gleichzeitig wahnsinnig sauer, weil ich wollte das gleiche für meine Schwester tun, und es ging nicht mehr, weil sie war tot. Ich war überzeugt davon, dass in unserer Geschichte etwas falsch gelaufen war – denn es hatte bei uns nicht gebrannt und sie war tot und ich nicht. Ich fühlte mich schlecht, weil ich nicht vor ihr gestorben war.
Etwas später las ich, dass Astrid Lindgren auf die Idee für das Buch gekommen war, als sie auf dem Friedhof das Grab zweier Brüder gesehen hatte. Das machte mich auch wütend, denn es war ja klar, dass wenn Astrid Lindgren am Grab meiner Schwester vorbei kam, sie gar nicht auf den Gedanken kommen würde, dass es mich auch gab. Sie konnte ja dann nicht wissen, dass meine Schwester noch eine Zwillingsschwester hatte, und dass ein Fehler passiert war und kein Brand, und dass ich meine Schwester auch retten wollte, aber das nicht ging.

Ich hatte auch ein anderes Buch, in dem der Tod vorkam. Es hieß „Gänseblümchen für Christine“. Sehr faszinierend fand ich, dass das Mädchen in dem Buch eine Schwester hatte, die so ähnlich wie meine Schwester war, und genau wie meine Schwester an ihrer Behinderung starb. Ich kannte sonst keine Kinder, die so waren wie meine Schwester.
Der erste Satz des Buches lautete: „Heute Nacht ist Christinchen gestorben.“ Und ich merkte ihn mir und fand ihn sehr gut, weil er so klar und so schmerzhaft war. Ich nahm mir vor, später auch ein Buch zu schreiben, und der erste Satz würde sein: „Heute Morgen ist meine Schwester gestorben.“ Und vielleicht würde ich dann noch etwas dazu schreiben und vielleicht auch nicht.
Beim Lesen war ich manchmal sehr wütend auf das Mädchen in dem Buch, weil ich fand, sie sollte ihre Schwester lieb haben und darüber traurig sein, dass sie tot ist. Manchmal weinte ich heimlich beim Lesen. Manchmal überlegte ich lange Zeit, ob meine Schwester gestunken hatte oder nicht (die Schwester des Mädchens hat nämlich gestunken).
Ich fühlte mich überhaupt nicht so, wie das Mädchen in dem Buch, und ich hätte lieber von einem Mädchen gelesen, das so fühlte wie ich. Es machte mich traurig, dass Christine nicht so geliebt wurde, wie sie war.

Das blöde Gemisch

Lange Zeit wusste ich nicht, dass das, was in mir ist, Trauer ist. Und da war niemand, der mir das erzählte. Überhaupt gab es keine Worte für das, was in mir war. Ich wusste nur, dass da ein blödes Gemisch von blöden Gefühlen in mir war, Gefühle, die machten, dass ich Angst bekam und dass ich mich traurig und wütend fühlte und anders. Anders, weil ich die einzige auf der ganzen Welt mit diesen Gefühlen war und deshalb gab es auch keine Worte dafür.
Das blöde Gemisch saß dort, wo das Herz ist, unter der Brust, und machte den Körper schwer. Manchmal wollte es aus meinem Körper herauskommen, aber ich drängte es zurück. Ich wollte nicht anders sein und auch nicht traurig oder wütend und Angst haben wollte ich auch nicht. Ich machte den Mund ganz fest zu, damit das blöde Gemisch nicht aus meinem Körper herauskommen könnte. Das war ziemlich anstrengend, weil das blöde Gemisch war ziemlich stark und ich nicht.

Ich wollte lieber meine Schwester zurück haben, damit das blöde Gemisch weg ging. Ich wollte sowieso lieber meine Schwester zurück haben, weil sie gehörte zu mir und nirgendwo sonst hin. Und ich wartete und wartete und wartete, aber sie kam nicht wieder.
Und das blöde Gemisch blieb und gehörte ebenso zu mir, wie meine Schwester zu mir gehört hatte. Es war gut, dass wenigstens irgendwas von meiner Schwester bei mir war, und ich wollte das blöde Gemisch nicht mehr hergeben. Es blieb und ich gewöhnte mich daran, dass es da war. Es machte immer noch, dass ich Angst hatte und traurig war und anders und es tat weh, aber es war da, und es war gut, dass es da war.

