Wir Kinder und der Tod

Wir Kinder, wir wissen vielleicht nicht vorher, dass jemand sterben wird. Weil, wir kennen den Tod noch nicht. Und nur, weil jemand krank ist oder manchmal ganz blau im Gesicht wird, weil er keine Luft mehr bekommt, wissen wir doch nicht, dass jemand sterben wird. Woher sollen wir das wissen? Wir leben und glauben, dass wir unsterblich sind. Vielleicht sterben alte Menschen, vielleicht. Aber meine Schwester war ein Kind, und Kinder sterben nicht, und dass sie manchmal blau wurde, gehörte zu ihr, wie andere Kinder viele Sommersprossen haben oder gerne tanzen. Und meine Schwester wurde eben manchmal blau, na und, deshalb muss sie doch nicht sterben.

Also sagt es uns, dass jemand sterben wird, wenn es so ist und ihr es wisst, denn wir wissen es nicht. Geht nicht davon aus, dass wir es wisssen, weil vielleicht wissen wir es nicht, weil Blauwerden für uns nicht mit dem Tod verknüpft ist. Redet mit uns darüber, damit wir irgendwie darauf vorbereitet sind, und dass wir Abschied nehmen können. Wenn diese Person dann stirbt, dann sind wir trotzdem geschockt und durcheinander, und später vielleicht traurig und wütend, aber es trifft uns vielleicht nicht ganz so unvorbereitet. Dann können wir vielleicht besser verstehen, was passiert, was wir fühlen, und fühlen uns nicht mehr ganz so ohnmächtig und hilflos.

Und wenn jemand gestorben ist, dann lasst uns nicht irgendwo am Rand stehen, als wären wir nicht da. Wir wollen uns nicht ausgeschlossen fühlen und als unzureichend empfinden, nur weil wir keine Worte haben und keine Tränen. Nur weil wir nicht weinen und nicht reden, weil wir vielleicht gar keine Worte haben dafür, weil wir das nicht kennen und die Gefühle zu viele sind und zu schmerzhaft. Vielleicht hat unsere  Trauer nicht so viel zu tun mit Weinen und Reden, vielleicht spielen wir und tun so wie immer, weil wir nicht wollen, dass sich etwas ändert. Nur, wir brauchen trotzdem jemand, der uns hält und bei uns ist und uns nicht allein lässt. Wenn jemand stirbt, dann ist das vielleicht zu schmerzhaft für uns allein.

Vielleicht muss man uns Beerdigungen erklären. Denkt nicht, dass wir etwas, nur weil es immer so gemacht wird, verstehen. Weil Dinge, die man liebt, vergräbt man doch normalerweise nicht in der Erde. Vielleicht muss man uns auch Trauerfeiern und Gottesdienste erklären, und warum sich alle schwarz anziehen und warum ich dieses doofe Kleid anziehen soll.

Wir Kinder, wir sind gut darin, uns neue Ordnungen zu überlegen, um die Sicherheit unserer Welt wiederherzustellen. Wir können uns den Tod anderer mit unserem eigenen Handeln erklären, weil wir daran glauben, dass alles, was passiert, mit uns zu tun hat. Erklärt uns, warum jemand gestorben ist, immer und immer wieder, damit wir es verstehen lernen.

Lasst uns Fragen stellen, immer wieder gleiche und andere Fragen, Fragen die euch albern vorkommen. Auch Jahre später noch, denn unser Denken verändert sich, je älter wir werden und unsere Fragen verändern sich damit auch. Redet mit uns darüber, damit wir nicht immer die sein müssen, die davon anfangen. Wenn ihr nicht davon redet, denken wir, ihr hättet kein Interesse oder hättet schon vergessen, was passiert ist, und wir fühlen uns dumm und schweigen und bleiben allein.

Lasst uns Bilder malen und Briefe schreiben und schreien und wütend sein und traurig. Wir brauchen andere, die uns zeigen, wie man das macht mit diesen Gefühlen, dass man traurig sein kann und weinen und lachen. Wir brauchen jemand, der mit uns redet, damit wir herausfinden können, was wir fühlen und wie man damit umgehen kann, und damit wir nicht allein bleiben. Wir brauchen Ausdrucksformen, für das, was in uns ist.

