Behinderte Prinzessin

Meine Schwester war behindert. Ich wusste nicht genau, was das bedeutete, aber da sie sich auch immer sehr prinzessinnenhaft benahm, glaubte ich, dass Behinderung einfach ein anderes Wort für Prinzessin war. Meine Schwester war wirklich sehr prinzessinnenhaft, ohne Frage. Sie ließ die Sachen für sich machen, sie ließ sich anziehen und füttern. Sie schrie nicht herum und machte keinen Unfug. Sie lag viel auf ihrem Sitzsack und tat nichts, wie das Prinzessinnen eben tun.
Ich hingegen, ich war alles andere als prinzessinnenhaft. Ich heulte, lachte und sang. Ich tat Sachen, die verboten waren. Ich aß gerne Süßigkeiten und stritt mich mit meinen anderen Geschwistern. Ich konnte nicht so lange still liegen, ohne dass mir langweilig wurde, und bewunderte sie, wie sie das schaffte, so prinzessinnenhaft zu sein, so würdevoll, edel und selbstlos. Ich wollte gerne so sein wie sie. Manchmal versuchte ich es, einfach nur Liegen und Nichtstun, nicht reden, nicht lachen, nicht fröhlich sein, nicht streiten.
Aber das gelang mir nie lange Zeit, ich wollte rennen und singen und lachen, und kam nicht dagegen an, und gleichzeitig schämte ich mich dafür.
„Tut mir leid, ich kann einfach nicht so sein wie du“, sagte ich zu ihr, traurig, aber sie trug es mit Fassung. Auch wenn sie krank war, und sie war öfter krank, trug sie es mit Fassung und beschwerte sich nicht. Überhaupt, sie beschwerte sich nie. Sie beschwerte sich nie darüber, dass sie nicht laufen und sprechen und lachen konnte, sie war deswegen nicht böse, sondern nahm es so hin, wie das Prinzessinnen eben tun.

Ich war sehr stolz darauf, dass meine Schwester behindert war, dass sie eine Prinzessin war. Ich kannte sonst niemanden, der eine Prinzessin als Schwester hatte. Wenn Besuch kam, legte ich großen Wert darauf, dass meine Schwester so begrüßt wurde, wie es sich für die Begrüßung von Prinzessinnen gehört. Da meine Schwester eine Prinzessin war, die nicht sehen, aber fühlen konnte, wies ich die Leute an, sie kurz zu streicheln.

Dass sie eine Prinzessin war, erkannte man auch daran, dass sie morgens von einem kleinen Bus von zu Hause abgeholt wurde, der sie in den Kindergarten fuhr. Dass ich keine Prinzessin war, konnte man daran erkennen, dass ich in einen anderen Kindergarten ging, und dahin laufen musste. Sie ging in einen Prinzessinnen-Kindergarten, wo noch andere Königskinder waren, sie hatte es sehr nett da, während mir mein Kindergarten gar nicht gefiel. Am liebsten wäre ich zusammen mit ihr in den Königskinder-Kindergarten gegangen, aber da ich keine Prinzessin war, durfte ich das nicht.
Einmal die Woche kam eine Frau zu uns, die nur herkam, um mit meiner Schwester zu spielen, auch daran merkte man, dass meine Schwester eine Prinzessin war. Die Frau kam mit einem Auto, und im Auto hatte sie das beste Spielzeug der Welt, Prinzessinnen-Spielzeug, Igelbälle zum Beispiel. Ich durfte helfen, das Spielzeug aus dem Auto zu holen, darüber war ich sehr glücklich. Ich war auch sehr glücklich darüber, dass ich immer mitspielen durfte.

Als meine Schwester tot war, kam die Frau nicht mehr zu uns zum Spielen und der Fahrer mit dem kleinen Bus, der sie in den Königskinder-Kindergarten gefahren hatte, kam auch nicht mehr. Das Leben in unserer Familie änderte sich, und es deutete nichts mehr darauf hin, dass es mal eine Prinzessin gegeben hatte, keine Königskinder-Kindergarten-Busse mehr und keine Igelball-Auto-Spiel-Frauen.

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8 Gedanken zu “Behinderte Prinzessin

  1. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ – und du schreibst auf, was du mit deinem Herzen siehst. Es ist so voller Liebe und ehrendem Angedenken. Ich stelle mir vor, du könntest das alles deiner Schwester vorlesen. Ich stelle mir vor, sie würde staunen über die Dinge, die sie durch deine Augen sehen könnte. So ein Gedenken ist Trost und Liebe und Wärme. Ich stelle mir vor, dass du sie sehr froh machen würdest. Schade, dass wir uns nicht durch die Augen unserer Verstorbenen sehen können, indem sie uns davon erzählen, wie alles für sie war.

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