Wie lange dauert es, bis nur noch die Knochen übrig bleiben?

Ein paar Jahre nach dem Tod meiner Schwester, ich war vielleicht zehn oder zwölf oder so, beschloss ich Biologin zu werden, um tote Insekten zu untersuchen. Lebendige Tiere interessierten mich zwar auch, aber tote Tiere, und besonders tote Insekten, fand ich um einiges spannender.
Ich sammelte alle toten Insekten, die ich finden konnte, und legte sie in kleine Plastikdosen und leere Marmeladengläser. Immer ein Insekt in eine Dose, nur wenn ich mehr tote Insekten fand, als ich Gefäße hatte, legte ich mehrere zusammen in eine Dose. Die Dosen stellte ich draußen auf die Fensterbank. Ich hatte tote Maikäfer und tote Libellen und tote Bienen und tote Falter in meiner Sammlung und noch paar tote Käfer, deren Namen ich nicht kannte, und einmal fand ich sogar ein totes Heupferdchen. Ich freute mich immer sehr, wenn ich ein neues totes Insekt fand, und am besten war es, wenn es ein Insekt war, das ich bisher noch nicht in meiner Sammlung hatte. Jeden Tag schaute ich mir mehrmals die toten Insekten an und erforschte und untersuchte sie. Ich schaute, ob sie sich irgendwie verändert hatten. Manchmal drehte ich die Insekten so, dass ich die Unterseite sehen konnte. Ich wollte wissen, wie sich die Tiere veränderten, wenn sie tot waren, und dazu musste ich mir alles genau anschauen. Sie veränderten sich sehr, sehr wenig, und wenn, dann nur sehr, sehr langsam. Was schnell ging, war der Geruch, der nach kurzer Zeit in den Dosen entstand, ein süßlicher Geruch war das, und ich mochte ihn und fand ihn faszinierend. Meine große Schwester fand meine Sammlung ekelhaft und sagte, ich solle die Insekten wegschmeißen, aber ich war stolz auf meine Sammlung und meine Erkenntnisse und war sehr überzeugt davon, Biologin werden zu wollen.

Außerdem fanden wir Tierknochen im Wald. Knochen von Rehen, Wildschweinen oder vielleicht von Füchsen oder Wölfen, überlegten wir. Wir versuchten, die gefundenen Knochen den Tieren zuzuordnen. Ich überlegte, wie lange die Tiere, deren Knochen wir fanden, nun schon tot sein mussten, dass wir nur noch die Knochen fanden. Ein Jahr oder fünf oder zwanzig oder hundert? Darauf hatten wir keine Antwort, aber klar war, dass am Ende nur noch die Knochen übrig bleiben.
Oder wir sahen tote Tiere am Straßenrand, tote Hasen oder Vögel oder Mäuse, die von Maden aufgegessen wurden. Das fand meine große Schwester noch ekelhafter als meine tote-Insekten-Sammlung, und ich fand das auch etwas ekelhaft, aber auch etwas interessant.

Ich fragte mich oft, wie meine Schwester jetzt aussah. Ob sich Maden und andere kleine Tierchen längst durch den Sarg gefressen hatten und ihren Körper auffraßen, ob nur noch die Knochen da waren oder noch mehr. Und ob sie auch so süßlich roch wie die toten Insekten. Das interessierte mich, und deshalb hätte ich gern gesehen, wie sie aussah.

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