Unter der Erde

Nur, weil meine Schwester tot war, bedeutete das keineswegs, dass sie nicht mehr lebte. Natürlich lebte sie, das war keine Frage. Nicht mehr hier bei mir, sondern sehr weit weg, tief unter der Erde, dort, wo sie sie eingegraben hatten.

Ich wusste nicht genau, was meine Schwester die ganze Zeit unter der Erde tat, und ich dachte auch nicht so viel darüber nach. Jedoch war mir ganz sicher, dass sie spielte und herumlief und allein aß und aufs Klo ging und all diese Sachen machte, die sie vorher nicht gemacht hatte. Vorher hatte sie nur herumgelegen und sie bekam Essen gefüttert oder über einen Schlauch durch die Nase, unsere Eltern wickelten sie, wie die kleinen Babys gewickelt wurden und meine große Schwester und ich, wir bauten ihr Nester in den Sitzsack, dass sie es auch gemütlich hatte beim Herumliegen. Aber jetzt, jetzt machte sie das ganz alleine, da war ich mir ganz sicher. Schließlich waren unsere Eltern noch hier, und nicht unter der Erde, also war da niemand, der für sie diese Sachen machte, und so war es logisch, dass sie das selbst machte.

Manchmal spielte sie mit den anderen toten Kindern unter der Erde, das wusste ich auch, weil das auch logisch war. Manchmal war sie sehr traurig, weil sie ihre Schwester, also mich, so sehr vermisste, auch das war logisch. Manchmal war ihr sehr langweilig, weil es dort, wo sie war nur Erde, ganz viel Erde gab und nicht so viele andere Sachen, und weil man da nicht so gut Gummitwist hüpfen konnte, unter der Erde, ohne sich den Kopf zu stoßen.

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Liebe Schwester unter der Erde,

bitte komm wieder her. Du kannst auch in meinem Bett schlafen. Wir können zusammen in meinem Bett schlafen, weil ich hab ja ein großes Bett. Aber wenn du lieber alleine im Bett schlafen willst, kannst du das auch. Dann schlafe ich auf dem Fußboden, das ist überhaupt kein Problem.

Vielleicht geht das nicht, dass du wieder herkommst, weil einer von uns tot sein muss. Weil sonst wärst du längst schon wieder hier, oder? Weil Todsein ist doch bestimmt ziemlich langweilig. Wenn einer von uns tot sein muss, dann können wir uns doch abwechseln mit dem Todsein. So, wie wir uns im Kindergarten mit dem Schaukeln abwechseln, wenn viele Kinder schaukeln wollen. Dann bist du fünf Minuten tot oder einen Tag oder so, und dann ich und dann wieder du und immer so weiter.

Oder wir teilen die Behinderung nochmal neu auf. Dann können wir beide den halben Körper bewegen und mit einem Auge sehen, und wir haben beide ein bisschen Behinderung, aber niemand so viel, dass er daran sterben muss. Dann können wir beide ein bisschen spielen und ein bisschen lachen und ein bisschen sprechen und ein bisschen singen.

Wie lange dauert es, bis nur noch die Knochen übrig bleiben?

Ein paar Jahre nach dem Tod meiner Schwester, ich war vielleicht zehn oder zwölf oder so, beschloss ich Biologin zu werden, um tote Insekten zu untersuchen. Lebendige Tiere interessierten mich zwar auch, aber tote Tiere, und besonders tote Insekten, fand ich um einiges spannender.
Ich sammelte alle toten Insekten, die ich finden konnte, und legte sie in kleine Plastikdosen und leere Marmeladengläser. Immer ein Insekt in eine Dose, nur wenn ich mehr tote Insekten fand, als ich Gefäße hatte, legte ich mehrere zusammen in eine Dose. Die Dosen stellte ich draußen auf die Fensterbank. Ich hatte tote Maikäfer und tote Libellen und tote Bienen und tote Falter in meiner Sammlung und noch paar tote Käfer, deren Namen ich nicht kannte, und einmal fand ich sogar ein totes Heupferdchen. Ich freute mich immer sehr, wenn ich ein neues totes Insekt fand, und am besten war es, wenn es ein Insekt war, das ich bisher noch nicht in meiner Sammlung hatte. Jeden Tag schaute ich mir mehrmals die toten Insekten an und erforschte und untersuchte sie. Ich schaute, ob sie sich irgendwie verändert hatten. Manchmal drehte ich die Insekten so, dass ich die Unterseite sehen konnte. Ich wollte wissen, wie sich die Tiere veränderten, wenn sie tot waren, und dazu musste ich mir alles genau anschauen. Sie veränderten sich sehr, sehr wenig, und wenn, dann nur sehr, sehr langsam. Was schnell ging, war der Geruch, der nach kurzer Zeit in den Dosen entstand, ein süßlicher Geruch war das, und ich mochte ihn und fand ihn faszinierend. Meine große Schwester fand meine Sammlung ekelhaft und sagte, ich solle die Insekten wegschmeißen, aber ich war stolz auf meine Sammlung und meine Erkenntnisse und war sehr überzeugt davon, Biologin werden zu wollen.