Bleibt bei uns, wenn wir erkennen, dass auch wir hätten sterben können und werden, und wenn uns ganz schwindelig wird bei diesem Gedanken.

Wir Kinder, wir haben noch nicht gelernt, wie man Erinnerungen konserviert. Wir brauchen jemand, der Fotos für uns macht, der für uns sammelt, der uns erzählt, wie es war, ein Stück von unserem Leben.

 

Ich habe meiner Schwester nicht Tschüss gesagt

Ich habe meiner Schwester nicht Tschüss gesagt.

Ich weiß nicht genau, warum nicht, denn dass man Tschüss sagen und höflich sein soll, das bekommt man ja schon früh beigebracht. Vielleicht war es, weil sich alles in mir eingefroren anfühlte und starr und alles wehtat und ich gar nicht so schnell verstand, vielleicht habe ich ihr deshalb nicht Tschüss gesagt.

Normalerweise war es so, dass die Erwachsenen sehr gut aufpassten, dass man sich benahm und „hallo“ und „tschüss“ und „danke“ sagte. Wenn man in der Metzgerei ein Stück Fleischwurst bekam oder wenn man irgendwas anderes bekam. Im Kindergarten gab es die Regel, dass man der Erzieherin die Hand geben und „tschüss“ sagen musste, jeden Tag, wenn man abgeholt wurde und nach Hause ging. Ich mochte das überhaupt nicht, ich fand das blöd, und meine anderen Geschwister fanden das auch blöd, und trotzdem machten wir es, weil es diese Regel gab.
Dummerweise gab es keine Regel dafür, wie man sich verhalten soll, wenn die Schwester gestorben ist. Und die Erwachsenen, die sonst so gut aufpassten, ob man höflich war, passten nicht auf, ob ich „danke“ und „tschüss“ sagte, denn sie waren beschäftigt mit Weinen und Traurigsein und Reden. Das war sowieso komisch, denn ich hatte meine Eltern nie zuvor weinen sehen, und nun weinten sie und achteten nicht mehr auf Regeln, das war komisch und auch ziemlich besorgniserregend.

Ich sagte ihr also nicht Tschüss, ich blieb dort stehen, wo ich stand, bewegungslos, sie lag tot in ihrem Sitzsack ein paar Schritte von mir entfernt, aber so fern, unglaublich fern, und die Angst war in meinem Körper ausgelaufen.
Erst später, als sie schon in der Erde vergraben war, fiel mir auf, dass ich ihr gar nicht Tschüss gesagt hatte. Ich war traurig deswegen, dass ich sie nicht nochmal umarmt oder gestreichelt oder ihre Hand gehalten hatte.

Denn ich weiß gar nicht mehr, wie sie sich anfühlte.

Der Tod

Eigentlich konnte man wegen fast allem verhandeln, nur der Tod war unerbittlich. Wenn man nicht ins Bett gehen wollte, sondern lieber spielen, wenn man kein Gemüse essen wollte oder das Müsli ohne Rosinen, dann konnte man darüber diskutieren, und es gab Kompromisse, die man finden konnte.
Nur der Tod kam einfach so, ohne dass er sich angemeldet hatte oder ohne, dass er eingeladen wurde. Er nahm keine Rücksicht darauf, was er kaputt machte, und war für überhaupt nichts gut. Er machte keine Kompromisse. Er interessierte sich nicht dafür, wenn ich sagte: „Warte doch bitte noch ein bisschen“, und deswegen hasste ich ihn. Er interessierte sich noch nicht mal dafür, dass ich ihn blöd fand. „Ich habe doch Leben gesagt“, schrie ich ihn an, und mein Kopf wurde ganz rot vor Wut. Das war dem Tod egal.
„So will niemand dein Freund sein“, sagte ich zum Tod und schüttelte verärgert mit dem Kopf, so wie das die Erzieherinnen im Kindergarten sagten, wenn ein Kind die anderen nicht mitspielen lassen wollte oder wenn ein Kind ein anderes haute oder biss. „So will niemand dein Freund sein.“ Der Tod war der einzige, den das nicht interessierte, vielleicht, weil er nicht gekommen war, um Freunde zu finden.