Als ich erwachsen war, redete ich zum ersten Mal mit anderen Leuten über das blöde Gemisch in meinem Körper. Sie sagten, dass ich das blöde Gemisch gehen lassen sollte. Dieser Gedanke machte mir noch viel mehr Angst als das blöde Gemisch selbst. Wenn das blöde Gemisch weg wäre, dann wäre auch meine Schwester weg, ganz weit weg, noch viel weiter weg als vorher. Und außerdem wusste ich auch gar nicht, wie das gehen sollte, denn das blöde Gemisch wollte nicht gehen.
Aber ich beschloss, dass blöde Gemisch nochmal genau anzugucken. Auch das machte mir Angst, ganz viel Angst. Denn auch wenn das blöde Gemisch schon so lang in meinem Körper war, hatte ich es nie richtig angeschaut. Weil ich Angst hatte, weinen zu müssen und nie wieder damit aufhören zu können. Oder Angst davor, verrückt zu werden.

Ich fing damit an, das blöde Gemisch in seinen Einzelteilen anzugucken. Da waren Erinnerungen und Sätze, die gesagt wurden und die ich auswendig konnte, Geschichten und Dinge wie Angst und Schuldgefühle, Schmerzen und Glück, Wut und Traurigkeit und Liebe. Das war meine Trauer, irgendwo da war meine Trauer.
Da war Trauer darum, dass meine Schwester tot war, und Trauer darum, dass ich mich so unvollständig fühlte und Trauer um das Kind, dass ich gewesen war und um meine Kindheit.

Es war okay, das blöde Gemisch anzusehen und gar nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte. Ich hatte keine Angst mehr vor dem blöden Gemisch, oder vielleicht noch ein bisschen und nicht mehr so viel. Es machte mich stark, dass ich die Trauer angeguckt hatte.

Es darf bleiben, das blöde Gemisch, weil meine Schwester ist tot. Es darf sich verändern und anders mischen. Ich tausche die Angst ein gegen das Glück, denn meine Schwester war hier.

 

Mit diesem Text beteilige ich mich an der Blog-Aktion Alle reden über Trauer des Blogs In lauter Trauer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interviews

Ich habe Jana von der Seite Wenn Kinder sterben einige Fragen zu meiner Schwester und zu meinen Gedanken zum Tod und zur Trauer beantwortet. Das Interview könnt ihr hier lesen: Interview mit Claudia M.

Bereits vor ein paar Monaten habe ich Jana, die die Trauerplattform Wenn Kinder sterben nach dem Tod ihres Sohnes ins Leben gerufen hat, ebenfalls interviewt. Das Interview könnt ihr hier lesen: Interview mit Jana D.

Auch Frauke vom Blog Fräuleins wunderbare Welt, die selbst eine Zwillingsschwester mit Behinderung hat, habe ich einige Fragen beantwortet. Hier gehts zum Interview: Blogvorstellung: Meine Schwester tot und ich hier

Unsichtbar

Die Leute schauten meine Schwester an. Weil sie so schön war. Und klar, weil sie eine Prinzessin war, und Prinzessinnen muss man sich anschauen, das ist auch klar. Das gehört sich so. Manche Leute guckten meine Schwester so an, als hätten sie noch nie eine Prinzessin gesehen. Vielleicht hatten sie wirklich noch nie eine Prinzessin gesehen, und dann war es gut, dass sie nun eine Prinzessin angucken konnten. Es gab auch welche, die sich wunderten, weil meine Schwester nicht gehen und nicht reden konnte und andere Dinge auch nicht konnte. Ich fand nicht, dass das etwas war, über das man sich wundern musste. So war meine Schwester einfach. Aber natürlich, wenn man noch nie eine Prinzessin gesehen hatte, dann war das wohl etwas, über das man sich wundern musste.

Wenn die Leute fertig damit waren, meine Schwester anzuschauen, dann guckten sie unsere Eltern an, die waren schließlich die Eltern der Prinzessin, und dann guckten sie mich und meine anderen Geschwister an, aber nicht so lange, wir waren ja keine Prinzessinnen. Natürlich mochten alle Leute Prinzessinnen viel lieber als normale Kinder, weil Prinzessinnen schöner sind und vornehmer und nicht so frech und weil sie keine Schimpfwörter sagen und sich nicht streiten. Ich war keine Prinzessin, auch wenn ich manchmal lieber eine sein wollte und manchmal nicht.

Als meine Schwester tot war, guckten die Leute mich und meine anderen Geschwister an, denn es gab ja keine Prinzessin mehr, die sie anschauen konnten. Das war gegen die Regel. Das war blöd. Ich wollte nicht angeschaut werden. Ich war ja keine Prinzessin. Ich wollte lieber wieder unsichtbar sein.

