Das blöde Gemisch

Lange Zeit wusste ich nicht, dass das, was in mir ist, Trauer ist. Und da war niemand, der mir das erzählte. Überhaupt gab es keine Worte für das, was in mir war. Ich wusste nur, dass da ein blödes Gemisch von blöden Gefühlen in mir war, Gefühle, die machten, dass ich Angst bekam und dass ich mich traurig und wütend fühlte und anders. Anders, weil ich die einzige auf der ganzen Welt mit diesen Gefühlen war und deshalb gab es auch keine Worte dafür.
Das blöde Gemisch saß dort, wo das Herz ist, unter der Brust, und machte den Körper schwer. Manchmal wollte es aus meinem Körper herauskommen, aber ich drängte es zurück. Ich wollte nicht anders sein und auch nicht traurig oder wütend und Angst haben wollte ich auch nicht. Ich machte den Mund ganz fest zu, damit das blöde Gemisch nicht aus meinem Körper herauskommen könnte. Das war ziemlich anstrengend, weil das blöde Gemisch war ziemlich stark und ich nicht.

Ich wollte lieber meine Schwester zurück haben, damit das blöde Gemisch weg ging. Ich wollte sowieso lieber meine Schwester zurück haben, weil sie gehörte zu mir und nirgendwo sonst hin. Und ich wartete und wartete und wartete, aber sie kam nicht wieder.
Und das blöde Gemisch blieb und gehörte ebenso zu mir, wie meine Schwester zu mir gehört hatte. Es war gut, dass wenigstens irgendwas von meiner Schwester bei mir war, und ich wollte das blöde Gemisch nicht mehr hergeben. Es blieb und ich gewöhnte mich daran, dass es da war. Es machte immer noch, dass ich Angst hatte und traurig war und anders und es tat weh, aber es war da, und es war gut, dass es da war.

Als ich erwachsen war, redete ich zum ersten Mal mit anderen Leuten über das blöde Gemisch in meinem Körper. Sie sagten, dass ich das blöde Gemisch gehen lassen sollte. Dieser Gedanke machte mir noch viel mehr Angst als das blöde Gemisch selbst. Wenn das blöde Gemisch weg wäre, dann wäre auch meine Schwester weg, ganz weit weg, noch viel weiter weg als vorher. Und außerdem wusste ich auch gar nicht, wie das gehen sollte, denn das blöde Gemisch wollte nicht gehen.
Aber ich beschloss, dass blöde Gemisch nochmal genau anzugucken. Auch das machte mir Angst, ganz viel Angst. Denn auch wenn das blöde Gemisch schon so lang in meinem Körper war, hatte ich es nie richtig angeschaut. Weil ich Angst hatte, weinen zu müssen und nie wieder damit aufhören zu können. Oder Angst davor, verrückt zu werden.

Ich fing damit an, das blöde Gemisch in seinen Einzelteilen anzugucken. Da waren Erinnerungen und Sätze, die gesagt wurden und die ich auswendig konnte, Geschichten und Dinge wie Angst und Schuldgefühle, Schmerzen und Glück, Wut und Traurigkeit und Liebe. Das war meine Trauer, irgendwo da war meine Trauer.
Da war Trauer darum, dass meine Schwester tot war, und Trauer darum, dass ich mich so unvollständig fühlte und Trauer um das Kind, dass ich gewesen war und um meine Kindheit.

Es war okay, das blöde Gemisch anzusehen und gar nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte. Ich hatte keine Angst mehr vor dem blöden Gemisch, oder vielleicht noch ein bisschen und nicht mehr so viel. Es machte mich stark, dass ich die Trauer angeguckt hatte.

Es darf bleiben, das blöde Gemisch, weil meine Schwester ist tot. Es darf sich verändern und anders mischen. Ich tausche die Angst ein gegen das Glück, denn meine Schwester war hier.

 

Mit diesem Text beteilige ich mich an der Blog-Aktion Alle reden über Trauer des Blogs In lauter Trauer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “Das blöde Gemisch

    1. Danke für deinen Kommentar. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich als Kind den Begriff „Trauer“ nicht richtig verstanden habe, bzw. diessr Begriff war für mich mit Traurigkeit verbunden, aber ich war ja nicht nur traurig, sondern vor allem auch richtig wütend darüber, weil ich den Tod meiner Schwester einfach ungerecht und falsch und gemein fand. Also hätte mich jemand gefragt, ob ich Trauer fühle, hätte ich wahrscheinlich verneint, sondern eher gesagt, dass dieses blöde Gemisch in mir ist.

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      1. sehr schlau, Kinder sind oft Klüger ❤
        Mir haben als Erwachsene noch viele Gefühlsbegriffe gefehlt inzwischen hab ich festgestellt das das normal ist – ich berate in diesem Bereich – und das es echt ein Lernfeld ist, was fühle ich eigentlich und wie heißt das… allerdings sind die Listen die ich da hab nicht kreativ, aber oft sehr hilfreich ❤

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    1. Ich danke dir für deinen Kommentar und dein irgendwie-immer-hier-Sein.

      Ich bemerke bei mir eine Entwicklung, die in diesem Jahr, seit ich diesen Blog führe, passiert ist. Vielleicht, weil ich durch das Schreiben vieles ordnen konnte. Früher hätte ich nicht das Wort Glück in diesem Zusammenhang verwendet, früher habe ich mich gefragt, was soll da Glück bzw. etwas Gutes sein, meine Schwester ist tot. Es ist auch immer noch nichts Gutes daran, dass sie tot ist, im Gegenteil. Aber ich kann inzwischen dieses Glück, dass sie hier war und meine Schwester war, erkennen. Ich liebe meine Schwester sehr, und daran kann nichts verkehrt sein.

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