Außerdem fanden wir Tierknochen im Wald. Knochen von Rehen, Wildschweinen oder vielleicht von Füchsen oder Wölfen, überlegten wir. Wir versuchten, die gefundenen Knochen den Tieren zuzuordnen. Ich überlegte, wie lange die Tiere, deren Knochen wir fanden, nun schon tot sein mussten, dass wir nur noch die Knochen fanden. Ein Jahr oder fünf oder zwanzig oder hundert? Darauf hatten wir keine Antwort, aber klar war, dass am Ende nur noch die Knochen übrig bleiben.
Oder wir sahen tote Tiere am Straßenrand, tote Hasen oder Vögel oder Mäuse, die von Maden aufgegessen wurden. Das fand meine große Schwester noch ekelhafter als meine tote-Insekten-Sammlung, und ich fand das auch etwas ekelhaft, aber auch etwas interessant.

Ich fragte mich oft, wie meine Schwester jetzt aussah. Ob sich Maden und andere kleine Tierchen längst durch den Sarg gefressen hatten und ihren Körper auffraßen, ob nur noch die Knochen da waren oder noch mehr. Und ob sie auch so süßlich roch wie die toten Insekten. Das interessierte mich, und deshalb hätte ich gern gesehen, wie sie aussah.

Wo meine Schwester jetzt ist

Manche Leute erzählten mir, dass meine Schwester nun im Himmel sei. Ich mochte den Himmel und die Wolken sehr gern, aber ich wollte nicht, dass meine Schwester im Himmel war. Der Himmel ist so weit weg, noch viel weiter weg als der Sarg in der Erde, auch wenn das kaum vorstellbar ist. Ich war also dagegen, dass meine Schwester im Himmel war, und glaubte auch nicht so richtig daran. Schließlich gibts im Himmel keinen Boden auf dem man stehen kann, sodass jeder, der dort landet, sofort wieder runter auf die Erde fällt, und sowieso, wie sollte meine Schwester denn da hoch kommen, und außerdem hatte ich noch nie jemanden da oben gesehen, so viel ich auch in den Himmel guckte, und das machte die ganze Sache doch sehr unwahrscheinlich.

Trotzdem fragte ich mich manchmal, ob meine Schwester immer noch da war, in dem Sarg in der Erde, ganz tief unten. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jeder weiß ja, dass viele Sachen einfach nicht da bleiben, wo man sie hingelegt hat. Manche Sachen legt man an einen bestimmten Ort, und wenn man das nächste Mal danach schaut, sind sie verschwunden und man findet sie auch nicht wieder, oder man findet sie irgendwann zufällig an einem ganz anderen Ort, ohne dass man danach gesucht hat, und fragt sich, wie sie dort hin gekommen sind. Das war mit vielen Sachen so, mit Glitzerpapier und Playmobilpferden, mit Stickern und mit Socken, mit Süßigkeiten und mit Armbändern. Also warum sollte es also mit toten Schwestern anders sein. Deshalb war ich unsicher, und deshalb hätte ich auch gern einen Spaten genommen und sie ausgraben, nachgeguckt, ob sie noch da war. Ich wollte sie ja schließlich nicht verlieren. Wenn man einen Schatz vergraben hat, dann muss man jeden Tag nachgucken, ob er noch da ist. Das weiß jeder, der schon mal einen Schatz vergraben hat. Aber das war verboten, das Ausgraben, und ich traute mich selten, verbotene Sachen zu machen, also ließ ich es bleiben. Obwohl ich ein bisschen neugierig war und sehr sehnsuchtsvoll, gleichzeitig voller Hoffnung, dass sie noch da wäre, und voller Angst davor, dass sie, warum auch immer, nicht mehr da wäre.