 

Massengrab

Manchmal gingen wir mit Volker und Barbara (Namen geändert) zum Grab. Volker wollte lieber, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre, und das sagte er uns auch oft, wenn wir zusammen auf dem Friedhof waren. Er erklärte uns, was ein Massengrab ist: Da wird ein großes Loch gebuddelt und dann werden alle Toten da rein geworfen und dann wird es wieder zugebuddelt und dann ist fertig. Sagte er. Barbara sagte nichts dazu.

Erst fand ich seine Idee nicht so schlecht, weil ich es traurig fand, dass meine Schwester ganz allein im Grab sein musste. Sie war Alleinsein nämlich nicht gewöhnt. Sie war Alleinsein nicht gewöhnt, weil immer jemand da gewesen war, und nach ihr geguckt hatte und danach, dass es ihr gutging und so, und nun sollte sie plötzlich ganz allein sein, nur, weil sie tot war? Im Massengrab, da ist man nicht allein, jedenfalls, wenn es stimmte, was Volker erzählte. Aber dann, dann dachte ich noch länger darüber nach und stellte mir vor, wie meine Schwester zwischen anderen toten Menschen lag und fast von ihnen zerdrückt wurde. Das war keine schöne Vorstellung und ich war froh, dass meine Schwester ein eigenes Grab hatte. Außerdem wollte ich nicht, dass jemand meine Schwester herumwarf. Ich verstand nicht, warum Volker wollte, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre.

Vielleicht dachte er nicht daran, dass meine Schwester dann von anderen, dickeren Menschen fast erdrückt würde, und dass das bestimmt unangenehm für sie wäre. Es war aber schon blöd, nicht daran zu denken, fand ich. Wenn Volker über das Massengrab redete, sagten wir nichts dazu. Ich hatte Angst, etwas dazu zu sagen. Ich schaute auf den Boden und hoffte, dass es schnell vorbei war. Und dass niemand anderes Volker reden hörte, das wäre mir peinlich gewesen. Auch sonst sagte niemand was dazu, meine anderen Geschwister nicht, weil sie hatten auch Angst, und Barbara sagte auch nichts. Das fand ich aber ein bisschen komisch, schließlich war sie ja erwachsen, und wenn man erwachsen ist, braucht man keine Angst zu haben.

Wenn ich Volker sah, dachte ich oft darüber nach, auch Jahre später noch, dass er lieber wollte, dass meine Schwester in einem Massengrab beerdigt wäre, und ich stellte mir vor, wie sie zwischen anderen toten Menschen liegen musste und das war ziemlich ekelig. Ich wollte Volker lieber angucken können, ohne daran zu denken, aber das ging nicht. Manchmal wollte ich ihn fragen, ob er immer noch das mit dem Massengrab wollte oder er seine Meinung geändert hatte, aber das ging auch nicht. Und manchmal wollte ich Barbara fragen, ob sie auch ein Massengrab wollte für meine Schwester, aber auch das ging nicht. Weil die Angst war noch da.

Weil du mir so fehlst – Buchvorstellung, Interview und Verlosung

Heute möchte ich euch das Buch „Weil du mir so fehlst“, geschrieben von der Trauerbegleiterin Ayse Bosse mit Ilustrationen von Andreas Klammt, vorstellen. Es ist im September 2016 im Carlsen Verlag erschienen.

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Das Buch richtet sich ab Kinder ab vier Jahren, die jemanden verloren haben. Am Anfang des Buches sieht man den Bären, wie er auf seinem Lieblingsplatz liegt. Er ist traurig und ängstlich und wütend, weil jemand gestorben ist, den er sehr lieb hatte. „Das ist gemein, dass jemand, den man lieb hat, nie wieder zurückkommt“, sagt der Bär.

Viele der Seiten des Buches kann man mit eigenen Gedanken und Bildern füllen. Es gibt Platz zum Einkleben von Fotos, Platz für Fragen und Platz, um seine Gefühle und Erinnerungen aufzuschreiben, Ideen für eine Trostsuppe oder ein Rezept für Trauerklöße.