 

 

Hallo, wir haben etwas verloren, wir müssen nochmal zurückgehen

Das vielleicht Merkwürdigste an dem Tod meiner Schwester war, dass die Welt danach einfach weiterlief, als sei nichts passiert. Das Radio lief weiter, die Busse fuhren, die Menschen gingen spazieren und einkaufen und zur Arbeit und auf den Spielplatz, im Kindergarten saßen die Erzieherinnen am Tisch, tranken Kaffee und unterhielten sich, wie sie es immer taten, die Kinder spielten und stritten sich und waren laut. Meine Schwester starb, und es änderte sich nichts. Überhaupt nichts. Das war merkwürdig, mehr als merkwürdig, fand ich, und fast nicht auszuhalten.
Ich hätte es verstanden, wenn mit dem Tod meiner Schwester die ganze Welt zerborsten wäre. Oder wenn alle Menschen bewegungs- und lautlos geworden wären. Wenn die Welt stehengeblieben wäre. Oder wenn es angefangen hätte stark zu regnen, und dieser Regen nie wieder aufgehört hätte. Das hätte ich verstanden, ja, nicht nur verstanden, sondern auch irgendwie erwartet, schließlich war meine Schwester gestorben. Oder ein lauter Knall, auf der ganzen Welt zu hören, das wäre doch das Mindeste gewesen.
Aber nichts dergleichen geschah. Das Leben lief weiter. Vielleicht, dachte ich,  vielleicht dauert es, bis alle wissen, dass meine Schwester tot ist. Ein paar Tage, doch dann, dann würde die Welt stehenbleiben.

Die Tage vergingen, und es lief immer noch alles so weiter wie vorher, das Radio und die Busse und die Menschen und die Kinder, und das verstand ich nicht. Meine Schwester war schließlich gestorben, und meine Schwester war ja nicht irgendwer, sondern eine Prinzessin. Es kann doch nicht sein, dass eine Prinzessin stirbt, und die Leute leben so weiter und tun so, als sei nichts passiert. „Hallo, wir haben etwas verloren! Wir müssen nochmal zurückgehen, solange, bis wir es wiedergefunden haben, und dann festhalten“, wollte ich den Menschen, die so taten, als sei nichts passiert, sagen. Ich wollte sie anschreien, damit sie endlich aufhören würden, sich zu bewegen, damit sie endlich ganz leise sein würden.

Aber ich schrie nicht. Ich war ganz leise, ganz leise, und versuchte, mich unsichtbar zu machen, und hoffte dabei, dass alles um mich herum auch unsichtbar werden würde. Das Radio, die Busse, die Menschen, die Kinder. Schließlich war meine Schwester gestorben.

