Memory und Wackelturm

Als ich in der dritten Klasse war, ging ich jeden Dienstag Nachmittag zu einer Therapeutin, weil ich lernen sollte, wie man spielt und wie man redet und wie man Freunde findet. Und ich lernte, mit dem Bus allein zur Therapie zu fahren, weil das die Erwachsenen so wollten. Das Schwierige daran war nur, dass ich mit dem Busfahrer reden musste, um eine Fahrkarte zu bekommen, und ich redete nicht gerne, und die vielen anderen Leute, und ich hatte Angst vor anderen Leuten. Aber ich lernte sehr gut, allein mit dem Bus zu fahren.

Die Therapeutin hatte immer ein Tintenfass auf dem Tisch stehen, und einen Füller, mit dem sie manchmal Dinge aufschrieb. Sie wollte mit mir Fußball spielen, und mit Figuren im Puppenhaus und dass ich malte, aber das wollte ich nicht. Ich spielte nur zwei verschiedene Spiele bei der Therapeutin. Memory, dabei gewann ich immer, und ein Spiel, das Wackelturm hieß oder so, und dabei verlor ich immer. Das fand ich gerecht, dass jeder von uns mal verlor und mal gewann, da musste niemand von uns traurig sein. Ich spielte nichts anderes mit ihr, denn ich war mir sehr sicher, dass sie nur mit mir spielen wollte, um Dinge aus meinem Inneren zu erfahren, die sie dann mit ihrem Füller aufschreiben und meinen Eltern erzählen konnte. Ich wollte nicht, dass sie Dinge über mich wusste. Ich ging ganz gerne zur Therapeutin, weil ich spielte sehr gerne Memory.

Nachdem ich etwa ein Jahr lang jeden Dienstag Nachmittag Memory und Wackelturm mit der Therapeutin gespielt hatte, brachte ich einmal Fotos von meiner Schwester mit zur Therapie. Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, vielleicht hatte sie mich gefragt. Ich war sehr stolz und freute mich sehr, dass jemand Fotos von meiner Schwester anschauen wollte, denn sonst wollte niemand Fotos von meiner Schwester anschauen.

Ich reichte der Therapeutin die Mappe mit den Fotos, und meine Hände zitterten, und sie rückte ihre Brille zurecht. Sie machte es nicht richtig mit den Fotos. Sie sah sich die Fotos an, und sagte sowas wie, dass ich früher dickere Wangen gehabt hätte, oder wer wem am Ähnlichsten sah. Sie sagte die falschen Dinge. Sie sollte sowas sagen wie: „So eine schöne Prinzessin, das darf doch nicht sein, dass sie tot ist.“ Und sie sollte richtig sauer und traurig darüber sein, dass meine Schwester tot war, und dann sollte sie sie wieder lebendig machen. So sollte sie das machen. Ich guckte meine Schwester auf den Fotos an, und sie guckte zurück, und ich schluckte und zitterte, und die Therapeutin redete immer noch falsche Dinge, und ich weinte, obwohl ich eigentlich gar nicht weinen wollte. Ich weinte und weinte und weinte. Es war das erste Mal, dass ich weinte, weil meine Schwester tot war.

Irgendwann hörte ich auf zu Weinen, und die Therapeutin rief bei mir zu Hause an, und fragte, ob mich jemand abholen könnte, damit ich nicht mit dem Bus fahren müsste. Mein Vater wollte mich nicht abholen, ich hörte, wie er sagte, dass ich mit dem Bus fahren sollte, weil das könnte ich ja jetzt, und die Therapeutin versuchte, ihn zu überreden, mich abzuholen. Ich schämte mich, weil ich meinen Eltern Probleme machte.

Ich weiß nicht mehr, ob mich schließlich doch jemand abholte oder ob ich mit dem Bus heim fuhr. Danach ging ich nicht wieder zur Therapeutin. Ich wollte nicht mehr dorthin, weil ich wusste, dass sie Dinge aus meinem Inneren gesehen hatte, die eigentlich geheim waren. Weinen war blöd, ich war blöd, weil ich geweint hatte. Ich beschloss, nie wieder zu weinen.