In dem Buch erkenne ich viele der Gedanken und Fragen wieder, die ich als Kind nach dem Tod meiner Schwester hatte. Zum Beispiel sagt der Bär: „Können doch alle immer leben. Ist doch Platz genug“, oder er findet es seltsam, dass alles einfach so weitergeht, und spricht damit Gedanken aus, die bestimmt viele Kinder (und auch Erwachsene) haben. Es werden verschiedene Fragen und Themen aufgegriffen: Dass Trauer nicht nur Traurigsein bedeutet, sondern ganz viele verschiedene Gefühle; dass man trotz Trauer auch mal fröhlich sein darf; was dabei hilft, mit der Trauer zurechtzukommen; dass man Weinen kann aber nicht muss; wie es dort wohl aussieht, wo der Verstorbene nun ist. Und vor allem, dass jedes Kind trauern darf, wie es will.

Das Buch kann Erwachsenen und Kindern dabei helfen, über den Tod und die Gefühle, die damit zusammenhängen, zu sprechen. Vielleicht hilft es Erwachsenen dabei, zu verstehen, welche Gedanken und Gefühle und Ängste Kinder haben können. Und Kindern hilft es, zu sehen, dass sie nicht allein sind und dass sie ernst genommen werden. Zudem kann das Buch mit den selbstgestalteten Seiten eine wertvolle Erinnerung werden.

Was mir außerdem gefällt, ist, dass das Buch offen ist, egal, um wen man trauert. Man erfährt nicht, um wen der Bär genau trauert. Man sich in ihn hineinversetzen und an die Person denken, um die man trauert und erzählt so seine eigene Geschichte.

 

„Wenn man darüber redet, wird die Angst kleiner“ – Interview mit der Autorin und Trauerbegleiterin Ayse Bosse

1. Wie sind Sie dazu gekommen, eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin zu machen?
Vor meinem Entschluss die Ausbildung zu machen habe ich ehrenamtlich in einem Tageshospiz für Kinder geholfen. Dort werden schwer kranke Kinder morgens abgeholt und bis zum Abend betreut, um die Familien zu entlasten. Ich war damals mit meinem Job als Schauspielerin nicht so richtig glücklich. Ich hatte das Bedürfnis etwas zu tun, das sich nicht immer nur um meine Person dreht, sondern etwas Sinnvolles. Ich habe dort eine Trauerbegleiterin kennengelernt und nachdem dann im Jahre 2013 mein Vater und zwei Jungs, die ich betreut hatte, gestorben sind, war mir klar, dass ich mit all der Trauer, die mich da erwischt hatte etwas nach vorne tun muss, aktiv werden muss.

So habe ich dann die Ausbildung begonnen. Eigene Erfahrungen mit Verlust sind natürlich gut für die Arbeit als Trauerbegleiterin.

2. Wann und wie kamen Sie auf die Idee für das Buch?
Während unserer Ausbildung mussten wir uns für ein Thema für eine Abschlussarbeit entscheiden und ich habe schnell gemerkt, dass mich das Thema Kinder und Trauer sehr interessiert. Ich habe selbst eine Tochter und wir haben gemeinsam um den Opa getrauert. Ich habe bemerkt, dass ich viel von ihr lernen kann. Kinder sind so wunderbar. Wunderbar offen, wenn sie sich ernstgenommen fühlen, besonders sensibel und klar in ihren Vorstellungen zu dem Thema.

Für meine Abschlussarbeit habe ich viele Kinder zum Thema Trauer interviewt und währenddessen kam mir schon die Idee zum Buch. Ich wollte all das in Worte fassen, was ich von den Kindern gelernt hatte, damit andere Kinder sehen, dass sie nicht alleine sind und absolut nichts falsch machen beim Trauern. Die Großen trauern eben anders als die Kleinen und Kinder denken dann oft, dass sie etwas falsch machen oder Erwachsene denken Kinder trauern nicht genug oder nicht richtig. Beides ist falsch. Beim Trauern ist alles erlaubt! Mit dem Buch möchte ich dazu ermutigen, gemeinsam zu trauern, sich gegenseitig zu trösten, voneinander zu lernen und aktiv zu sein in der Trauer.

3. Ich empfinde die Sprache in dem Buch als sehr klar und absolut treffend. Es bringt vieles, was ich als Kind gedacht habe, auf den Punkt. Wie leicht ist es Ihnen gefallen, die richtigen Worte zu finden?

Wir waren doch alle mal Kinder.
Ich glaube so richtig erwachsen geworden bin ich nie.
Deshalb ist es mir sehr leicht gefallen, ausserdem hatte ich ja durch die Kinder mit denen ich zu tun hatte die besten Inspirationen. Viele Formulierungen im Buch wie: „Tod ist doof“ oder „ Wenn man drüber redet, wird die Angst kleiner“, kommen von den Kindern.