Manche Leute erzählten mir auch, dass meine Schwester nun bei Gott wäre, und dass es ihr dort besser gehen würde und sie nicht mehr leiden müsste, aber da wurde ich sauer. Nirgendwo anders geht es ihr besser als hier bei mir, sagte ich wütend, wir haben ihr die besten Nester von der ganzen Welt gebaut. Ich konnte sehr wütend auf diesen Gott werden, wenn ich mir vorstellte, dass er nun alles für sie machte und mit ihr zusammen leben durfte, und ich war hier, allein, ohne sie.

Wenn ich in mich hineinfühlte, dann fühlte es sich so an, als wäre meine Schwester in einem sehr, sehr fernen Land, weit, weit weg. So weit weg, dass man keine Briefe dahin schicken kann und nicht telefonieren. So weit weg, dass es keinen gibt, der dort Urlaub macht, und noch nicht einmal jemand, der weiß, dass es dieses Land gibt. Also gibt es auch niemand, der den Weg dahin weiß. Deshalb konnte ich auch nicht wissen, wie es meiner Schwester dort ging und wie sie lebte. Dieses Land war einfach so fern, dass es wehtat. Das war das Gefühl, und im Grunde war es auch egal, wo sie war, das Gefühl war immer das gleiche: Zu weit weg von mir. Und das tat weh.

 

Zweimal zwei Vogelhäuschen

Einige Monate nach dem Tod meiner Schwester schenke mir mein Opa vier Vogelhäuschen. „Zwei für dich und zwei für deine Zwillingsschwester“, sagte er. Ich nahm das Geschenk entgegen und bedankte mich artig, wie man das eben tut, wenn man etwas geschenkt bekommt. Und dann war ich ratlos. Ich meine, mein Opa wusste, dass meine Schwester gestorben war und er hatte gesehen, wie sie beerdigt worden war und alles, und trotzdem gab er mir ein Geschenk für sie. Das konnte doch nur bedeuten, dass sie wiederkommen würde, vielleicht, um wieder bei uns zu leben oder vielleicht auch nur, um sich das Geschenk abzuholen und dann wieder zu gehen. Wie auch immer, sie würde zurückkommen und mein Opa wusste das offenbar.
Also wartete ich. Ich wartete lange. Mit der Zeit wurde ich immer unruhiger, denn sie kam und kam nicht. Klar, dachte ich, wie konnte ich so dumm sein, natürlich kam sie nicht, sie war ja eine Prinzessin und sie war deshalb gewohnt, dass man ihr die Sachen brachte. Ich überlegte fieberhaft, wie ich meiner Schwester das Geschenk geben könnte. Die beste Möglichkeit wäre wahrscheinlich gewesen, sie wieder auszubuddeln, aber meine Mama hatte mir erklärt, dass das verboten war, sehr verboten.
Mir fiel keine andere Möglichkeit ein, soviel ich auch überlegte, und ich fragte auch niemand anderes danach. Ich hatte das Gefühl, meine Eltern, meine anderen Geschwister und sogar mein Opa fanden nichts dabei, dass ich alle Vogelhäuschen für mich behielt. „Aber zwei waren doch für meine Zwillingsschwester“, sagte ich, um sie daran zu erinnern, falls sie es vergessen haben sollten.
„Ja, wir können sie ja irgendwo aufhängen“, sagten sie. Ich sagte nichts mehr. Es war mir zu blöd, ihnen zu erklären, dass meine Zwillingsschwester allein darüber bestimmen sollte, wo ihre Vogelhäuschen aufgehängt werden sollten.
Ich fühlte mich schuldig, ein Geschenk zu besitzen, dass für meine Schwester gedacht gewesen war, und konnte mich auch über die Vogelhäuschen, die mir gehörten, nicht freuen. Immer wieder versuchte ich meiner Schwester zu erklären, dass das alles keine Absicht gewesen war. „Du kriegst sie, wenn du kommst, dann gebe ich sie dir“, sagte ich zu ihr.

Erst später begriff ich, dass Todsein auch bedeutet, dass man mit Vogelhäuschen nichts mehr anfangen kann und dass Geschenke dann keine Wichtigkeit mehr haben.