Unsichtbar

Die Leute schauten meine Schwester an. Weil sie so schön war. Und klar, weil sie eine Prinzessin war, und Prinzessinnen muss man sich anschauen, das ist auch klar. Das gehört sich so. Manche Leute guckten meine Schwester so an, als hätten sie noch nie eine Prinzessin gesehen. Vielleicht hatten sie wirklich noch nie eine Prinzessin gesehen, und dann war es gut, dass sie nun eine Prinzessin angucken konnten. Es gab auch welche, die sich wunderten, weil meine Schwester nicht gehen und nicht reden konnte und andere Dinge auch nicht konnte. Ich fand nicht, dass das etwas war, über das man sich wundern musste. So war meine Schwester einfach. Aber natürlich, wenn man noch nie eine Prinzessin gesehen hatte, dann war das wohl etwas, über das man sich wundern musste.

Wenn die Leute fertig damit waren, meine Schwester anzuschauen, dann guckten sie unsere Eltern an, die waren schließlich die Eltern der Prinzessin, und dann guckten sie mich und meine anderen Geschwister an, aber nicht so lange, wir waren ja keine Prinzessinnen. Natürlich mochten alle Leute Prinzessinnen viel lieber als normale Kinder, weil Prinzessinnen schöner sind und vornehmer und nicht so frech und weil sie keine Schimpfwörter sagen und sich nicht streiten. Ich war keine Prinzessin, auch wenn ich manchmal lieber eine sein wollte und manchmal nicht.

Als meine Schwester tot war, guckten die Leute mich und meine anderen Geschwister an, denn es gab ja keine Prinzessin mehr, die sie anschauen konnten. Das war gegen die Regel. Das war blöd. Ich wollte nicht angeschaut werden. Ich war ja keine Prinzessin. Ich wollte lieber wieder unsichtbar sein.

 

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So, als würde man gegen sich selbst kämpfen, so schwierig ist das

Manchmal wollte ich lieber zwei Personen gleichzeitig sein. Ich wollte ich selbst sein, klar, und ich wollte auch meine Schwester sein, damit sie nicht so tot sein musste, und weil das so traurig war und so gemein. Und damit niemand meine Schwester vergessen konnte. Ich dachte viel darüber nach, und ich fand, mein Körper war groß genug für uns beide, und sie konnte ruhig ein Bein und einen Fuß und einen Arm und eine Hand und meinen halben Kopf abhaben von mir.
Es war trotzdem schwierig, zwei Personen gleichzeitig zu sein. Wenn ich redete, dann dachte ich daran, dass sie nicht reden konnte, und wenn ich rannte, dann dachte ich daran, dass sie nicht rennen konnte, und wenn ich spielte und Fahrrad fuhr, dann dachte ich auch daran, dass sie das nicht konnte, und so weiter. Und wenn mich jemand rief, dann rief er mich bei meinem Namen und nicht bei dem Namen meiner Schwester, und das war falsch, und machte mich traurig, aber andererseits war das auch trotzdem richtig, und das machte mich manchmal ganz schwindelig im Kopf.

Wenn man zwei Personen sein will, obwohl man eigentlich nur eine Person ist, das ist nämlich eine richtig komplizierte Sache. Das ist sehr schwer, so als würde man gegen sich Memory spielen oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder so, und als würde jeder dabei gewinnen wollen. Oder als würde man gegen sich selbst kämpfen. So ist das, so schwierig.
Auch wenn ich so gerne wollte, dass meine Schwester gewinnen würde und ich so werden wollte wie sie, weil ich so traurig fand, dass sie tot sein musste, gewann meistens ich. Weil es so schwierig für mich war, so zu sein wie sie, weil ich so gerne rannte und spielte. Weil ich so gerne gewann und so gerne ich war, heimlich. Ich schämte mich, dass ich so eine schlechte Schwester war.

Über die Liebe

Irgendwann, ich weiß nicht mehr genau, wann, aber es muss nach dem Tod meiner Schwester gewesen sein, fiel mir plötzlich auf, dass die anderen Menschen meine Schwester nicht mit der gleichen Stärke liebten wie ich das tat. Und manche liebten sie auch überhaupt gar nicht.
Ich fand aber, das sollten sie. Sie sollten meine Schwester lieben. Alle Menschen sollten meine Schwester lieben, alle Menschen, die auf dieser Welt lebten, sollten meine Schwester lieben, gefälligst. Weil meine Schwester war doch toll, und eben eine Prinzessin, und Prinzessinnen sind berühmt auf der ganzen Welt und jeder liebt sie, und deshalb sollten sie meine Schwester auch lieben.
Der Grund,  weswegen die anderen Menschen meine Schwester nicht lieben wollten, war einfach. Sie fanden, dass meine Schwester ein sehr wertloser Mensch gewesen war, und darum waren sie auch nicht so traurig darüber, dass sie tot war. Warum die Menschen meine Schwester für wertlos hielten, war schon schwieriger zu verstehen. Aber ich erkannte, dass sie keinen Sinn für Prinzessinnen hatten, und vielleicht hatten sie gar nicht bemerkt, dass meine Schwester eine Prinzessin war.
Die Menschen achteten viel zu viel darauf, was meine Schwester nicht konnte, und nicht darauf, was sie konnte. Sie war nicht gut im Sport, sie konnte nicht singen, sie konnte keine spannenden Geschichten erzählen, sie hatte keine Pläne und merkwürdigerweise war sie auch nicht besonders berühmt, obwohl sie ja eine Prinzessin war. Sie war einfach da und fühlte, und das war den meisten Menschen zu wenig, und dann war sie plötzlich nicht mehr da, und das war den meisten Menschen egal, denn sie war ja sowieso ziemlich wertlos gewesen. Und deswegen, weil sie so ein wertloser Mensch war, wollten sie meine Schwester nicht lieben.

Und weil das so war, und die Menschen meine Schwester nicht lieben wollten, beschloss ich, meine Schwester noch viel mehr zu lieben, um all diese dummen Menschen überall auf der Welt auszugleichen, die meine Schwester nicht lieben wollten. Und ich hoffte, dass meine Schwester in ihrem Sarg unter der Erde dadurch nicht merkte, dass so viele Menschen sie nicht liebten, denn das hätte sie sicher sehr traurig gemacht. Manchmal war es eine sehr schwierige Aufgabe, meine Schwester so viel zu lieben, weil ich immer Angst hatte, dass meine Liebe nicht reichen würde. Und außerdem hatte ich dadurch weniger Liebe für andere Menschen oder Sachen übrig.
Es wäre also besser gewesen, wenn alle Menschen meine Schwester ein bisschen geliebt hätten, dann hätte ich nicht ganz allein ganz viel lieben müssen. Dann hätte ich ohne Probleme ein bisschen weniger lieben können und alles wäre okay gewesen. So aber musste ich meine Schwester sehr, sehr viel lieben, und das war stressig. Vielleicht war ich die einzige, die sie wirklich liebt, dachte ich oft, und damit konnte ich ja unmöglich aufhören, denn dann wäre niemand mehr da, der sie liebt, und das war eine sehr traurige Vorstellung.

Jeder hat für irgendwas Verantwortung. Ich hatte Verantwortung dafür, dass ich meine Hausaufgaben machte, zum Beispiel, und eben auch dafür, dass meine Schwester geliebt wurde, weil sich sonst niemand darum kümmerte, ob sie genug Liebe bekam. Und wenn man tot ist, dann braucht man viel Liebe.