4. Welche Erfahrungen mit Tod und Trauer haben Sie selbst als Kind  gemacht?

Ich habe als Kind total viel über den Tod nachgedacht. Das ganze hat mir immer ganz schön angst gemacht, mich aber auch total fasziniert. Meine Mutter erzählte mir neulich, dass ich als 6jährige einmal ganz plötzlich angefangen habe zu weinen und gesagt habe, dass ich gerade sehr traurig darüber bin, diese Welt eines Tages verlassen zu müssen…

Ansonsten wären da: die Goldhamster, das Kaninchen, der Hund, die Katze, die Oma, eine Schulkameradin und auch der Bruder einer Freundin. Es gab eigentlich immer Anlass für mich über den Tod nachzudenken.

5. Welche Vorstellungen haben Kinder vom Tod, wie empfinden sie den Verlust?
Jeder ist anders, das kann man pauschal gar nicht sagen, wie Kinder den Tod wahrnehmen und mit Verlust umgehen. Sehr unterschiedlich würde ich sagen. Der eine ist wütend, der andere lenkt sich viel ab, der dritte braucht besonders viel Liebe und Kuscheln usw. Ausserdem ist natürlich das Alter auch ein Faktor. So richtig kapieren können Kinder das mit dem Sterben und dem endgültig-für-immer-weg-Sein wahrscheinlich erst mit sechs bis acht Jahren, das kommt immer darauf an, wie viel auch zu Hause oder in der Schule schon darüber gesprochen wurde und welche Erfahrungen schon gemacht wurden.

Wenn ein geliebter Mensch im engsten Umkreis eines Kindes stirbt, ist auf einmal alles anders und das bringt dann natürlich die ganze Welt des Kindes ins Wanken. Wenn dann auch noch nicht mit dem Kind über den Todesfall kommuniziert wird, fühlt es sich völlig allein und durcheinander. Oft denken Erwachsene, man muss Kinder vor Details schonen, die mit dem Tod zu tun haben, aber Kinder brauchen Informationen, genauso wie wir Großen, um besser zu begreifen, was da passiert ist.
Apropos Begreifen: Den Toten noch mal sehen und auch anfassen, wenn das möglich ist, hilft beim Begreifen und ist bei weitem nicht so schlimm für Kinder, wie vielleicht viele denken. Natürlich muss das Kind frei für sich entscheiden. Ich habe damals meine Tochter gefragt, ob sie Opa noch mal sehen möchte. Sie war da sieben und wollte. Wir haben dann darüber gesprochen, warum er so gelb aussieht und dass seine Hände so kalt waren. Klar klingt das erst mal krass, aber sie ist alles andere als traumatisiert durch diese Erfahrung. Ganz im Gegenteil, sie hat sich einbezogen, ernstgenommen und als ein Teil der Familie gefühlt und zusammen ist man nun mal stärker. Sie hat auch gesagt, sie hat es sich vorher viel schlimmer vorgestellt. Genau das passiert oft, dass Kinder, die so etwas nicht selbst erfahren können, dann die schlimmsten Zombie-Fantasien und Albträume bekommen.

6. Welche Fragen/ Themen/ Ängste beschäftigen Kinder, die einen lieben Menschen verloren haben? Gibt es Themen, mit denen sich besonders Kinder auseinandersetzen, die ein Geschwisterkind verloren haben?
Die unterschiedlichsten Fragen beschäftigen ein Kind nach einem Verlust. Wichtig ist, dass man ihnen signalisiert, dass man bereit ist mit ihm über diese Fragen zu sprechen. Es ist dann übrigens völlig in Ordnung sagen zu müssen : „Du, auf diese Frage kann ich dir leider keine Antwort geben“, denn es gibt nicht immer eine Antwort… „Ich stelle mir das so oder so vor“ …oder „ich weiß es leider nicht“.

Kinder können nach einem Verlust die verschiedensten Ängste entwickeln, auch Wut und Schuldgefühle. Wichtig ist, dass sie damit nicht alleine gelassen werden. Wenn man sich als Eltern, auch aufgrund der eigenen Trauer, damit überfordert fühlt, rate ich ganz unbedingt zu einer Trauerbegleitung. In Form von Einzel- oder Gruppenbegleitung. Es ist oft total gut, mal mit Leuten über alles zu reden, die nicht selbst betroffen sind.