Festhalten, festhalten und nicht mehr loslassen

Ich war nicht damit einverstanden gewesen, dass meine Schwester starb, und das Schlimmste daran war, dass sie so weit weg war und dass es so weh tat. Daran, dass sie tot war, daran hätte ich mich vielleicht gerade noch gewöhnen können, denn zwischen tot und lebendig gab es bei meiner Schwester, anders als bei anderen Menschen, keinen großen Unterschied. Sie konnte schon vorher, bevor sie starb, nicht viel. Nur fühlen, das konnte sie prächtig, und daran änderte auch ihr Tod nichts. Ich möchte nicht sagen, dass es mir gleichgültig war, als sie starb, im Gegenteil, es war ein großer Schock für mich, und ich spürte innerlich, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Aber wenn niemand gekommen wäre, um sie abzuholen, in einen Sarg zu legen und in der Erde zu vergraben, dann wäre es fast so gewesen, als wäre nichts passiert, und ich hätte mir einbilden können, es sei alles wie immer. Ob nun tot oder lebendig, das ist mir sowas von egal, dachte ich, ich will sie einfach haben, sie soll hier sein und nicht so weit weg. Ihr könnt mir doch nicht einfach so meine Schwester wegnehmen!
Sie kamen in unser Wohnzimmer und holten sie aus ihrem Sitzsack, als wäre es das normalste der Welt. Ich war zu geschockt, um irgendwas zu tun oder zu sagen, aber später, später dachte ich, ich hätte sie festhalten und nicht mehr loslassen sollen. Festhalten und nicht mehr loslassen. „Nein, ich gebe sie nicht her. Entweder ihr beerdigt uns beide oder keinen von uns.“ Festhalten und nicht mehr loslassen, bis sie sagen: „Okay gut, es bleibt alles so, wie es war.“ Und sie schwören, dass sie nicht mehr auf so dumme Gedanken kommen. Meine Schwester verbuddeln, was soll denn sowas?
Aber ich versagte, sie nahmen meine Schwester mit und beerdigten sie. Im Nachhinein ärgerte ich mich darüber, dass ich nichts unternommen hatte, und meine Schwester lag bestimmt in ihrem Sarg unter der Erde, tippte sich spöttisch an den Kopf und hielt mich für feige. Es gab also durchaus Situationen, in denen ich meine Schwester hätte retten können, aber ich, ja ich war zu feige. Für meine Schwester wäre es sicher besser gewesen, sie hätte eine mutigere Schwester gehabt, aber Schwestern kann man sich ja nicht aussuchen, auch Prinzessinnen können das nicht.
Und dann waren da die Schmerzen. Es fühlte sich an, als hätten sie mich in der Mitte durchgeschnitten, mit viel Gewalt auseinandergerissen, als wäre unglaublich viel Blut geflossen. Als wäre ich nur noch ein halber Mensch, nicht mehr vollständig und mit einer Wunde, die nun immer da bleiben, nicht mehr heilen würde, groß und schmerzhaft. Ich wollte schreien, ganz laut schreien, aber ich schrie nicht. Ich war wie erstarrt, wie gefroren. Die Schmerzen waren das Schlimmste an der ganzen Sache.

Ein paar Tage später ging ich wieder in den Kindergarten. Ich sollte mein normales Leben weiterleben, mit einer riesigen klaffenden Wunde, die für andere unsichtbar war. Als sei nichts passiert. Dabei wusste ich gar nicht, wie man das macht, weiterleben. Überhaupt, wie lebt man ohne eine Prinzessinnen-Schwester? Ich war darin nicht besonders geübt, und machte einen Fehler nach dem anderen. Die Leute schüttelten den Kopf über mich, weil ich nicht redete und nicht lachte und nicht spielte, weil ich nicht so war wie die anderen Kinder, weil ich anders war, und verstanden nicht, dass ich gerade noch dabei war, mich an meine Hälftenhaftigkeit zu gewöhnen.

Als meine Schwester starb, habe ich nicht geweint

Als meine Schwester starb, saßen unsere Eltern auf Stühlen neben der Heizung und weinten, und wir Kinder saßen auf dem Sofa und weinten nicht. Meine Schwester lag in ihrem Sitzsack und war tot. Ich war sehr geschockt, weil ich nie gedacht hätte, dass sie sterben würde. Ich hätte einfach nie damit gerechnet. Ich wusste, dass sie behindert war, aber dass sie sterben würde, das wusste ich nicht. Warum auch? Wie soll man denn bitte schön vom Herumliegen sterben?

Ich hatte schon Pläne gemacht, für uns beide. Mir war klar, dass es für sie später schwierig werden könnte, einen Mann zu finden, da sie ja nicht sprechen und nicht laufen konnte und auch vieles andere nicht. Deshalb hatte ich beschlossen, dass ich einen Mann für uns beide finden würde, den wir dann eines Tages gemeinsam heiraten würden. So war das geplant! So und nicht anders!

Irgendwann kam jemand, um sie in einen Sarg zu legen, auch das war nicht geplant.