Ich glaube, ein Geschwisterkind zu verlieren ist mit das Schlimmste, was einem Kind passieren kann. Geschwister von verstorbenen Kindern haben oft extreme Schuldgefühle, sie haben Angst davor, am Tod der Schwester oder des Bruders Schuld zu sein, sie fühlen sich schuldig, dass sie noch da sind und der andere nicht, vermissen ihre Geschwister, sehen ihre Eltern so sehr leiden und bemühen sich oft durch große Anstrengung irgendwie die Lücke zu füllen, was ihnen natürlich nicht gelingt.

7. Wie lassen sie Kinder in ihrer Trauer begleiten und unterstützen?
Es ist für trauernde Kinder essentiell wichtig zu wissen, dass beim Trauern alles erlaubt ist, dass sie dabei nichts falsch machen können, dass sie nicht schuld sind, dass sie nicht alleine sind, dass sie toll sind und geliebt werden, dass der Tod etwas ganz Normales ist und einfach dazu gehört, dass sie sich ernstgenommen fühlen, dass Erwachsene auch mal schwach sind und auch mal keine Antwort wissen, zu kuscheln, gemeinsam schöne Rituale machen für den Verstorbenen, Liebe, Liebe , Liebe.

8. Was können Erwachsene beim Umgang mit Verlust, Abschied und Trauer von Kindern lernen?
Erwachsene können vielleicht durch Kinder lernen etwas offener mit dem Thema umzugehen und es nicht totzuschweigen. Denn wenn man darüber redet, wird die Angst kleiner…auch die der Erwachsenen.

Kinder können sehr gut in halbwegs verdaubaren Portionen trauern und dann wieder ganz gut abschalten, spielen und fröhlich sein, auch das wäre gesund für Erwachsene.

Niemand, der gestorben ist, möchte das seine Liebsten immer traurig sind! Im Gegenteil.

Liebe Frau Bosse, danke für das Interview.
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Ayse Bosse hat mir ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt, das ich gerne an euch verlosen möchte. Wenn ihr das Buch gewinnen möchtet, schreibt einfach bis zum 06.12.2016 einen Kommentar unter diesen Beitrag. Unter allen, die bis dahin kommentiert haben, werde ich das Buch dann verlosen. Das Buch ist übrigens nicht nur etwas für Kinder, sondern auch für Erwachsene, finde ich.

Viel Glück!

Über Fragen und Gedanken

Wenn man über Menschen spricht, die gestorben sind, macht das den Leuten Angst und sie werden traurig und manchmal werden sie komisch. Wenn sie komisch werden, das ist am schlimmsten, denn dann weiß man gar nicht, was die Leute denken, sondern nur, dass es falsch war, dass man etwas gesagt hat. Darum redete ich lieber nicht über meine Schwester, als sie tot war, denn ich wollte niemanden traurig machen, und dass jemand komisch wurde, das wollte ich erst recht nicht.

Manche Sachen, die mir einfielen, die ich sagen oder fragen wollte, waren gar keine Sachen, die zum Traurigmachen gedacht waren, aber trotzdem wurden die Leute davon komisch. Über manche Sachen hatte ich, als meine Schwester noch lebte, gar nicht nachgedacht, darum musste ich eben darüber nachdenken, als meine Schwester tot war. Zum Beispiel dachte ich darüber nach, wie sie ihr Essen durch einen Schlauch, der durch ihr Nasenloch ging, bekommen hatte. Und natürlich fragte ich mich, wie das Essen von der Nase in den Bauch kam. Wenn der Schlauch durch ihren Mund gegangen wäre, dann hätte ich das verstanden, aber so, wie sollte das gehen? Ich fragte niemanden, wie das ging, weil ich nicht wollte, dass jemand traurig sein musste wegen mir. Aber ich dachte sehr viel darüber nach, und darüber, dass das bestimmt wehtut, wenn man einen Schlauch in der Nase hat. Meine Schwester war eine sehr tapfere Prinzessin gewesen, so viel stand fest. Ich wollte keinen Schlauch in der Nase haben.

Manchmal konnte ich gar nicht einschlafen, weil da so viele Gedanken und Fragen in mir waren, und niemand, den ich fragen konnte, und in der Schule kriegte ich das auch nicht beigebracht. Manchmal wurden die Gedanken und Fragen vom Denken so groß, dass ich Angst bekam und manchmal wurde mir schlecht und traurig dabei. Manchmal stellte ich mir vor, wie die im Krankenhaus meiner Schwester den Schlauch in die Nase gesteckt hatten, richtig fest, obwohl meine Schwester das gar nicht gewollt hatte. Und wie weh das getan haben musste.